Der Kreml

Gottesruhm und Zarenpracht

13. Februar bis 31. Mai 2004

„Über Moskau geht nur der Kreml, und über dem Kreml ist nur noch Gott“, wusste der Volksmund früher zu berichten. In seiner Doppelfunktion als Zentrum der politischen und religiösen Macht wurde der Moskauer Kreml von den Russen stets als identitätsstiftender Mittelpunkt des Reiches empfunden und als solcher auch weit über die Staatsgrenzen hinaus wahrgenommen. Bewundert und gefürchtet, konnte sich der Kreml in seiner bald 800-jährigen wechselvollen Geschichte zum Symbol des russischen Staatswesens, des orthodoxen Glaubens und der russischen Kultur entwickeln.

Dem vielschichtigen Mythos Kreml näher zu kommen, ihn aus der heutigen Perspektive zu betrachten und in einen breiteren kulturellen Kontext zu stellen, dazu soll diese Ausstellung beitragen.
Vor dem Hintergrund markanter Ereignisse aus der russischen Geschichte und mit dieser auf das Engste verwoben, werden dem Besucher Höhepunkte der kulturellen Entwicklung rund um den Moskauer Kreml vom 12. bis zum 19. Jahrhundert vor Augen geführt, darunter die Entstehung dieses einzigartigen Architekturensembles, das Kunstschaffen der berühmten Kreml-Werkstätten und die Herausbildung einer eigenständigen Ästhetik innerhalb der russisch-orthodoxen Sakralkunst.

Im ausgehenden 12. Jahrhundert begann der unaufhaltsame Aufstieg Moskaus von einem bescheidenen Marktflecken im russischen Nordosten zum machtbewussten Zentrum „der gesamten Rus“. Der im 15. und 16. Jahrhundert unter der Mitwirkung italienischer Renaissancearchitekten umgestaltete Kreml bot den dort residierenden Großfürsten und Metropoliten einen würdigen Rahmen für ihre Herrschaft.

Die Krönung Iwans IV. des Schrecklichen zum Zaren 1547 drückte ein neues Selbstverständnis des Moskauer Staates aus: Er trat jetzt als legitimer Erbe des byzantinischen Kaisertums – als das „Dritte Rom“ – in Erscheinung und schickte sich an, seine Großmachtträume zu verwirklichen. Damit rückte Moskau wieder zunehmend ins Blickfeld der internationalen Politik- und Handelsinteressen: Kostbare Geschenke der Könige von England, Schweden oder Polen, des türkischen Sultans wie des persischen Schahs zeugen von intensiven Bemühungen um die Gunst der Kreml-Fürsten.

Mit einem prachtvollen Feuerwerk zum Jahreswechsel 1699/1700 ließ Peter I. in Moskau den Eintritt Russlands in ein neues Zeitalter feiern. Die Einführung des Julianischen Kalenders sollte das beispiellose Reformwerk des Herrschers einleiten. Den imperialen Ansprüchen seines Reiches entsprach er schließlich mit der eigenen Krönung zum Kaiser 1721 in der Moskauer Himmelfahrts-Kathedrale (sie blieb bis zum Ende der Monarchie 1917 die Krönungskirche der russischen Herrscher). Es war der Tag seines größten Triumphes. Ein anderer Kaiser, Napoleon I., erlebte hier 1812 seine bitterste Stunde, als er von der Terrasse des verlassenen Kreml auf das menschenleere, brennende Moskau herabblicken musste.

Zu sehen sind gut 300 hochkarätige Werke aus den Bereichen Ikonen- und Porträtmalerei, liturgische Geräte, Geschmeide und Textilien, Rüstungen und Waffen, Bücher und historische Karten sowie kostbare Geschenke ausländischer Gesandtschaften an die Zaren. Sie sollen die Bedeutung Russlands innerhalb der europäischen Kulturgeschichte, das Schaffen der berühmten Kreml-Werkstätten und die eigenständige Ästhetik der russischorthodoxen Kunst dokumentieren.

Der Mythos Kreml ist gleichzeitig untrennbar mit seiner eindrucksvollen Architektur verbunden. Hinter den nacheinander aus Eichenstämmen, weißem Kalkstein und rotem Ziegelmauerwerk errichteten Schutzmauern ließen die russischen Herrscher und Kirchenfürsten die Festung stets erweitern und imposante Repräsentationsbauten errichten. Die wichtigsten Phasen dieser Entwicklung vom frühen Mittelalter bis in unsere Zeit werden in der Ausstellung mit Hilfe einer aufwändigen CAD-Rekonstruktion anschaulich gemacht.

Das Ausstellungsprojekt entsteht in enger Kooperation mit dem Staatlichen kulturhistorischen Museum „Moskauer Kreml“, aus dessen legendären Sammlungen die Ausstellung bestückt wird. Einige ergänzende Objekte aus namhaften russischen und europäischen Museen sollen die Einzigartigkeit des historischen und kulturellen „Standorts Kreml“ zusätzlich unterstreichen.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Katalog mit Abbildungen aller ausgestellten Objekte sowie mit Textbeiträgen russischer und deutscher Autoren begleitet. Ein Rahmenprogramm mit Filmen, Musik- und Literaturdarbietungen wird die Präsentation um zusätzliche Aspekte bereichern.

Zur Geschichte des Kremls

zweites Viertel des 12. Jh. bis etwa zur Mitte des 12. Jh. - Die Besiedlung des Borowizki-Hügels beginnt
1147 – Erste urkundliche Erwähnung von Moskau in der Ipatjew-Chronik
1156 – Errichtung der ersten Festung Moskow am Rande des Wladimir-Suzdaler Fürstentums durch den Kiewer Fürsten Juri Dolgoruki wird abgeschlossen
1238 – Moskau wird nach erbittertem Widerstand gegen die Horden des Batu Khan in Schutt und Asche gelegt
1326 – Metropolit von Kiew und ganz Russland - Peter - verlegt seinen Sitz aus der anerkannten Hauptstadt Wladimir nach Moskau
1326 - 1327 Erster bezeugter steinerner Ausbau des Kreml und der Maria-Entschlafens-Kathedrale (Uspenskij Sobor) anstelle hölzerner Kirche, nördlich von ihr entstehen erste Häuser des Metropolitenhofes
1344 – Die Maria-Entschlafens-Kathedrale wird von den griechischen Meistern ausgemalt
1380 – Siegreiche Schlacht gegen die Mongolen auf dem Schnepfenfelde am Don (Kulikowskaja Bitwa), Anfang vom Ende der Tatarenherrschaft. Der Moskauer Großfürst Dmitri bekommt den Beinamen Donskoj
1367 - 1368 – "Der Weiße Kreml“ wird errichtet (zum ersten Mal im Wladimir-Suzdaler Bereich), sein Territorium abermals vergrößert
1395 – Die Ikone "Gottesmutter von Wladimir", die Haupt- und Schutzheilige des gesamten Moskauer Landes, wird in das von Tamerlan bedrohte Moskau verbracht
1397 – Erste steinerne Kirche der dritten Bauperiode der Mariae-Verkündigungs-Kathedrale (Blagoweschtschenskij Sobor), 1408 ausgemalt von Feofan Grek (Theophanes der Grieche), Andrej Rubljow und Prochor aus Gorodez
~ 1399 – die Entstehung der ältesten erhaltenen mehrreiheigen Ikonostase unter Federführung von Feofan Grek, einige Ikonen werden Andrej Rubljow zugeschrieben
1453 – zahlreiche Reliquien werden nach Fall Konstantinopels nach Moskau gerettet – später mit ein Grund für den Anspruch, dessen Nachfolger zu sein
1462 - 1505 – Iwan III., erster „Zar der ganzen Rus“
2. H. 15. Jh. – Italienische Baumeister kommen nach Moskau
1480 – „Treffen an der Ugra“ – Iwan III. stellt seine Tributzahlungen ein; endgültige Abschüttelung des Mongolenjochs, Ende der Goldenen Horde
1475 - 1525 – Kreml-Dreieck neu ausgebaut:
26.03.1475 – Aristotele Fioravanti beginnt mit dem Bau der 1474 durch ein Erdbeben zerstörten Mariä-Entschlafens-Kathedrale (nach dem gleichnamigen Vorbild in Wladimir 1158/1197, wohin der Baumeister reiste), 12.08.1479 feierlich eingeweiht
1487 – Der Doppeladler wird das Wappen der Herrscher Russlands, Georg der Drachentöter – zum Moskauer Stadtwappen
1487 – Marco Ruffo (Frjasin) beginnt den Bau des Facettenpalastes (Granowitaja Palata), von Pietro Antonio Solario 1491 beendet – der älteste erhaltene Profanbau Moskaus. Seine Ostfassade wurde mit weißen facettierten Kalk-Rustika verkleidet, die wahrscheinlich dem Bauwerk seinen Namen gaben
1499 – Errichtung der Roten Kreml-Mauer und der Türme auf dem höchsten wehrtechnischen Standard seiner Zeit abgeschlossen, Innengestaltung und Ausmalungen bis 1514
1505 - 1508 – Aloisio Nuovo (Alewiz Nowyj) baut die Erzengel-Kathedrale (Archangelskij Sobor) (der alte Bau wird abgetragen) und Bon Frjasin den Glockenturm „Iwan der Große“
1547 – Krönung Iwans IV. zum Zaren
1562 - 1564 – nach dem Brand von 1547 lässt Iwan IV. Mariä-Verkündigungs-Kathedrale (Blagoweschtschenskij Sobor) wiederherstellen und erweitern
1598 - 1605 – Regent Boris Godunow wird Zar nach dem Tode des letzten Rjurikiden Fjodor Iwanowitsch
1600 – der Glockenturm „Iwan der Große“ bekommt durch den Zaren Boris Godunow seine heutige Höhe und Gestalt. Der obere Teil mit Kuppel wurde hinzugefügt, mit seinen 81 Metern Höhe war der Glockenturm der höchste Bau seiner Zeit in Russland. Die riesigen Goldlettern am dreifachen Fries des Kuppeltambours nennen Erbauer und Baujahr
Anfang 1600 – Kremlenagrad, ein Plan des Kreml, wird angefertigt
1605 - 1618 Zeit der Wirren
Februar 1613 – Der Semski Sobor (Landesversammlung) wählt Michail Fjodorowitsch Romanow zum Zaren – Beginn der Herrschaft der Romanows auf dem Zarenthron
1682/89 - 1675   Zar Peter I. (der Große)
1700 – am 1. Januar wird der westeuropäische Kalender eingeführt
1701 – Brand im Kreml: Verbot der Holzbauten im Kreml 1704
1703 – Gründung der Stadt St. Petersburg
1712 – St. Petersburg wird Hauptstadt, Moskau bleibt weiterhin Krönungsstadt
1721 – Peter trägt den Titel „Imperator“
1755 – Gründung der Universität Moskau
1762 - 1796 – Zarin Katharina II. (die Große)
1767 – Architekt Wassilij Baschenow wird mit der Ausarbeitung des Projektes für einen neuen Großen Kreml-Palast betraut anstelle des abgerissenen Zarenpalais, Baubeginn 1773. Diese Aufgabe gab Baschenow den Impuls für eine umfassende Umwertung der urbanistischen Anlage des Kreml. Der Große Kreml-Palast sollte mit einer Länge von 630 Metern die südliche Stirnseite des ganzen Komplexes bilden und symmetrisch entlang der Straße verlaufen, die durch das Troizkij-Tor führte. Vom historischen Baukörper sollten der Kathedralenplatz, die noch erhalten gebliebenen Teile des Palastkomplexes und einige Kirchen das neue Bild mit bestimmen. 1775 lässt Katharina II. die Arbeiten einstellen; die abgerissene Südseite des Kreml mit zwei Türmen wird wieder hergestellt
1797 – ein neues Umbau-Projekt im Kreml wird vom Architekten Matwei Kasakow, einem Mitarbeiter Baschenows, erstellt. Dieses sowohl finanziell als auch architektonisch bescheideneres Vorhaben bleibt jedoch gleichfalls im Skizzenstadium
10. März 1806 – Kaiser Alexander I. unterzeichnet den Allerhöchsten Ukaz „Über Verwaltungsvorschriften und die Unversehrtheit der in der Werkstätte und der Rüstkammer aufbewahrten Altertümer“. Einrichtung eines Stabes für die Rüstkammer und Besuchserlaubnis für Interessierte – damit erhalten Werkstätte und Rüstkammer musealen Status
1810 – Abschluss der Bauarbeiten für ein eigenes Museum der Rüstkammer mit Werkstätte im Moskauer Kreml, Architekt Iwan W. Jegotow
1894 - 1917 Herrschaft des Zaren Nikolaus II.
1917 – Oktoberrevolution
1918 – Moskau wird wieder zur Hauptstadt

Katalog

Der Kreml
Gottenruhm und Zarenpracht
Herausgegeben von Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Umfang: 432 Seiten mit 350 meist farbigen Abbildungen und Karten
Preis: 29 EUR
Verlag: Hirmer-Verlag, München

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Abbildungen
  1. AusstellungsansichtFoto: Peter Oszvald © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

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