

Die antike Zivilisation der Griechen und Römer hat Europa geprägt, doch geschah dies auf unterschiedliche Weise. Im Westen ging das Römerreich in den Umbrüchen der Völkerwanderungszeit unter, die Fortentwicklung der antiken Zivilisation wurde weitgehend unterbrochen. Erst viel später, unter den Karolingern und Ottonen nahm man die Fäden wieder auf.
Anders im Osten: Hier konnte sich das Römische Reich zu einem mittelalterlichen Staatswesen weiterentwickeln, das seit dem 16. Jahrhundert „Byzantinisches Reich“ genannt wird. Der Name kommt von Byzantion, der griechischen Siedlung, an deren Stelle Kaiser Konstantin der Große ab 324 n. Chr. seine Hauptstadt Konstantinopel errichtete. Obwohl es von christlichem Geist durchdrungen war, blieb im Byzantinischen Reich das antike Erbe lebendig: Alte Mythen, Dichtkunst und Musik, Bilderwelten, Plastik und Architektur, Philosophie und Naturkunde wurden bewahrt, unterrichtet und reflektiert. Bald nach seiner Einweihung im Jahr 330 n. Chr. lief Konstantinopel der alten Hauptstadt Rom den Rang ab. Byzanz war dann über 1100 Jahre der kulturelle Maßstab für Europa und den gesamten Mittelmeerraum, In Konstantinopel hatten antike Tradition und Gelehrsamkeit sowie imperiale Pracht ihr Zentrum.
Das Byzantinische Reich war lebendig, wandlungsfähig und multiethnisch. Es hatte eine funktionierende Verwaltung und ein klares Rechtswesen, Militär und Flotte waren gefürchtet. Klassische Bildung und Unterricht spielten eine große Rolle, Frauen konnten auch einflussreiche Positionen einnehmen. Das Byzantinische Reich, die glanzvollste Erscheinung des mittelalterlichen Europa, bewundert und beneidet von den Zeitgenossen, war eine Brücke von der Antike in die Moderne und verband gleichzeitig den Westen mit dem Orient.