Die Bilder von Alex Katz behaupten eine physische Gegenwart,
der man sich nicht entziehen kann. Anders als etwa David Hockney,
der im vergangenen Sommer in der Großen Halle der Kunst- und
Ausstellungshalle seine Gemälde zeigte, will Alex Katz nicht
in erster Linie Nähe zwischen Bild und Betrachter herstellen,
sondern Bilder zeigen, die sich im Raum mit kontrollierter Aggressivität
behaupten. Seine Bilder wirken durch ihre ungewöhnlich großen
Formate und ihre gleichzeitig kraftvolle und distanzierte Form.
In seinen riesigen, naß in naß gemalten Bildern sieht
man die athletische Performance, die nötig ist, um 20 Quadratmeter
Leinwandfläche in weniger als acht Stunden in ein sicher und
schnell vorgetragenes Bild zu verwandeln.
Alex Katz malt seit mehr als 40 Jahren an einem Bild. Dieses
Bild ist groß, physisch, präsent. Die Abfolge im Gesamtwerk
seiner Gemälde ist eine von technischen Erfordernissen und
Fortschritten bestimmte Reihung "von einem Gemälde zum nächsten".
Die Ausstellung konzentriert sich dementsprechend auch auf bedeutende
Großformate. Da seine Bildidee seit dem Ende der 50er Jahre
eine bemerkenswerte Kontinuität aufweist, stehen chronologische
Erwägungen bei der Präsentation seiner Werke nicht im
Vordergrund, wenn auch durchaus Sprünge in der malerischen
Entwicklung von Alex Katz zu bemerken sind. Die Konstanz seiner
Bildidee erlaubt es allerdings, Bilder aus verschiedenen Jahrzehnten
einander gegenüberzustellen, um bei aller Konstanz diese Sprünge
sichtbar zu machen. Alex Katz hat immer neue Bilder gemalt. Sein
Stil ermöglicht, daß die Neuheit seiner Bilder ein längeres
Verfallsdatum aufweist als üblich. Vor kurzem hat Katz im Gespräch
mit seinem jüngeren Malerkollegen David Salle auf den bezeichnenden
Unterschied zwischen Mode und Stil hingewiesen: "Bei Stil und Mode
geht es darum, sich in der gegenwärtigen Zeitsphäre aufzuhalten,
und daraus beziehen sie viel Energie. Der Unterschied besteht darin,
daß Stil bleibt und Mode verschwindet." Katz ist nie modisch,
immer hat er Stil.
Katz hat nie in Zweifel gezogen, daß er figürlich malen
wollte. Bis 1949 studierte er an der Cooper Union, einer Kunstakademie
in New York, die der französischen Avantgarde nacheiferte.
Die Begegnung mit dem Werk Jackson Pollocks wies Katz einen Ausweg,
eine andere Art des Malens, die nicht mehr vom Vor und Zurück
einzelner Formen auf der Fläche bestimmt war, sondern durch
ein einheitliches Licht eine Oberfläche ermöglichte, in
der keine kompositorischen Hierarchien mehr herrschten. Für
Katz war das eine Befreiung. Er konnte Pollock jedoch nicht als
bedingungslose Alternative ansehen, da dieser ja auf den Gegenstand
verzichtet hatte. Am abstrakten Expressionismus von Pollock, Franz
Kline, Mark Rothko oder Willem de Kooning beeindruckte Katz die
Formate und die Offenheit. Der Machismo und das Pathos dieser Künstler
stieß ihn jedoch ebenso ab wie ihr Erscheinungsbild als Personen.
Sehr früh wurde Stil zur entscheidenden Kategorie für
Katz: Etwas mußte Stil haben. In den frühen 50er Jahren
fand Katz jemanden, der seiner Vorstellung von Stil entsprach. Sein
Idol war Stan Getz, eine der Ikonen des Cool Jazz. Das Auftreten
und die Spielweise dieses Tenorsaxophonisten beeindruckte Katz durch
seine Virtuosität, Ökonomie und Distanziertheit - Merkmale,
die er in seiner Malerei ebenfalls anstrebte. Coolness ist bis heute
ein wesentlicher Bestandteil des Bildideals von Alex Katz. Sie besteht
in einer distanzierten Eleganz, für deren Entstehung keine
Bewegung zuviel gemacht wurde.
Sein Beharren auf figürlicher Malerei ließ ihn zu Beginn
der 50er Jahre in den Kreisen der Avantgardekünstler zum Außenseiter
werden, denn allein die Abstraktion wurde als fortschrittlich betrachtet.
Für Katz bedeutete das, an den Rand gedrängt zu werden.
Die Reaktion auf seine Bilder schwankte zwischen gönnerhaftem
Lob und klarer Ablehnung. Katz reagierte feindselig und bezog Energie
aus der Ablehnung, die ihm entgegenschlug: "... wenn mich jemand
ein wenig angriff, wurde ich noch feindseliger und aggressiver,
anstatt zurückzustecken. Ich glaube, deshalb wurden meine Bilder
schließlich so groß ... Die Leute schubsen dich rum,
und du schubst zurück, und am Ende bist du ein großes,
aggressives Monster. Ich hatte aber angefangen, weil ich einfach
nette kleine Gemälde machen wollte. Sie haben mich nicht gelassen."
So schilderte er 1990 im Gespräch mit Constance Lewallen seine
Situation Mitte der 50er Jahre. Die Bescheidenheit seiner frühen
Bilder ist in Gemälden wie Trees von 1951-52 noch deutlich
zu spüren. Das Bild ist in seiner Komposition zwar von Pollock
beeinflußt, indem die Bäume das gesamte Bildfeld mit
einer gleichmäßigen Struktur überziehen, sein Maßstab
bleibt jedoch noch durchaus überschaubar. 1955, in Two Trees,
deutet sich bereits eine gravierende Veränderung an. Katz bemüht
sich, "die Dinge konkret zu machen", indem er reine Farben und glatte,
ungemischte Farbflächen einsetzt. Nach diesen Landschaften
geht er zu Portraits über, die ebenfalls vor glatten, monochromen
Hintergründen gemalt sind und deren Format er allmählich
vergrößert. Der entscheidende Schritt vollzieht sich
1957 bis 1958 mit Gemälden wie Irving and Lucy. Das
Portrait war ein Thema, mit dem sich kaum jemand beschäftigte,
und hier konnte Katz ansetzen: "Die Idee, ein zeitgenössisches
Portrait zu malen, schien mir eine wirkliche Herausforderung zu
sein - in der Lage zu sein, eine Person anzusehen, sie zu malen
und dabei zu vergessen, was man dir beigebracht hatte ... Zum ersten
Mal hatten die Gemälde wirkliche Energie", sagte er im Gespräch
mit Salle. Diese Portraits sind formal sehr pur und kaum psychologisch.
Die Wiederholung einer Figur wie bei Ada Ada (1959) ist eine
klare Aussage zur inhaltlichen Neutralität dieser Portraits.
Katz malte, was er vor sich sah. Dabei ging es nur darum, den äußeren
Schein des Gesehenen wiederzugeben, nicht um den Versuch einer inhaltlichen,
psychologischen oder literarischen Interpretation. Wenn überhaupt,
so mußte eine derartige Interpretation von anderen Betrachtern
kommen. Die erste Ikone dieser Portraitreihe entstand 1959: Paul
Taylor. Sie zeigt den Tänzer in einem Trikot einfach dastehend,
mit angelegten Armen, ohne sichtbare Aktivität. Alles was man
sagen kann, ist, daß er sehr gut aussieht. Mit diesen Portraits
vor monochromem Hintergrund und in schon beträchtlichen Formaten
hatte Katz seine Identität gefunden. Es dauerte nur knapp zwei
Jahre, bis Andy Warhol aus dieser Bildidee seine Siebdrucke mit
Single, Double und Triple Elvis
entwickelte und damit zwangsläufig das Verhältnis von
Alex Katz zur Pop-art beeinflußte. Leider führte diese
Affinität zwischen Katz und Warhol lediglich zu der Fehleinschätzung,
Katz sei eine Art halbentschlossener Popkünstler, der mit Handarbeit
versuchte, was die Popkünstler viel effektiver mit technischen
Mitteln wie dem Siebdruck erreichten. Diese Deutung übersah
die weiterreichenden Ambitionen von Alex Katz, der rückblickend
feststellte: "Pop-art handelt von Zeichen, während mein Werk
von Symbolen handelt. Pop-art ist zynisch und ironisch. Mein Werk
nicht. Das sind erhebliche Unterschiede. Pop-art ist modern. Mein
Werk ist keine 'moderne Kunst', es kommt aus vielen Traditionen."
Im Jahr 1960 erarbeitete Katz sich verschiedene thematische Möglichkeiten
innerhalb seiner Malerei, die sich mit Landschaft, Portrait und
Figurenbild auseinandersetzte. Luna Park und The Black
Dress sind beispielhafte Images, deren Prägnanz und Schlagkraft
haften bleibt. Die Sonnenuntergangsformel von Luna Park wurde
fünf Jahre später zur Vorlage für Alex Katz' erste
wichtige druckgraphische Arbeit, einen Siebdruck in sechs Farben,
in dem er die 'Hunderte' Farbtöne des Gemäldes auf sechs
reduzierte, ohne dem Image seine Schlagkraft zu nehmen. In The
Black Dress wiederholt Katz die Figur von Ada sechsmal,
wiederum um den Inhalt der Szene auf eine rein formale Angelegenheit
zu reduzieren und dabei auch ambivalente Lesarten zuzulassen. In
diesem Jahr, 1960, ist das gesamte thematische Spektrum von Alex
Katz entwickelt. Er malt Landschaften, Portraits und Figurenbilder,
keine Stilleben. Die Jahre 1957 bis 1960 sind für seine Stilbildung
prägend. Seit dieser Zeit arbeitet er an der Perfektionierung
seiner Bildidee.
Anfang der 60er Jahre werden Filmbilder und Werbetafeln zu wichtigen
Anregungen. Das Breitwandbild des Kinos entspricht den Formaten,
die Katz in seinen Bildern anstrebt, die Zeitabläufe des Films
kommen seinem Interesse entgegen, spezifische Dinge in spezifischen
Augenblicken zu erfassen. In einem Gespräch mit seiner Malerkollegin
Jane Freilicher 1964 ging es auch um die "Schnelligkeit des Lichts".
Katz und Freilicher wollten schneller malen, als sie denken konnten.
Katz: "Die Zeitspanne, die du darstellen willst, scheint eine viel
kürzere zu sein als im Impressionismus ...
'den Moment einfangen' - 'ein schnelles Licht' - verschiedene Leute
haben sich auf verschiedene Weise damit beschäftigt, und ich
glaube, du setzt dich auch mit diesem Thema auseinander. Und ich
glaube, das macht es auch schwerer mit der Figur. Es ist ziemlich
unmöglich, sie so schnell hinzubekommen." Katz konzentriert
sich auf Möglichkeiten, Zeitabläufe und Bewegungen zu
erfassen. Er wählt extreme Ausschnitte, konfrontiert Nah- und
Fernsicht, Gesichter oder andere Körperteile werden wie in
Filmaufnahmen extrem vergrößert, verzerrt, gedehnt oder
gestaucht. Vor den Prägungen durch Cinemascope und Werbung
spielt auch die Kompositionsweise der französischen Maler Edouard
Manet und Edgar Degas Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.
Auch diese Künstler schufen durch extreme Ausschnitte Kompositionen,
in denen gleichzeitig die Flüchtigkeit menschlicher Begegnungen
und die bis zur Peinlichkeit geführte Nähe des Betrachters
zum gezeigten Ereignis formuliert wurde - was Alex Katz in seinen
Figurenbildern im überlebensgroßen Maßstab verwirklichte.
Seine gelegentlich behauptete angebliche malerische Unbeholfenheit
verdankt sich der Darstellung von Zeitabläufen und wirkt in
der verkleinerten Reproduktion weniger überzeugend als vor
dem tatsächlichen Bild. Die Zeitspannen, die Katz in seinen
Bildern erfaßt, sind kurz und lassen die Entwicklung erzählerischer
Dramatik gar nicht zu. Ihn interessieren flüchtige Augenblicke
- ein Lächeln, eine kurze Berührung, aneinander vorbeigehende
Leute, kurze Blickkontakte. Details sind wichtig, sie erlauben die
Erfassung des Spezifischen. Katz reduziert jedoch die Detailgenauigkeit
seiner Darstellungen so weit, daß die Spezifik ins Allgemeingültige
übergeht und dieser Übergang nicht genau zu fassen ist.
Ein Gemälde wie Canoe ist eigentlich außerzeitlich:
Ein leeres Kanu treibt auf dem Wasser. Dazu eine Geschichte erfinden
zu wollen, erscheint überflüssig. Wenn Katz mehrere Menschen
in einer Situation zeigt, wie etwa in Islesboro Ferryslip
oder in dem großen Gemälde der Paul Taylor Dance Company
mit dem Titel Private Domain, dann bleibt auch hier jeder
erzählerische Zusammenhang unbestimmt. Die Menschen vollziehen
Gesten, bewegen sich oder stehen still, ihre Aktion wird lakonisch
geschildert, bleibt außer stilvoller Ausführung ohne
Konsequenz.
Die zurückgenommene Detailgenauigkeit der Gemälde von
Alex Katz schlägt im glücklichen Fall in eine ikonische
Allgemeingültigkeit um, dank derer seine besten Bilder ihre
anhaltende Präsenz gewinnen. Einer der fundiertesten Kenner
des Werkes, der Sammler Paul J. Schupf, ist an dieser ikonischen
Qualität von Alex Katz besonders interessiert. Mit Recht benennt
er drei Bildnisse von Ada, der Frau des Künstlers und seinem
Lieblingsmodell seit 45 Jahren, als die stärksten Ikonen des
Künstlers: Ada with Bathing Cap, 1965, Blue Umbrella
#2, 1972 und Red Coat, 1982. Die Werkauswahl dieser Ausstellung
hat dieses Kriterium entscheidend berücksichtigt. Auch Bilder
wie der archetypische Sonnenuntergang Luna Park, 1960, das
Selbstportrait Passing, 1962-63, Canoe, 1974, Night
II, 1988, der See im Gegenlicht Lake Light, 1992 oder
das Wasser in Marine 11, 1999, und andere Gemälde in
der Ausstellung zeichnen sich durch diese ikonische Qualität
aus.
Alex Katz versteht seine Malerei zuallererst als eine technische,
ja fast sportliche Herausforderung. Er entwickelte Schritt für
Schritt seine Malmethode, die sich von direkter Schilderung des
gesehenen Gegenstands vor Ort zu einer indirekten Malweise entwickelte.
Ausgangspunkt ist hier eine schnell notierte Ölskizze, die
über mehrere Stufen zu einem großen Gemälde führt.
Dieser gesamte Prozeß verläuft sehr kontrolliert - im
Gespräch mit Constance Lewallen sagte Katz, er male "fast wie
ein Drucker" - beim Malen der Skizze und beim Malen des großen
Bildes bleiben jedoch viele Momente unkontrolliert. Am Beispiel
seines Gemäldes May beschrieb Katz diesen Vorgang im
Gespräch mit David Sylvester: "Die Skizzen und Zeichnungen
werden in einem indirekten Prozeß auf die Leinwand übertragen,
die Farben werden am Tag vorher gemischt, und bei vielen brauche
ich bestimmte Pinsel für bestimmte Striche. Die Pinsel werden
ausgelegt. Wenn ich einen Zweig malen muß, dann habe ich einen
bestimmten Pinsel für den Zweig. Die Striche werden naß
in naß ausgeführt. So male ich, wie etwa bei May,
wo die gesamte Leinwand weiß gemalt war, und ich dann den
perfekten Pinsel brauchte, um die langen schwarzen Linien zu ziehen.
Du malst sie in weiße Farbe hinein, und deshalb mußt
du den Strich genau so setzen wie er später aussehen soll.
Es mag einen kleinen Spielraum geben, wo er so oder so verlaufen
kann, aber nicht zu viel. Du mußt auch einen Pinsel mit genau
der richtigen Menge Farbe haben. Und du malst eine Linie von zweieinhalb
Metern Länge, also mußt du sehr viel Kontrolle haben."
Die Themen seiner Bilder sind bei diesem Vorgehen wirklich nicht
inhaltlich zu verstehen, sondern einfach als visueller Anlaß
für die Malerei. Seinem Kollegen Richard Prince erklärte
er, warum er schnell malt und worin die Spannung dieser Malerei
liegt: "Schnell zu malen heißt, mit der einen Seite deines
Geistes anzufangen, loszulassen und die andere Seite machen zu lassen."
Alex Katz bereitet seine Gemälde sorgfältig vor, um dann,
in einer athletischen Demonstration von wenigen Stunden zwischen
Kontrolle und Unbewußtem das Bild zu vollenden. Dieser Prozeß
ist der Kern seiner Kunst, und doch steht er ihm mit einer Art Haßliebe
gegenüber. Es ist schwierig, einen Schlußpunkt zu setzen,
das Malen bleibt bei aller Kontrolle ein riskanter Vorgang, der
durchaus scheitern kann. Alex Katz hat immer an der Darstellung
von Gesehenem festgehalten. Der Gegenstand bleibt in seiner Bedeutung
allerdings immer in der Schwebe.
Dem Wechselspiel zwischen Kontrolle und Unbewußtem in technischer
Hinsicht entspricht, ja verdankt sich wohl auch das Changieren der
inhaltlichen Deutbarkeit seiner Bilder - zwischen Augenblick und
Dauer, Oberflächlichkeit und entlarvender Tiefe, Distanz und
Nähe, Coolness und verblüffender Sentimentalität.
Pas de Deux markiert den Höhepunkt an psychischer Ambivalenz
im Werk von Alex Katz. Dieses monumentale, fünfteilige Bild
von 1983 zeigt fünf Paare vor einem neutral schwarzen Hintergrund.
Sie tragen ihre besten Sachen und sind von ihrer physischen Erscheinung
her beeindruckend. Die psychische Spannung oder die emotionale Nähe
der Menschen zueinander ist unmittelbar abzulesen. Die Schriftstellerin
Ann Beattie hat die Beziehungen der Dargestellten sehr zielsicher
analysiert und herausgefunden, welches Paar sich trennen würde
und welches nicht. Katz stimmt der psychologischen Deutung dieser
genauen Beobachterin zwar "zu 95 Prozent" zu, bleibt aber selbst
distanziert. Er habe nur gemalt, was er vor sich sah, und alle Psychologie
sei unbewußt, gleichsam zwangsläufig mit in das Bild
hineingeraten.
Besonders in seinen großen Landschaften ist er seit Mitte
der 80er Jahre immer wieder an die Grenze der Abstraktion gelangt,
hat er seine formale Reduktion so weit getrieben wie möglich.
Die Serie der Night paintings ist beispielhaft dafür.
Mit lediglich fünf bis sechs weißen Pinselstrichen auf
einer schwarzen Fläche wird die Silhouette eines Hochhauses
angedeutet, in dem noch einige Büros erleuchtet sind: Night
II. Auch Bilder wie Marine 11 gehen in der Reduzierung
der gesehenen Formen sehr weit. Katz zählt seine Pinselstriche,
er ist und bleibt cool.
Zum Jazz, der in den 50er Jahren die wichtigste Inspirationsquelle
war (die Anfang der 60er Jahre versiegte, da der Jazz mit Musikern
wie John Coltrane oder Ornette Coleman für Katz zu einer rein
intellektuellen Angelegenheit geworden war, die nur noch wenige
Fanatiker erreichen konnte), kam Anfang der 60er Jahre die amerikanische
Poesie der Gegenwart hinzu. Ihn interessierte, wie Dichter mit wenigen
Worten, also äußerster Ökonomie, Bilder evozieren.
Die amerikanischen Dichter Frank O’Hara, Ted Berrigan, Kenneth Koch,
Harry Matthews, Robert Creeley und andere wurden zu seinen Freunden
und Gesprächspartnern. Ihr Interesse an der Alltagssprache,
ihre weltoffene und nicht entrückte Poesie, in der die alltägliche
Welt die Hauptrolle spielt, entspricht Katz’ malerischen Themen.
Die Sparsamkeit und Ökonomie der Sprache eines Robert Creeley
gleicht den malerischen Reduktionen der Bilder von Alex Katz. Eine
Strophe aus dem Gedicht Enough mag das verdeutlichen:
One
by one
the form
comes. One
thing follows
another. One
and one,
and one. Make
a picture
for the world
to be. It
will be.
|
Creeleys Ton ist eine sprachliche Entsprechung der Malerei von Alex
Katz. Creeleys Übersetzer Klaus Reichert hob hervor, seine
Sprache sei "zugleich einfach und von höchstem Raffinement.
Die Sätze sind wie beiläufig hingesagt, nie 'poetisch'
in irgendeinem geläufigen Sinn, doch oft ... im geradezu beschwörenden
Gestus der Eindringlichkeit gesprochen." Er betont als wichtigstes
Element die Zeilenbrechung, die rhythmisch und nicht syntaktisch
erfolgt. Der Effekt dieser rhythmischen Zeilenbrechung ist eine
Suspendierung des Erzählinhaltes, strukturell gleicht dieses
Verfahren den extremen Bildausschnitten in der Malerei von Katz.
Nicht zufällig will es auch scheinen, daß Reichert die
große Nähe dieser Dichtkunst zur synkopisch komponierten
Musik des Jazz hervorhebt. Bei allen drei Kunstformen finden wir
dieselbe scheinbar unbeteiligte Distanziertheit des Performers,
dieselbe formale Ökonomie, dieselbe unmittelbare Deutlichkeit
und damit Direktheit des Dargestellten: "in your face".
New Yorker reden nicht viel von sich. In Amerika gilt es als Zeichen
guter Etikette, nie zu klagen. Wird man gefragt, geht es einem immer
gut. Unter einer perfekten Oberfläche verbirgt man seine wahren
Gefühle. Alex Katz hält sich an diese Regel. Gute Manieren
sind auch ein Zeichen für guten Stil. Katz unterstreicht, wie
wichtig die dekorative Wirkung der Malerei in New York ist. Ein
Maler, dessen Arbeit nicht dekorativ ist, kann in New York nicht
überleben. Anstatt die inhaltliche Neutralität seiner
Malerei als gelungene Gratwanderung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit
anzusehen, kann man sie genauso als Folge dieser gesellschaftlichen
Konvention ansehen, die nur gute Laune und gutes Aussehen im gesellschaftlichen
Auftritt erlaubt. Katz' Menschengruppen befinden sich häufiger
auf Partys als irgendwo sonst, und auch seine Bilder stellt sich
Alex Katz als Hintergrund gesellschaftlicher Begegnungen vor. Über
die Werke seines Kollegen Julian Schnabel sagte er: "Leute sehen
großartig vor ihnen aus." Die großen Gemälde von
Alex Katz schlagen dem Betrachter ihre Schönheit um die Ohren
und sind gleichzeitig selbst eine großartige Kulisse. Sie
sind auf eine wohltuende, ja entspannende Weise brutal und leer.
Es sind Tapeten, deren Intensität sich gegen jeden abstrakten
Expressionisten behaupten kann. Es kann passieren, daß für
kurze Augenblicke intensive Emotionen durchbrechen, die unter der
glatten Oberfläche brodeln. Bemerkenswert ist, daß das
auch für seine Bilder aus den 50er und 60er Jahren gilt, die
noch immer neu aussehen. Noch gehören sie in unsere Zeit, und
wann die endet, kann uns egal sein.
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