Einsatzbüste des Perikles / Bust of Pericles
Um 1. Jh. n. Chr. / marble copy (1st century A.D.)
after an original from around 430 B.C.
aus Lesbos (1901 im Kunsthandel erworben),
© Foto / Photo: Johannes Laurentius
Berlin, Antikensammlung


Der qualitätvolle, für den Einsatz in eine Herme bestimmte und in der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstandene Berliner Kopf ist eine von vier kaiserzeitlichen Kopfrepliken einer lebensgroßen, um 430 v. Chr. aufgestellten Bronzestatue des athenischen Staatsmanns Perikles (495–429), der nach der Ostrakisierung Kimons (461) zum einflußreichsten Politiker Athens aufstieg und zwischen 443/42 und 429 in jedem Jahr zu einem der zehn Strategen gewählt wurde. Die Identifizierung des Bildnistypus ist durch Namensaufschriften auf zwei Kopien gesichert.

Perikles erscheint als reifer Mann mit kurzem gepflegten Vollbart und vollen Haarlocken, die unter dem über die Stirn zurückgeschobenen korinthischen Helm sichtbar werden. Ebenmäßige und entspannte Züge bestimmen das ernste Gesicht, in dem keinerlei mimische Regungen oder individuelle Züge auszumachen sind.

Die originale Statue entstand um 430 v. Chr. und wurde daher eventuell noch zu Lebzeiten des Perikles aufgestellt. Einige Wahrscheinlichkeit hat die seit dem 19. Jahrhundert vorgebrachte Annahme, daß dieses Bildnis identisch ist mit einem für den Künstler Kresilas bezeugten bronzenen Periklesbildnis sowie mit einer von Pausanias auf der Athener Akropolis gesehenen Porträtstatue des Staatsmanns, die sich gleich hinter den Propyläen im Eingangsbereich des Heiligtums befunden hat. Durch die räumliche Trennung dieser Figur von einem Bildnis des Xanthippos, Perikles’ Vater, wollte man offensichtlich den Eindruck dynastischer Ansprüche vermeiden. Zeichenhaft verweist der in der Realität seit etwa 470 nicht mehr getragene korinthische Helm auf das vielfach von Perikles bekleidete Amt des Strategen. Vor dem Hintergrund der seit 480/70 möglichen Auswahl zwischen individualisierten (s. Kat. Nr. 124–126) und idealisierten Bildnissen stellt die Idealisierung des Perikles-Porträts mit seinen ruhigen und entspannten Zügen eine absichtsvolle Repräsentation des Politikers dar, und in der Tat wird für Perikles ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Unterdrückung persönlicher Emotionen überliefert. Generell kann der Bildnistypus als Ausdruck einer Selbststilisierung des Perikles interpretiert werden, die mit den zeitgenössischen Normen für das Auftreten führender Politiker in Einklang stand.
 
zur Ausstellung / to exhibition