Kleine Prinzen Kinderbildnisse vom 16. bis 19. Jahrhundert
aus der Fundación Yannick y Ben Jakober
Die 85 Kinderbildnisse der
privaten Kulturstiftung aus Mallorca bieten nicht nur faszinierende
Einblicke in die Kunst der Portraitmalerei des 16. bis 19. Jahrhunderts
in Ost- und Mitteleuropa, Frankreich, Italien und Spanien. Sie veranschaulichen
auch auf eindringliche Weise die Lebenswelt der Kinder von hohem gesellschaftlichen
Rang jener Zeit. Von vielen der portraitierten Kinder ist die Identität
bekannt. Schon in zartem Alter, aber auch später als Erwachsene
weisen sie häufig bewegende Lebensgeschichten auf – so
beispielsweise der spätere Kaiser Karl V., der ohne seine in
Spanien weilenden Eltern bei seiner Tante im fernen Mechelen groß
wurde, oder Karl II. von Spanien, der mit nicht einmal vier Jahren
König eines Reiches wurde, „in dem die Sonne nie untergeht“.
Die Gemälde führen dem Betrachter
eine streng gegliederte Welt vor Augen, die umso mehr berührt,
als sie dem heutigen Empfinden völlig fremd ist: Zu Kokons gewickelte
Säuglinge auf Prunkbettchen und wie Erwachsene ausstaffierte
Kinder entzücken und erstaunen zugleich. Die Amulette, mit denen
die Sprösslinge des Adels und des gehobenen Bürgertums ausstaffiert
sind, geben Zeugnis von dem vorherrschenden (Aber-)Glauben, Unheil
abwenden und Schutz gewähren zu können.
Da in der Renaissance und
im Barock Kinder beiderlei Geschlechts bis zu ihrem siebten Lebensjahr
in Röcke gekleidet wurden, kann man sie oft nur dadurch zuordnen,
dass die Mädchen Ohrringe und eine kunstvollere Frisur tragen.
Die Farben waren ebenfalls kein Unterscheidungsmerkmal: So vermutet
der heutige Betrachter unwillkürlich, dass es sich bei dem Portrait
Ludwigs XV. in seinem rosa Kleid um ein Mädchen handelt. Die
zumeist ernsten Gesichter spiegeln in einer Mischung aus kindlichem
Charme und der Herkunft gebührenden Würde die in die Nachkommen
gesetzten hohen Erwartungen der Eltern wider.
Die anrührenden Bildnisse „kleiner Prinzen
und Prinzessinnen“ waren einst wegen der hohen, stets drohenden
Kindersterblichkeit zur Erinnerung oder im Falle des hohen Adels zur
frühzeitigen Anbahnung von Hochzeiten – oft innerhalb der
Familie – in Auftrag gegeben worden. Man kann die Ausstellung
daher auch zu einem Teil als eine Familiengeschichte betrachten –
die Geschichte großer europäischer Dynastien –, bei
der Allianzen eine große Rolle spielten. Ein Beispiel dafür
sind die Portraits des späteren französischen Königs
Ludwig XIII. und der Infantin Anna von Österreich sowie deren
gemeinsamen Sohnes Ludwig XIV.
Die Chronologie der Bilder veranschaulicht
den Wandel der Kinderdarstellung im Laufe der Zeit. Ende des 18. Jahrhunderts
verlor sich allmählich die strenge Eleganz der Darstellungen
zugunsten einer stärkeren Ausdruckskraft der Abgebildeten, die
auch von einem freieren Umgang in der Gesellschaft mit dem Thema Kindheit
zeugt.
Zur Ausstellung erscheint
ein 224seitiger Katalog mit einer Einführung
zu Kinderbildnissen, Texten zu jedem der ausgestellten Gemälde,
einem Verzeichnis weiterer Kinderportraits der Fundación Yannick
y Ben Jakober und einer Bibliographie. Er enthält 85 großformatige
sowie zirka 250 vergleichende Abbildungen, durchgängig in Farbe.