| Die Idee,
eine Bilanz des menschlichen Wissens zu ziehen und diese Summe der
Kenntnisse in einer Publikation zugänglich zu machen, geht
bis in die Antike zurück. Doch betraf ein solches Vorhaben
lange Zeit nur spezielle Wissensaspekte – im wesentlichen
die Naturwissenschaften und die Technik. Im 17. Jahrhundert widmeten
sich in Frankreich die Akademien dieser Aufgabe.
Im Jahr 1728 war in England die Cyclopedia or General Dictionary
of Arts and Sciences von Ephraim Chambers erschienen. Dieses Werk
sollte für die Entstehung der Encyclopédie eine große
Rolle spielen, denn anfänglich war nur eine Übersetzung
geplant. Möglicherweise war dies für die Verleger auch
der Grund, weshalb sie sich an Diderot wandten. Von ihm war bekannt,
daß er eine vorzügliche Kenntnis des Englischen besaß.
Im Januar 1745 schloß sich eine Reihe von Pariser Verlegern
zusammen, um eine französische Ausgabe dieses erfolgreichen
Werks in Angriff zu nehmen. Hierfür wurde eine erste Gruppe
von Redakteuren verpflichtet, vor allem Naturwissenschaftler, die
durch keinen im Sinne der Aufklärung besonders kämpferischen
oder kritischen Geist aufgefallen waren.
Das Werk wurde den beiden Herausgebern Denis Diderot und Jean Le
Rond d’Alembert gemeinsam anvertraut. D’Alembert war
ein bekannter Wissenschaftler und Mitglied der königlichen
Académie des Sciences. Diderot aber hatte den zweifelhaften
Ruf eines scharfzüngigen Kritikers, dessen schriftstellerisches
Werk auch frivole Texte umfaßte. Ab Juli 1749 mußte
er wegen seiner philosophischen Schrift Lettre sur les Aveugles
à l’usage de ceux qui parlent (Brief über die
Blinden zum Gebrauch der Sehenden) sogar für einige Zeit ins
Gefängnis von Vincennes.
Die Originalität und Neuheit des Projekts, verglichen mit der
Cyclopedia sowie den zahlreichen anderen Vorläufern, sollte
sich bald deutlich zeigen. Die Encyclopédie wollte nicht
mehr nur ein einfaches Nachschlagewerk zu verschiedenen Gebieten
menschlichen Wissens sein, vielmehr handelte es sich um eine philosophische
und aufgeklärt-kritische Interpretation dieses Wissens, die
den Anspruch erhob mittels der Vernunft die Fundamente politischer
Autorität sowie religiöser Offenbarung einer kritischen
Prüfung zu unterziehen.
Trotz aller Bemühungen Diderots fehlte dem Projekt der Encyclopédie
ein klar umrissener inhaltlicher wie formaler Rahmen. Die einzelnen
Autoren widmeten sich ihrem Thema meist in aller Ausführlichkeit.
In einem Brief an Voltaire gestand d’Alembert, daß "ein
Verfasser, der für uns von Nutzen ist ... uns häufig nicht
nur das gibt, was wir dringend benötigen, sondern im Gegenzug
auch verlangt, daß wir schlechte Passagen übernehmen.
So kam es schließlich, daß aus den acht Bänden
und zwei Bänden mit 600 Bildtafeln, die 1750 im Prospekt der
Encyclopédie angekündigt worden waren, 17 Textbände
sowie elf Bände mit 2000 Bildtafeln wurden.
Die Encyclopédie hatte sich als ein sehr großer Geschäftserfolg
erwiesen: Das Konsortium aus Verlagsbuchhändlern, die gemeinsam
70 000 Livres investiert hatten, erzielte einen Gewinn von 2 500
000 Livres. Diderot erhielt ein Honorar von insgesamt 80 000 Livres.
Zum Vergleich: Der damalige tägliche Durchschnittslohn eines
Landarbeiters wurde von dem englischen Reisenden und Agronomen Arthur
Young mit weniger als einem Livre beziffert.
Berühmtere Künstler wie Cochin waren kaum an der Encyclopédie
beteiligt, die meisten Illustratoren und Kupferstecher waren erfahrene
Handwerker.
Die Encyclopédie rief in der Vielfalt ihres gesamten janusköpfigen
Charakters in den verschiedensten Kreisen ebenso begeisterte Zustimmung
wie eine heftige Ablehnung hervor. Letztlich begründete aber
gerade dies ihren großen Erfolg.
|