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GEIST UND GALANTERIE -
MUSÈE DU PETIT PALAIS |
Texte aus der Ausstellung
2. Die Historie, das Theater und die
Fabel
Historie, Theater und Fabel – mit der Nennung dieser drei Begriffe
wird eine für das Denken des 18. Jahrhunderts ganz wesentliche
Problematik deutlich, nämlich die Frage nach dem Stellenwert
des Sujets und nach der Hierarchie der
Gattungen.
Die Malerei wurde in klar voneinander
abgegrenzte und hierarchisch gestaffelte Gattungen unterteilt, von
denen die Historienmalerei das thematisch
umfassendste Genre darstellte – sie umschloß die Antike
und die Gegenwart, christliche wie weltliche Themen sowie die Fabel.
Den Ursprung dieser Gattungshierarchie
bildete die berühmte Gleichsetzung von "Ut
Pictura Poesis" (Wie die Malerei ist auch die Poesie)
des römischen Dichters Horaz. Durch
die Theoretiker der Renaissance und des 17. Jahrhunderts sollte dieser
Satz seine Umkehrung erfahren: "Wie die Poesie ist auch die Malerei."
Die Hierarchie der Gattungen in der Malerei,
so die Schlußfolgerung, hat demnach ihre Entsprechung in den
schon bestehenden Gattungen der Dichtkunst.
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Sébastien
Jacques Leclerc, genannt Leclerc des Gobelins
Das Menuett
zum
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Anfang des 18. Jahrhunderts spielten
diese theoretischen Überlegungen auch bei der "Querelle
des Anciens et des Modernes" (Streit der Alten und Modernen)
eine wichtige Rolle, bei der es um die Frage ging, ob den zeitgenössischen
'modernen' Dichtern der gleiche Rang zugestanden werden könne
wie den Dichtern der Antike. Dieser Streit wurde schließlich
mit dem salomonischen Schiedsspruch beigelegt, daß die Poeten
der Gegenwart, sofern sie den antiken Vorbildern
folgten, in gleicher Weise Ruhm und Anerkennung beanspruchen
konnten. |
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Jacques Louis David
Der Tod des Seneca zum
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Auch auf die bildenden Künste übertragen,
insbesondere auf die Malerei, stellte sich hiermit die Frage nach
der zeitgemäßen Themenwahl.
Im Zentrum dieser Debatten standen die Dichter Racine
und La Fontaine, beide Verteidiger der
Antike. Doch dienten gerade sie paradoxerweise den Vertretern der
Moderne als bestes Argument, denn als Dichter der Gegenwart, die die
Nachahmung der Antike anpriesen, hatten sie so große Werke geschaffen,
daß sie längst selbst verehrt und nachgeahmt wurden. Molière,
der zur Zeit des Streits schon tot war, wurde ebenfalls als ein solches
Beispiel ins Feld geführt. Racine, Molière und La Fontaine
zusammen aber repräsentierten die Gattungen
der Tragödie, der Komödie
und der Fabel, damals überaus wichtige
Genres in der Dichtkunst. Diese drei Dichter anzuführen, hieß
ein neues Pantheon als Vorbild für künftige Dichtergenerationen
zu errichten und auch neue Themenfelder für
die Malerei zu öffnen. Tatsächlich sollte sich die
Literatur des angehenden 18. Jahrhunderts in Frankreich an diesen
drei Schriftstellern orientieren: Voltaire und Crébillon versuchten
in ihren Tragödien Racine nachzuahmen; Régnard und Gresset
hatten Molière vor Augen; La Motte-Houdar und Florian strebten
dem Vorbild La Fontaines nach. Diderot, ehrgeiziger als die anderen,
versuchte mit der Erfindung des bürgerlichen
Dramas an Racine anzuknüpfen und seine Gestaltungsmittel
auf das Genre von Molière zu übertragen.
Die heftig geführte Debatte um die Hierarchie der Sujets in der
Malerei hatte ihre Entsprechung in der gleichzeitigen Auseinandersetzung
um zeitgemäße Themen für Bühnenstücke.
In beiden Fällen ging es um das Gleiche: Die Gegenwart, so Diderots
Überzeugung, verlange von der Malerei und vom Theater neue
Inhalte, die besser zum neuen bürgerlichen
Kunstpublikum passen sollten; die dargestellten Gefühle
sollten von ihm mitempfunden werden können und die Handlungen
auf das wirkliche Leben beziehbar sein. |
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Theatralik – in einem
übertragenen Wortsinn – scheint durchaus die passende Bezeichnung
für den künstlichen und übertriebenen Eindruck zu sein,
den ein heutiger Betrachter von der Historienmalerei
des 18. Jahrhunderts gewinnen kann.
Zweierlei Arten von Theatralik lassen
sich in der Malerei jener Epoche ausmachen: Die erste ist in engem
Zusammenhang mit der großen Vorliebe
der damaligen Zeit für alle Arten von theatralischem Spektakel
zu sehen. Der Streit um die italienischen Theatertruppen hatte Ende
des 17. Jahrhunderts die Gemüter erhitzt. Die Commedia dell’arte,
zur Zeit von Molière in Frankreich erlaubt, war später
verboten worden und wurde erst wieder nach dem Tod Ludwigs XIV. (1715)
zugelassen. Die Maler, allen voran Watteau,
besuchten die Aufführungen der italienischen
Kommödianten mit Begeisterung, verkehrten mit den Schauspielern
und fanden dabei Sujets für ihre Gemälde. Watteau wurde
auf diese Weise zum Erfinder des Genres der "Fêtes galantes",
das als neue Gattung 1717 an der Akademie eingeführt wurde.
Eine ganz andere Art von Theatralik, die unbeholfen und gekünstelt
wirkt, ist dagegen auf so manchen Gemälden der Historienmalerei
anzutreffen: Die Mimik und Gestik der Figuren ist übertrieben,
Bildraum und Dekor haben den Charakter einer Pappkulisse und die Kostüme
sind rein der Phantasie entsprungen.
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Jean
Antoine Watteau
Studie eines Schauspielers
zum
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Die Geschichte der Beziehungen
zwischen der Malerei und dem Theater im 18. Jahrhundert hat
viele Facetten. Für den heutigen Betrachter, der nicht über
die gleiche Kenntnis der visuellen Codes verfügt wie das Publikum
der Zeit, ist es schwer, einfache Schlußfolgerungen zu ziehen.
Nur soviel steht fest: daß das Theater zu jener Zeit das beliebteste
Vergnügen darstellte, für alle Schichten und in allen seinen
Gattungen; daß auf der Bühne wie auf den Gemälden
die gleichen Geschichten erzählt
wurden; daß die gleichen Künstler an Bühnenbildern
wie an Gemälden arbeiteten. So verwundert nicht, die Spuren der
allgegenwärtigen Theaterbegeisterung in allen künstlerischen
Zeugnissen der Epoche wiederzufinden.
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Kupferstich nach Jean Baptiste Pater
Ankunft der Kommödianten in Le Mans: Drei Illustrationen Le Roman
Comique von Scarron
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