ROM UND DIE BARBAREN
Kunstexponat der Woche
Woche 3: 8. - 14. September 2008
Kessel mit Ringgriffen
aus dem Königsgrab von Mušov
zweite Hälfte 2. Jahrhundert,
Bronze
Regionálni muzeum v Mikulovĕ, Mikulov (Tschechien)
Im Jahre 1988 wurde in der Nähe von Mušov
in Südmähren ein kaiserzeitliches Grab freigelegt, das hinsichtlich des Reichtums und der Exklusivität seines Inventars eine archäologische Sensation darstellte. Es handelt sich um Körperbestattungen von zwei Männern und einer Frau, wobei unklar ist, ob die Grablege gleichzeitig oder nacheinander erfolgte. Das überhügelte Kammergrab enthielt äußerst prunkvolle antike, provinzialrömische und typisch germanische Beigaben, deren Entstehungszeit von der augusteischen Ära bis in die Epoche der Markomannenkriege (166–180 n. Chr.) reicht. Die Exklusivität der insgesamt 187 Gegenstände belegt den hohen Rang der Bestatteten innerhalb der germanischen Gesellschaft: Es wird vermutet, dass das Prunkgrab für einen römerfreundlichen König der Markomannen oder Quaden angelegt worden war.
Das berühmteste Objekt des Grabinventars ist der kunstvoll gearbeitete Bronzekessel des frühen Westlandtyps mit vier Henkelattaschen in Form von naturalistisch gearbeiteten Germanenbüsten. Die vier bärtigen Männer mittleren Alters sind aufgrund ihrer Haartracht (des seitlich am Kopf gebundenen so genannten Suebenknotens) als Angehörige eines germanischen Ethnos zu deuten. Auch wenn die Identität der dargestellten Germanen nicht eindeutig zu bestimmen ist, so fällt ihre starke, würdevolle Ausstrahlung auf. Es handelt sich zweifelsfrei um eine positive Deutung eines für Rom fremden Menschenbildes, welches im Gegensatz zu dem gängigen negativen Barbarentopos der Schriftquellen und der bildlichen Darstellungen steht.
Man geht davon aus, dass das Objekt von römischen Handwerkern als Auftragsarbeit für das Barbaricum gefertigt worden war. Der Kessel, ein bei den Germanen besonders geschätztes Gefäß, war zum Aufhängen gedacht und fand vermutlich Verwendung während religiöser oder magischer Zeremonien.

Kessel mit Ringgriffen
Fürstengrab von Czarnówko
2. Jahrhundert n. Chr.
Bronze
Muzeum w Lęborku, Lębork (Polen)
Ein vergleichbarer Zeremonialkessel mit drei Henkelattaschen in Form bärtiger Germanendarstellungen wurde im Jahr 2000 in einem Grab bei Czarnówko westlich von Danzig gefunden. Das in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. zu datierende Grab gehörte vermutlich einem vornehmen Vertreter der Goten, die damals in dem Gebiet an der unteren Weichsel siedelten.