
ROM UND DIE BARBAREN
Kunstexponat der Woche
Woche 7: 6. - 12. Oktober 2008
Hunnenzeitliches Fürstengrab 2, Nekropole von Brut, Nordossetien/Kaukasus
5. Jahrhundert n. Chr.
Doppelscheide mit Dolch und Messer, große Gurtschnalle,
Zaumzeug mit 85 herzförmigen Goldplättchen, Psalien, Riemenzwingen, Beschlägen und Schnallen
© Staatliches Museum für die Kunst der Völker des Orients, Moskau (Russland)
Der Vorstoß der Hunnen um 375 in das nordpontische Steppengebiet und weiter bis an die untere Donau markiert den Beginn der europäischen Völkerwanderung. Den Kern des ethnisch und kulturell vielschichtigen hunnischen Großverbandes bildete eine verhältnismäßig kleine Gruppe erfahrener und bewährter Reiterkrieger aus Zentralasien. Die Toleranz der Reiternomaden gegenüber Sitten und Gebräuchen der unterworfenen Stämme sowie die fast uneingeschränkten Aufstiegschancen loyaler, kriegstüchtiger Germanen, Alanen, Sarmaten, Römer oder Griechen in höchste soziale Ränge banden zahlreiche Völker zuverlässig an die hunnischen Eliten. Auf dieser Grundlage entstand eine überregional greifende materielle Kultur, die sich aus den unterschiedlichsten Traditionen und Einflüssen speiste.
Archäologisch lässt sich dieser Integrationsprozess fast ausschließlich in den Bestattungen der hunnischen Führungsschicht fassen. Eine kontinuierliche Versorgung mit Gold aus römischen Tributzahlungen, ausgedehnte Beutezüge und reger Handel, ermöglichten der militärischen und sozialen hunnischen Oberschicht ihr steigendes Repräsentationsbedürfnis zu befriedigen. Dieses manifestierte sich vor allem in den aus Edelmetall gefertigten und mit Edelsteinen verzierten Sachgütern, die den Rang ihrer Träger zu Lebzeiten wie nach dem Tode hervorheben sollten. Diese Merkmale lassen sich insbesondere im Dekor der Waffen, des Pferdezubehörs sowie beim Schmuck feststellen.

Luxuriös verzierte Waffen und Reiterzubehör finden sich auch in dem reichen Grabinventar eines hohen alanischen Befehlshabers, dessen Bestattung 1989 im heutigen Nordossetien entdeckt worden ist und zu den reichsten Fundkomplexen im Kaukaususgebiet zählt. Vergleichbar aufwändig ausgestattete Gräber und Depots der germanischen Adelsschicht wurden u. a. in Jakuszowice (Polen) und Szilagysomlyo (Ungarn) freigelegt.
Das in der Nähe des Dorfes Brut gelegene Gräberfeld weist zahlreiche Kurgane (Grabhügel) auf, von denen 13 untersucht wurden. Wie die meisten dieser Bestattungen war auch die Grabkammer des Kurgans 2 bereits in antiker Zeit ausgeraubt worden, aber sie enthielt ein in die Wand eingelassenes Geheimfach, in dem sich wertvolle Beigaben befanden. Der Dekor dieser Stücke – Goldblechverkleidung und Granateinlagen – ist charakteristisch für den überregionalen so genannten polychromen Stil der hunnischen Epoche.

Eine Seltenheit im eurasischen Gebiet bildet das zweischneidige Prunkschwert, das zusammen mit einem Dolch, einem weiteren Statussymbol, dem Verstorbenen beigegeben wurde. Allerdings scheint dieser Umstand eher mit der Fundüberlieferung zusammenzuhängen, als den damals tatsächlichen Bestand der sich im Umlauf befindlichen Waffen widerzuspiegeln. Die Ausführung und Zusammenstellung der Beigaben lassen vermuten, dass es sich bei diesem Grabinventar um eine Paradeausrüstung handelte, die zu zeremoniellen Anlässen angelegt wurde. Die Frage, ob sie auch im Kampf zum Einsatz kam, muss vorerst offen bleiben.