Das 4. Jahrhundert n. Chr. gilt als eine der fundamentalen Umbruchphasen der europäischen Geschichte. Das von Kaiser Konstantin dem Großen 313 erlassene so genannte Mailänder Toleranzedikt garantierte die Religionsfreiheit im Römischen Reich und stellte das Christentum den anderen Religionen gleich. Die als konstantinische Wende bezeichnete Entscheidung machte aus der diskriminierten und teilweise blutig verfolgten orthodox-katholischen Kirche eine zunächst geduldete, dann rechtlich privilegierte Institution. Zur offiziellen Staatsreligion wurde die christliche Lehre im Jahre 391 unter Kaiser Theodosius dem Großen erhoben.
Mit dem Vordringen des christlichen Glaubens ging die Verbreitung christlicher Bildsymbole einher. Mit der Zeit entwickelte sich eine eigene christliche Bildtradition (Ikonographie), doch gegen Ende des 4. Jahrhunderts fand man noch ein reiches Repertoire an Darstellungen aus der heidnischen Götterwelt vor.
Diese Entwicklung lässt sich auch bei dem Reliefschmuck des Sarkophags aus Toulouse aufzeigen. Auf seiner Frontseite ist der griechische Sagenheld Meleager dargestellt, wie er den kalydonischen Eber tötet. Meleagers Vater Oineus, König von Kalydon, verärgerte die Göttin Artemis, indem er ihr das übliche Opfer beim Erntedankfest verwehrte. Erzürnt schickte Artemis daraufhin einen riesigen Wildeber nach Kalydon, der die umliegenden Felder verwüsten sollte. Zur Jagd auf das Untier traten alle Helden Griechenlands zusammen, und schließlich gelang es Meleager, den Eber zu erlegen.
Das Relief des Sarkophages zeigt die mythologische Jagdszene mit Meleager und den Dioskuren Castor und Pollux in einer christlichen Interpretation. Die Dioskuren (altgriechisch
Dios kouroi – Söhne Zeus) weisen vermutlich auf die Himmelfahrt der Seele hin, die den Teufel besiegt hat. Das Christusmonogramm auf dem Deckel lässt auf eine christliche Umdeutung des heidnischen Mythos schließen.
Mit der fortschreitenden Christianisierung veränderte sich auch das Bestattungsbrauchtum der römisch-barbarischen Welt grundlegend: Die Verstorbenen wurden nicht mehr auf abseits der Siedlungen gelegenen Gräberfeldern, sondern auf den bei den Kirchen entstehenden Friedhöfen beigesetzt. Die bis dahin übliche Brandbestattung wurde von der Körperbestattung abgelöst. Unter diesem Einfluss entwickelte sich vor allem in Südgallien eine regelrechte Darstellungstradition von Jagdmotiven auf Sarkophagen. Es ist anzunehmen ist, dass das klassische Jagdmotiv die Tugenden des Verstorben symbolisieren sollte. Bereits in der Antike galt die Tötung eines Ebers als heroische Waffentat, wobei der Eber u.a. als die Verkörperung böser Mächte, speziell der menschlichen Begierden, angesehen wurde.