Bernstein
PlakatROM UND DIE BARBAREN
Kunstexponat der Woche
Woche 20: 05. - 11. Januar 2009

Siegelring des Königs Childebert II.
6. Jahrhundert n. Chr., Gold, Privatbesitz

Hören Sie in Ergänzung zum Text die Beiträge aus unserer
Audioführung: Childebert-Ring (mp3-Datei)

Siegesaltar
Die Ereignisse der Völkerwanderungszeit veränderten die politische Karte Europas. Auf dem Gebiet des Weströmischen Reiches herrschten ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. germanische Könige, deren Machtausübung auf römischen Traditionen von Politik und Recht gründete. Die Geschichte der romano-barbarischen Königreiche und besonders die der Franken basiert daher auf einer allmählichen und gelegentlich fast unmerklichen Verschmelzung vielfältigster Traditionen. Dies spiegelt sich in einem bemerkenswerten Zeugnis dieser Epoche wider, einem goldenen Siegelring, der mit der Herrschaftszeit des Merowingerkönigs Childebert II. (575−596) in Verbindung gebracht wird. In der Siegellegende des Ringes sind in Spiegelschrift der Name und der Titel zu lesen: +HILDEB/ERTIREGIS. Der besitzanzeigende Genitiv lässt erkennen, dass es sich dabei um den persönlichen Besitz des Königs gehandelt haben könnte. Trotz der ungewöhnlichen Schreibweise – Hildebert statt Childebert – geht man davon aus, dass in Bildnis und Inschrift einer der vier merowingischen Könige gleichen Namens zu sehen ist. Die Form des Ringes entspricht der traditionellen Gestaltung kaiserlicher Ringe in Konstantinopel, die auch in den westlichen Randgebieten des Imperiums  Verbreitung fanden. Mit der „byzantinischen“ Ringform wollte der Frankenkönig wohl die Gleichwertigkeit seiner Herrschaftsausübung mit der des oströmischen Kaisers zum Ausdruck bringen.

Die Siegelplatte des ausgestellten Ringes zeigt die Büste eines bartlosen Mannes in Profilansicht. Das glatte, füllige Gesicht wird von üppigem Haupthaar gerahmt, einem idealtypischen Merkmal der Darstellung eines Merowingerherrschers. Bereits der Geschichtsschreiber Gregor von Tours (538−594) hob in seiner Geschichte der Franken hervor, dass diese, nachdem sie den Rhein überschritten und sich in Gallien niedergelassen hatten, „langhaarige Könige aus dem ersten und vornehmsten Geschlecht über sich einsetzten“. Childeberts königliche Autorität wird durch die Hinzufügung symbolträchtiger Machtinsignien zusätzlich unterstrichen: In seiner Rechten hält der König einen Speer, in der Linken einen Schild.

Chemische Untersuchungen konnten bestätigen, dass der Childebert-Ring in einem in der Antike und im Frühmittelalter üblichen Herstellungsverfahren aus dem Gold umlaufender byzantinischer Solidi gefertigt wurde.