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VENEZIA! - KUNST AUS VENEZIANISCHEN
PALÄSTEN |
Die Sammlungsgeschichte Venedigs vom 13. bis 19.
Jahrhundert
Eine Einführung - Teil 5
1700: Letzte Blüte
Schon im 17. Jahrhundert hatte Venedig einen Großteil seines politischen
Einflusses verloren, insbesondere im erfolglosen Abwehrkampf gegen
die Türken. Nach Zypern (1570/71) ging auch Kreta 1669 endgültig verloren.
Die Eroberung des Peloponnes durch Francesco Morosini (1687) und die
erfolgreiche Verteidigung Korfus durch den preußischen General in
venezianischen Diensten Johann Mathias Graf von der Schulenburg konnte
nicht dauerhaft genutzt werden. Im Frieden von Passarowitz (1718)
musste Venedig die meisten Besitzungen in Dalmatien und Griechenland
aufgeben, damit verabschiedete sich die Republik endgültig aus dem
Reigen der europäischen Großmächte. Der herrschende Adel hielt jedoch
an der alten Regierungsform fest und lehnte alle Reformen ab. Venedig
war immer noch das Zentrum des internationalen Kunsthandels und ein
festes Ziel auf der Grand Tour, der klassischen Bildungsreise.
Insbesondere die Malerei war ab 1700 erneut ein überaus erfolgreicher
Exportartikel, venezianische Maler verkauften und arbeiteten europaweit,
bevor sie mit dem Siegeszug des Klassizismus gegen Ende des Jahrhunderts
wieder in Vergessenheit gerieten.
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Tradition und Erneuerung
Viele alteingesessene venezianische Adelsfamilien sammelten allerdings
weiterhin konservativ, nicht zuletzt auch als Hinweis auf eine weit
zurückreichende Familiengeschichte; falls sie überhaupt noch Bilder
erwarben. Immer wieder mokierten sich ausländische Reisende über die
flächendeckend mit "dunklen" Bildern teilweise zweifelhafter Qualität
vollgehängten Wände ihrer Paläste. Die Auftraggeber und Sammler der
neuen venezianischen Künstlergeneration mit Sebastiano Ricci, Giovanni
Antonio Canal, genannt Canaletto, Pietro Longhi oder den Guardis fanden
sich oft nicht in Adelskreisen, sondern unter den "fortschrittlicheren"
cittadini und Ausländern.
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Pietro Longhi
Die Lauer im Faß
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Canaletto
Der Rio dei Mendicanti
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Ausländische Sammler:
Konsul Joseph Smith
Vor allem aber einige der in Venedig ansässigen ausländischen Sammler
waren an der Erfolgsgeschichte venezianischer Malerei des 18. Jahrhunderts
beteiligt, nicht nur als Sammler und Auftraggeber, sondern als Agenten
und Vermittler. Am erfolgreichsten war in dieser Hinsicht sicherlich
der seit 1700 als Kaufmann und Bankier, seit 1744 als englischer Konsul
in Venedig lebende Sammler Joseph Smith (London ca. 1674--Venedig
1770).
Mit zahlreichen Künstlern war Smith freundschaftlich verbunden. Canaletto
bedachte er teils selbst mit bedeutenden Aufträgen oder suchte ihm
Auftraggeber im Ausland, vor allem in England, zu vermitteln. Seinen
eigenen Palast am Canal Grande hatte Smith seit 1720 mit einer bedeutenden
Sammlung alter und zeitgenössischer Meister ausgestattet, hier bewahrte
er auch seine exquisite Zeichnungssammlung auf, die in der Ausstellung
mit 9 Blättern vertreten ist.
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Pietro Longhi
Dame am Bett eines Edelmannes
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Johann Matthias Graf von der Schulenburg
Auch in der Sammlung eines weiteren bedeutenden ausländischen Sammlers
im Venedig des 18. Jahrhundert wird in der Ausstellung präsentiert,
die des Feldmarschalls Johann Matthias Graf von der Schulenburg (Emden
bei Magdeburg 1661--Verona 1747). Schulenburg, altgedienter Berufssoldat
und zuvor als General in Braunschweiger, ungarischen, sächsischen
und polnischen Diensten erfolgreich, war 1715 auf Vermittlung des
Prinzen Eugen von den Venezianern als oberster Feldherr angeworben
worden. Seine brillante Verteidigung Korfus gegen die Türken trug
ihm die Bewunderung Europas und die lebenslange Dankbarkeit Venedigs
ein. Der vielgefeierte General -- u. a. widmete Vivaldi ihm ein Militäroratorium
über das Thema der triumphierenden Judith -- blieb bis zu seinem Tod
in venezianischen Diensten, auch wenn sich keine weitere Gelegenheit
zum Kampf mehr bot. Ab 1724 begann er -- aus unbekannten Beweggründen
--, eine eigene Kunstsammlung aufzubauen und erwarb innerhalb von
zwanzig Jahren 947 Werke. Als Autodidakt in Sachen Kunst vertraute
Schulenburg dem Rat zeitgenössischer Künstler, behielt sich aber die
letzte Entscheidung selbst vor.
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Giovanni Antonio Guardi
Bildnis des Feldmarschalls Johann Matthias Graf von der Schulenburg
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Besonderen Einfluss übten
Giambattista Piazzetta, der für Schulenburg auch als Restaurator tätig
war, und Giovanni Antonio Guardi aus. Die Werkstatt Guardi -- Giovanni
Antonio beschäftigte auch seine beiden jüngeren Brüder Francesco und
Niccolo -- belieferte ihn mit insgesamt 106 Bildern. Möglicherweise
hatte sich der General für Guardi entschieden, weil für dessen Bilder
nie so hohe Preise wie für vergleichbare Arbeiten von Canaletto oder
Cimaroli gezahlt werden mußten; man beklagte bei Guardis freier und
bisweilen fast impressionistischer Malweise den "Mangel an Wahrheit".
Guardi fertigte für Schulenburg darüber hinaus viele Kopien an als
Ersatz für unerschwingliche oder unverkäufliche Bilder meist des 16.
Jahrhunderts, reproduzierte aber auch Gemälde von Zeitgenossen.
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Francesco Guardi
Haremsszene, zwei musizierende Odalisken
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Nach Schulenburgs
Tod 1747 in Verona teilte seine Sammlung das Schicksal der meisten
venezianischen Sammlungen des 18. Jahrhunderts: Sein ausdrücklicher
Wunsch, sie geschlossen zu erhalten und in sein Palais nach Berlin
zu überführen, wurde von den Erben nicht erfüllt. Die meisten Gemälde
wurden im April 1775 in London durch Christie's verkauft, einige Bilder
kamen aber noch 1986 aus Familienbesitz bei Sotheby's zur Versteigerung.
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Sigismund Streit
Schulenburg könnte Vorbild für einen weiteren deutschen Sammler gewesen
sein, den Kaufmann Sigismund Streit (Berlin 1687--Venedig oder Padua
1775). 1687 in Berlin als Sohn eines Hufschmieds und Bierbrauers geboren
und 1709 mittellos nach Venedig gekommen, begann er, ähnlich wie Schulenburg,
erst im fortgeschrittenen Lebensalter mit dem Sammeln. Ab den 1740er
Jahren erwarb der inzwischen wohlhabende Streit neben Stichen und
Musikalien insgesamt 49 Gemälde, die er später seiner alten Berliner
Schule, dem Gymnasium zum Grauen Kloster, zusammen mit einer hohen
Geldsumme zur Verfügung stellte. Nicht nur aufgrund seines hochherzigen
Geschenks steht Streit damit unter den venezianischen Sammlern des
18. Jahrhunderts einzigartig da: Seine Sammlung blieb, abgesehen von
einigen Kriegsverlusten, in ihrer ursprünglichen Form erhalten und
ist bis heute im Besitz der Streit'schen Stiftung. An die Schenkung
vor 250 Jahren erinnert zeitgleich mit der Bonner Ausstellung eine
Präsentation in Berlin, deshalb sind Streits Bilder in Bonn leider
nicht zu sehen.
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Antonio Chichi
Bogen des Konstantin, Rom
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