Der
andere Calder
30. April bis 26. September 1993
Parallel zur Ausstellung von Calders monumentalen Skulpturen präsentiert
die Kunst- und Ausstellungshalle unter dem Titel "Der andere
Calder" die unbekanntesten und seltensten Aspekte aus dem vielförmigen
Schaffen des Bildhauers, der zu den größten des 20. Jahrhunderts
gehört.
Reichlich in dieser Ausstellung vertreten sind die Drahtplastiken,
mit denen sich Calder 1926 bis 1930 sofort einen Namen machte. Sie
zeugen von jenem stets freundlichen Humor, der in der Wirklichkeit
die bezeichnenden Details aufzudecken versteht, um sie mit den einfachsten
Mitteln zum Ausdruck zu bringen. Diese parallel zu seinem Miniaturzirkus
geschaffenen Werke zeigen jene Dualität, die über Calders
gesamte Arbeit hinweg zwischen Figuration und Abstraktion besteht.
Es war die Begegnung mit Mondrian im Jahre 1930, die Calder dazu bewog,
der abstrakten Ausdrucksform den Vorzug zu geben, um, laut seiner
eigenen Formel, "Mondrians, die sich bewegen" zu schaffen.
Die Erfindung des Mobiles, das zunächst mittels einer Kurbel
oder eines kleinen Motors angetrieben, dann sehr rasch vom bloßen
Luftzug bewegt wurde, eröffnet in der internationalen Plastik
ein neues Kapitel. Suchten schon die Bildhauer Bewegung wiederzugeben,
so war Calder der erste, der die Bewegung zum wirklichen Prinzip des
Werkes erhob. Die Kraft seiner Mobiles rührt aus der fortwährenden
Erfindung ihrer Formen. Anhand der in dieser Ausstellung präsentierten
Beispiele läßt sich ermessen, wie einzigartig jedes dieser
Werke ist, wie sehr es sein eigenes Gesicht besitzt
Die 1943 erschienene Serie der "Constellations" wurde nicht
aus einer Verwerfung der Prinzipien des Mobiles geboren, das Calder
bis ans Ende seines Lebens betreiben sollte, sondern aus praktischer
Notwendigkeit. Während des Kriegs in den USA ansässig, konnte
er dort das für den Bau der Mobiles nötige Aluminiumblech
nicht mehr auftreiben, da es für die Waffenherstellung beschlagnahmt
war. Er beschloß also, den Raum mit Metallstangen zu untergliedern,
die von gedrechselten und eingefärbten Holzformen markiert werden
und belegen, daß seine Reflexion komplexer vorging, als man
sich gewöhnlich vorstellen mag, und daß er die Forschungen
der russischen Konstruktivisten einzubeziehen verstand, wie die von
Tatlin, auf den die Türme verweisen, oder Gabos Hohlformen.
Nach dem Krieg erlangt Calder weltweite Anerkennung. Bald ist er das
Inbild des modernen Bildhauers, und in seinem Willen, diesem Klischee
zu entkommen, muß man vielleicht den Grund sehen, weshalb er
in seinen letzten Lebensjahren zu den Animobiles, Crags und Gitters
von figürlicher Gestalt und erfrischendem Humor zurückkehrte.
Wie bei jedem berühmten Künstler erleidet auch bei Calder
die Werklektüre eine verkürzte Sicht des Publikums: Er war
der Mann der Mobiles und Stabiles. Gedanke dieser Ausstellung ist,
das Werk des Bildhauers wieder in seiner Komplexität und mit
seinen vielfachen Echos zu zeigen. |
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Ausstellungskurator
Daniel Abadie |
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