Europa,
Europa
Das Jahrhundert der Avantgarde in Mittel- und Osteuropa
27. Mai - 16. Oktober 1994
Beinahe ein halbes Jahrhundert lang währte die tragische Teilung
Europas in Ost und West. Diese Situation ließ es zur Gewohnheit
werden, die Kultur der Länder östlich der Elbe als ein Phänomen
von untergeordneter Bedeutung zu betrachten. Fehlurteile erwuchsen
aus der sich verfestigenden Überzeugung, daß sich die Bezeichnung
'europäische Kultur' nur auf die westeuropäische Kultur
bezieht. Nach dem Niedergang des Kommunismus und dem Fall der Berliner
Mauer, des wohl spektakulärsten Symbols der Teilung, haben die
Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen und die Kunst-
und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ein großes
Ausstellungsprojekt initiiert: es präsentiert erstmals - und
wohl auch einmalig - Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts aus eben
jenen Ländern, die noch vor kurzem durch den 'Eisernen Vorhang'
abgeschnitten waren. Die Ausstellung demonstriert die Vielfalt und
die Einheit europäischer Kultur. Sie manifestiert den Willen
zur Verständigung zwischen den bis vor kurzem gegnerischen politischen
Blöcken in Europa, und sie soll Impulse setzen zur Wiederentdeckung
und Selbstfindung europäischer Kultur in der gegenwärtigen
Orientierungskrise.
Europa, Europa... Das Echo derselben Herausforderung und Sehnsucht
wird auf beiden Seiten des bis gestern geteilten Kontinents wahrgenommen.
Der Kultur und den Künstlern ist es schließlich zu verdanken,
daß die Vision von einer gemeinsamen europäischen Zukunft
immer aktuell blieb: Sie gehörte stets zum Programm der Initiatoren
von Avantgardebewegungen.
Diese Ausstellung entfaltet sich als 'Museum auf Zeit'; sie bietet
ein konzentriertes Panorama der Kunst und Kultur Mittel- und Osteuropas
im 20. Jahrhundert. Sie legt den Schwerpunkt zwar auf Malerei und
Skulptur, berücksichtigt aber auch Arbeiten auf Papier und integriert
die künstlerischen Medien Fotografie und Video. Sie wird ergänzt
und bereichert durch essentielle Aspekte aus den Nachbardisziplinen
Architektur, Literatur, Film, Theater und Musik; teils in gezielter
Verbindung mit der Bildenden Kunst, teils durch räumliche Sonderpräsentationen
und begleitende Veranstaltungen. Das Forum der Kunst-und Ausstellungshalle
bietet kontinuierlich ein kulturelles Rahmenprogramm, u.a. mit Filmen,
die Filmgeschichte gemacht haben, mit Konzerten und Podiumsgesprächen,
zu denen international renommierte Persönlichkeiten eingeladen
sind.
Dieses multidisziplinäre Ausstellungssprojekt stellt rund 200
bildende Künstler mit circa 700 Werken vor, dazu etwa dieselbe
Anzahl von Objekten aus den Nachbardisziplinen. Die gezeigten Arbeiten
sollen weniger die Kultur des jeweiligen Landes repräsentieren,
als vielmehr im Kontext internationaler Kunsttendenzen und -Stile
miteinander konfrontiert werden. Aus der großen Vielfalt sehr
unterschiedlicher Kunstszenen des gesamten 20. Jahrhunderts wurden
deshalb nur exemplarische Werke einiger herausragender Künstlerpersönlichkeiten
ausgewählt. Neben der Präsentation von Arbeiten bereits
bekannter 'Klassiker' wie Brancusi oder Chagall wird auch das Schaffen
von Künstlern vorgestellt, die dem Besucher wohl kaum oder gar
nicht bekannt sind. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die Nachkriegszeit,
in der das künstlerische Leben in beiden Teilen Europas aus politischen
Gründen voneinander isoliert wurde: ein Umstand, den besonders
die Künstler als schmerzvoll empfunden haben.
Die Ausstellung soll zeigen, wie groß der Beitrag von Künstlern
aus diesem Teil Europas zur Formulierung universeller, gemeinsam erschaffener
Werte in der Kultur des 20. Jahrhunderts ist. Um nur einige der bekannten
Namen zu nennen: Brancusi, Malevic, Kandinskij, Kupka, Moholy-Nagy.
Kobro, Christo in der bildenden Kunst; in der Musik Stravinskij, Prokof'ev,
Bartók, Lutoslawski; im Film Ejzenstejn, Tarkovskij, Wajda,
Szabó, Mejerhol'd, Forman; im Theater Tajrov, Burian, Svobodá,
Kantor, in der Literatur Blok, Chlebnikov, Kafka, Tzara, Capek, Mitosz,
Kundera, Brodsky...
Künstler und Themen der Ausstellung
Monografische Darstellungen und in Gruppierungen zusammengefaßte
Werke mehrerer Künstler gliedern die Ausstellung in eine lockere
Folge von Themenkreisen. Diese Ausstellungsstruktur meidet daher eine
rigorose Aufteilung in geschlossene, streng voneinander getrennter
Blöcke. Sie bewirkt vielmehr, daß sich die einzelnen Bereiche
miteinander verzahnen und verweben, um damit der Entwicklung der Kunst
im 20. Jahrhundert gerecht zu werden.
Im Kapitel Aufbruch zur Avantgarde. Vom Symbolismus zur Abstraktion
erscheinen Arbeiten von Künstlern, die um die Jahrhundertwende
die Visionen tiefgehender Veränderungen in der Kunst gestaltet
haben. Ihre Bemühungen richten sich vor allem darauf, Möglichkeiten
für eine symbolische Darstellung der 'Seele' zu finden. Zu diesen,
sich gegen den Akademismus auflehnenden Individualisten gehören
u.a. Tivadar
Csontváry, Michail Larionov und Stanislaw Ignacy Witkiewicz,
in besonderer Weise Vasilij Kandinskij und Frantisek Kupka.
Den Teil Im Umkreis des Kubismus eröffnet Constantin Brancusi.
einer der einflußreichsten Bildhauer des Jahrhunderts. Im Mittelpunkt
dieser Sektion stehen die Repräsentanten des tschechischen Kubismus.
Otto Gutfreund und einige seiner Malerkollegen. Daneben werden Bildhauer
vorgestellt, die ihrerseits am Beispiel der Figur für die plastische
Form eine wegweisende Erneuerung entwickelt haben: u. a. Aleksandr
Archipenko und Jacques Lipchitz.
Eine wahre Revolution des künstlerischen Denkens, das sich zuerst
in Rußland und dann auch in anderen europäischen Ländern
durchsetzen konnte, präsentiert der Ausstellungsbereich Die Welt
konstruieren. Diese Avantgarde entwickelte sich aus dem Spannungsverhältnis
zweier gegensätzlicher Positionen. Auf der einen Seite waren
es der Mystizismus der berühmten 'Schwarzen Quadrate' von Kazimir
Malevic und die reduzierte, 'sich selbst' ausdrückende abstrakte
Malerei von Wtadystaw Strzeminski sowie die Raumkompositionen von
Katarzyna Kobro. Auf der anderen Seite wurde eine neue Vision der
Welt, eine utopische Idee des Konstruktivismus formuliert: so z. B.
im Werk von Vladimir Tatlin, Aleksandr Rodcenko, Ljubov' Popova, Naum
Gabo und in den verwandten Bestrebungen anderer Pioniere in den Ländern
Mitteleuropas; dazu zählen Lajos Kassák, László
Moholy-Nagy, Zdenek Pesánek, László Péri.
Mit der Präsenz des Judentums soll der durch den Holocaust ausgelöschten
jüdischen Kultur eine Reverenz erwiesen werden. Sie war gerade
in diesem Teil Europas ein integraler Bestandteil des kulturellen
Lebens. Um die zentrale Figur dieses Kapitels, Marc Chagall, gruppieren
sich Repräsentanten mehrerer Künstlergenerationen von El'
Lisickij, Jankel Adler, Bruno Schulz, Lasar Segall, Imre Ämos,
Lajos Vajda, Jonasz Stern bis zu Grisha Bruskin. Eine Dokumentation
der Aktivitäten verschiedener Künstlergruppen, deren Erbe
der Vernichtung zum Opfer fiel, ergänzt diesen Ausstellungsteil.
Besondere psychische Implikationen kennzeichnen seit jeher die Kunst
Mittel- und Osteuropas. Diese spezifische Mentalität wird hier
als Surreale Imagination bezeichnet. Schwerpunkte bilden in diesem
Bereich Josef Sima und Victor Brauner, begleitet von einigen Vertretern
des Prager Surrealismus der dreißiger Jahre mit Toyen und Jindrich
Styrsky an der Spitze.
Den Verlauf der Ausstellung unterbricht ein Exkurs in die Problematik
des Sozialistischen Realismus: Politik gegen die Avantgarde. Mittels
einer Ton-Dia-Schau soll jene kulturpolitische Doktrin vermittelt
werden, die in den dreißiger Jahren in der UdSSR und nach 1948
auch in ihren damaligen Satellitenstaaten die künstlerische Ausdrucksweise
bestimmen sollte. Das Diktat dieses pompösen und akademischen
Propagandastils, der sich auf alle Bereiche des künstlerischen
Schaffens auswirkte, unterdrückte rücksichtslos alle progressiven
Tendenzen. Gegen dieses Diktat kämpften, nicht selten im Untergrund,
die Künstler der nächsten Avantgarde-Generation.
Mit Expression und Intuition ist der erste Themenkreis der Nachkriegszeit
überschrieben. Die vorgestellten Künstler haben unter widrigsten
Umständen versucht, sich der durch den Krieg unterbrochenen Herausforderung
der modernen Kunst (damals u.a. mit dem internationalen Sammelbegriff
'Informel' definiert) zu stehen. Sie vertreten ein breites Spektrum
von Positionen, bedienen sich einer vielfältigen Symbolik und
suchen nach persönlichen Metaphern für die Darstellung geistiger
Erlebnisse. Manche von ihnen finden ihre Wurzeln in Ritualen, die
einer volkstümlichen Tradition entlehnt sind. Hier begegnen sich
Persönlichkeiten unterschiedlichster Visionen: Tadeusz Kantor,
Maler und Autor des experimentellen Theaters, Zoltan Kemény,
Dusan Dzamonja, Gabriel Stupica, Jiri Kolár, Alina Szapocznikow,
Magdalena Abakanowicz, Adriena Simotová, Ana Lupas, Vladimir
Vejsberg, Vladimir Jakovlev und viele andere. Einige unter ihnen führten
'Aktionen' durch, die nicht selten aus politischen Gründen nur
unter konspirativen Bedingungen stattfinden konnten.
Das Kapitel Systematische Tendenzen bezeugt die Herausforderung, Kunst
mit rationalen Methoden, mit der Thematisierung visueller Wahrnehmungsprozesse
und durch die Einbeziehung technischer Errungenschaften zu hinterfragen.
Beispielhaft für diese Haltung sind Werke von Victor Vasarely,
Ryszard Winiarski, Nicolas Schöffer und den Vertretern der 'Neuen
Tendenzen' in Zagreb. Dieser Ausstellungsbereich enthält ferner
Arbeiten von Piotr Kowalski, Vera Molnar und Stanislav Kolibal. Eine
besondere Berücksichtigung findet in diesem Zusammenhang das
Oeuvre von Václav Bostik.
Der letzte Teil der Ausstellung - Transitorische Aspekte - reflektiert
eine nach allen Seiten hin offene, hinterfragende zeitgenössische
Kunst. Sie spiegelt vielfältige künstlerische Positionen
wider. Zu den hier vertretenen Persönlichkeiten gehören
nicht nur Maler und Bildhauer im überlieferten Verständnis,
sondern auch Künstler, die neue Konzeptionen für Raum und
Zeit entwickeln, Installationen schaffen, das Kunstwerk als Äquivalent
für die Natur begreifen, es ironisch in die Nähe der Massenkultur
rücken. Jene Aspekte der Kunst zum Ausgang des 20. Jahrhunderts
repräsentieren Künstler wie Christo, Roman Opatka, Il'ja
Kabakov, László Lakner, Marina Abramovic, Erik Bulatov,
Komar & Melamid, Magdalena Jetelová, Krzysztof Wodiczko.
Diese Ausstellungsstruktur ergänzen Sonderräume für
die künstlerische Fotografie des 20. Jahrhunderts und die zeitgenössische
Video-Kunst. Präsentiert werden hier ausgewählte Beispiele
der konstruktivistischen und surrealistischen Fotografie, abstrakte
Arbeiten nach 1945 und solche, die dem Konzeptualismus der siebziger
Jahre nahe stehen, sowie schließlich neue Positionen der letzten
zehn Jahre. Im Bereich der Video-Kunst werden die interessantesten
Ergebnisse dieser in Mittel- und Osteuropa verhältnismäßig
jungen Kunstgattung gezeigt.
Europa, Europa Das Jahrhundert der Avantgarde in Mittel- und Osteuropa
ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kunst- und Ausstellungshalle der
Bundesrepublik Deutschland und der Stiftung Kunst und Kultur des Landes
Nordrhein-Westfalen. |
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Künstlerische Leitung
Richard Stanislawski
Christoph Brockhaus
Projektberatung
Karl Ruhrberg
Fachbereichsleiter
Architektur: Andrzej Turowski
Literatur: Serge Fauchereau
Theater: Jan Klossowicz
Film: Hans-Joachim Schlegel
Musik: Detlef Gojowy
Projektleitung
Agnieszka Lulinska
Wanda Lemanczyk
mit Albert Petermann,
Johanna Roos
Madeline Ferretti
Ausstellungsarchitektur
Stanislav Kolibal |
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