Die
Großen Sammlungen III
Staatliches Russisches Museum St. Petersburg
Kunst- und Kulturgeschichte Rußlands in Werk und Bild
7. April bis 13. August 1995
1895 wurde das Staatliche Russische Museum St. Petersburg als Museum
Kaiser Alexanders III. und erstes nationales Museum für die "vaterländische
bildende Kunst" gegründet, im Jahr 1898 wurde es eröffnet.
100 Jahre nach der Museumsgründung zeigt die Kunst- und Ausstellungshalle
in ihrer Reihe Die Großen Sammlungen eine Vorschau auf die Jubiläumsausstellung,
die das Russische Museum 1998 im St. Petersburger Michail-Palais einrichten
wird.
Das Russische Museum stellt sich in Bonn mit 500 herausragenden Arbeiten
aus allen Abteilungen und Gattungen der russischen bildenden Kunst
vor. Die Auswahl aus den über 370.000 Werken der Sammlung des
Museums umfaßt Meisterwerke der altrussischen Kunst des 15.
bis 17. Jahrhunderts bis in die Zeit der Sowjetkunst des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellungsarchitektur zitiert die Ausstattung und die Raumfarben
des russischen Museumsgebäudes im Empire-Stile.
Der Rundgang beginnt im Foyer der Kunst- und Ausstellungshalle mit
einem Stadtmodell von St. Petersburg, 1703 als Hauptstadt des Russischen
Reiches und Fenster nach Europa von Zar Peter I. begründet. Es
zeigt das Michail-Palais in der Nähe des Nevski-Prospekts, der
St. Petersburger Prachtstraße, und andere zum Russischen Museum
gehörende Paläste als Gesamtkunstwerk der damaligen neuen
Hauptstadt des Russischen Reiches.
In der Großen Halle vermitteln Empire-Möbel, Porzellan
und andere Ausstattungsstücke des Architekten Carlo Rossi eine
Ahnung von dem prachtvollen Weißen Saal im Michail-Palais. Dieser
Raum ist ein einzigartiges Beispiel für die Inneneinrichtung
der Petersburger Paläste des Klassizismus. Das von Rossi entworfene
Mobiliar und der Wandschmuck bezeugen das hohe Niveau der angewandten
Kunst.
Archivdokumente in der Rotunde der Großen Halle verweisen auf
die Gründungsgeschichte des Museums, dessen Bestand aus zahlreichen
kaiserlichen Schenkungen, aristokratischen und bürgerlichen Stiftungen
und Sammlungen, der Bildergalerie russischer Meister aus dem Winterpalais,
der Eremitage und anderen Zarenpalästen sowie dem Museum der
Akademie der Künste von St. Petersburg hervorging.
Die Altrussische Kunst dokumentiert mit Ikonen aus Novgorod, Pskov,
Moskau und Tver', Kirchengerät und Paramentstickereien den Reichtum
der Domkirchen der Alten Rus', den alten russischen Stadtstaaten.
Die Motive der christlichen Altertümer wiederholen sich in der
Ausschmückung von Gebrauchsgegenständen der Volkskunst.
In unmittelbarer Tradition zu dieser handwerklichen Qualität
steht einige Jahrhunderte später die Bildsprache der russischen
Avantgardisten.
Die aus zahlreichen Ikonenschulen hervorgegangene Portraitmalerei
des 18. Jahrhunderts orientierte sich an höfischen Vorbildern
des westeuropäischen Typus. Die bildende Kunst des 19. Jahrhunderts
hingegen pflegte besonders in der romantischen Periode mit der Entdeckung
der Landschaft, der Natur und des Lebens der einfachen Leute auf dem
Lande weiterhin die eigenständige Entwicklung russischer Meister.
Diese Epoche ist u.a. mit Genregemälden, Interieurs, Zeichnungen
und Aquarellen von Grigorij Soroka, Aleksej Venecianov und Karl Brjullov
vertreten.
Seit 1850 wandten sich einige Meister neben der allbeherrschenden
akademischen Kunst sozialkritischen Themen zu. Der bekannteste eigenständige
Künstlerverband war die 1870 gegründete Genossenschaft der
Wandermaler, die an den Akademieausstellungen nicht teilnahmen. Dazu
zählen Künstler wie Il'ja Repin und Ilarion Prjanisnikov.
Ihre Themen galten dem Schicksal des Menschen und seiner Arbeitswelt.
Auf den Kritischen Realismus folgten um 1900 die Richtungen des Neoklassizismus,
Symbolismus und Jugendstil mit spezifisch russischer Prägung,
die von Künstlern wie Michail Vrubel' und Michail Nesterov repräsentiert
werden. Besonders radikale Konzepte der Bildsprache und Plastik entwickelten
die Künstler der russischen Avantgarde, von denen das Russische
Museum die weltweit größte Sammlung besitzt. Werke von
Michail Larionov, Wassily Kandinsky, Kazimir Malevic, Vladimir Tatlin,
Aleksandr Rodcenko oder Ljubov Popova dokumentieren diese Epoche.
Seit der Oktoberrevolution von 1917 galten andere Normen für
die Kunst, deren gesellschaftlichen Auftrag die Sowjetkunst vertrat.
"Die im Lauf zum Stehen gebrachte Avantgarde" (Evgenij Koftun)
mußte an der Ästhetik des Sozialistischen Realismus scheitern.
Der Rundgang durch 500 Jahre Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte
schließt mit einer in Bronze gegossenen Darstellung von Roosevelt,
Stalin und Churchill auf der Konferenz von Jalta, die im Februar 1945
über das Schicksal der Deutschen und das Europas entschied.
Trotz Krieg, Revolution und der Belagerung der Stadt Leningrad von
1941-1944 konnten die Denkmäler im Russischen Museum bewahrt
und gerettet werden. Die verantwortliche Pflege und Archivierung seines
Bestandes ermöglichte dem Russischen Museum nach Stalins Tod
eine Neubewertung von Kunst und Künstlern im Rahmen der größten
und vollständigsten Sammlung der russischen nationalen Kunst
vom 13. bis 20. Jahrhundert.
Gliederung der Ausstellung
I Kunst des Alten Rußland (Ostgalerie) - Ikonenmalerei - Kirchliche
Kunst und Plastik - Paramentenstickerei - Parsuny/Portraitikonen
II Volkskunst (Ostgalerie) - Hausgeräte und -dekorationen - Holz-
und Tonspielzeug - Webarbeiten und Stickereien - Lubki/Bilderbögen
(Videoraum)
III Russische Kunst 1700 bis 1850 (Große Halle) - Bildnismalerei
des 18. Jahrhunderts - Meister der romantischen Malerei - Venecianov
und seine Schüler - Romantische Zeichnungen, Aquarelle und Skulpturen
- Russisches Empire: Angewandte Kunst, Bronzen und Porzellan
IV Russische Kunst 1850 bis 1920 (Große Halle) - Kritischer
Realismus/Historismus - Symbolismus/Jugendstil Gemälde und Skulpturen
V Russische Kunst im 20. Jahrhundert (Große Halle/Südgalerie)
- Gemälde und Skulpturen der Avantgarde (Südgalerie) - Lithographierte
Künstlereditionen (Videoraum) - Porzellan der Avantgarde (Große
Halle) - Sowjetkunst: Gemälde, Kleinplastiken und Skulpturen
(Große Halle) Dokumente zur Gründungsgeschichte (Große
Halle, Rotunde) |
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Ausstellungskuratorinnen
Evgenija Petrova
Marie-Louise von Plessen
Projektleiterin
Lisa Steinhäuser |
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