Tanzende
Bilder
Fahnen der Fante Asafo in Ghana
30. April bis 11. Juli 1993
Die Fante sind ein Volk von etwa einer Million Menschen, die in mehreren
kleinen Staaten an der Küste von Ghana leben. Sie stehen seit
über 500 Jahren in ständigem Kontakt mit Europäern
und haben sich schon sehr früh europäische Gewohnheiten
und Gegenstände zu eigen gemacht. Eine ihrer auffallendsten sozialen
Erscheinungsformen ist das System der Asafo-Gesellschaften, die früher
die Kriegsmacht eines Fante-Staates stellten und sich heute noch um
verschiedene kommunale Aufgaben wie etwa Flurbereinigung und Seenotrettung
kümmern. Jeder Fante-Staat hat eine Anzahl solcher Asafo-Kompanien,
die streng hierarchisch gegliedert sind. Die Mitgliedschaft und die
wichtigsten Ämter werden durch vaterrechtliche Erbfolge gesichert.
Zu den bedeutensten Insignien der Asafo-Kompanien gehören ihre
Fahnen, mit denen sie bei Festivals, Beerdigungen und anderen öffentlichen
Anlässen als Prozession oder Marschformation auftreten. Seit
300 Jahren ist die Existenz solcher Fahnen belegt, die ältesten
erhaltenen Exemplare stammen jedoch erst aus der zweiten Hälfte
des neunzehnten Jahrhunderts. Die Fahnen besitzen eine spezifische
Ikonographie, deren Hauptquellen historische Ereignisse, das reiche
Repertoire an Sprichwörtern der Akan-Völker sowie verschiedene
Gegenstände europäischer Herkunft sind. Einerseits dienen
die Fahnen der Verherrlichung der eigenen Kompanie, andererseits werden
mit Hilfe der Darstellungen häufig die rivalisierenden Kompanien
lächerlich gemacht, was immer wieder zu Konflikten zwischen den
Kompanien eines Staates geführt hat.
Die Bildkomposition der Fahnen ist gekennzeichnet durch eine spannungsvolle
Asymmetrie. Die dargestellen Szenen sind fast nie auf einen waagerechten
Horizont hin orientiert, sondern meist in eine leichte Schräglage
gebracht, was Bewegung impliziert Meist bildet eine einfarbige Fläche
den Bildgrund, auf dem die dargestellten Gegenstände und Szenen
in einer ganz eigenen Räumlichkeit zu schweben scheinen. Diese
künstliche Atmosphäre und die spezifische Farbgebung der
Bildgegenstände sind Abstraktionsmittel, die diese Fahnen mit
der Malerei der klassischen Moderne teilen.
In der Regel mißt eine Fahne zwischen 90 und 120 cm in der Höhe
und 120 und 190 cm in der Länge. Sie ist aus unterschiedlich
gefärbten Baumwoll- oder Seidenstoffen in einer Applikationstechnik
hergestellt; kleinere Details werden aufgestickt. Dabei wird die Fahne
in der Regel von beiden Seiten mit dem identischen, spiegelbildlichen
Motiv versehen. Die Orientierung einer Bildkomposition nach links
oder rechts muß daher austauschbar sein. Eine der wesentlichsten
Aufgaben der Fahnen ist ihre tatsächliche Bewegung während
des Tanzes. Wir begegnen in den Fahnen einer Bildauffassung, deren
Motivation im Spannungsfeld zwischen tatsächlicher und illusionierter
Bewegtheit liegt.
Die meisten Fahnen weisen in in einem Feld in der Linken bzw. rechten
oberen Ecke eine Nationalflagge auf, die vom Schema der britischen
Schiffsflaggen abgeleitet ist. Diese Nationalflaggen lassen sich als
Anhaltspunkt für die Datierung der Fahnen verwenden. Eine holländische
Fahne verweist auf die Zeit des Haupteinflusses der Holländer
der Goldküste im 19. Jahrhundert bis 1872, der Union Jack verweist
auf die britische Kolonialzeit 1872 bis 1957 und die ghanaische Flagge
legt die Entstehungszeit auf die Jahre seit 1957 fest.
Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zeigt
vom 30. April bis zum 11. Juli 1993 etwa 100 Asafo-Fahnen und bietet
so die erste umfassende Präsentation dieser afrikanischen Kunstform
in Europa. Im Sommer 1993 wird das Haus der Kulturen der Welt in Berlin
die Ausstellung übernehmen.
Kay Heymer, geboren 1960 in Twistringen. Studium der Kunstgeschichte
an der Ruhr-Universität Bochum 1981-88 bei Max Imdahl. 1986-1990
Mitarbeit an verschiedenen Ausstellungen des Museum Ludwig, Köln:
Europa/Amerika; Bilderstreit; Afrikanische Skulptur. Seit 1988 Veröffentlichungen
zur zeitgenössischen Kunst, u.a. über Georg Baselitz, Peter
Halley, Katharina Fritsch, Günther Förg, Arnulf Rainer.
1992 Projektleiter der Ausstellung Territorium Artis in der Kunst-
und Ausstellungshalle. |
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Ausstellungskurator
Kay Heymer |
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