Territorium
Artis
19. Juni - 20. September 1992
Die Ausstellung Territorium Artis bilanziert ein Jahrhundert zeitgenössischer
Kunst, indem sie die radikalsten Werke der unterschiedlichen Jahrzehnte
zusammenbringt Dabei wird die Verwandlung der traditionellen Gattungen
von Malerei und Skulptur ebenso sichtbar wie die Erweiterung des Territoriums
der Kunst. Immer mehr Gegenstände und Techniken finden im 20.
Jahrhundert direkten Eingang in die Kunst Auf Darstellung und Kommentar
wird verzichtet Anstatt eine Geschichte zu erzählen, ist das
moderne Kunstwerk vielmehr eine grundlegende, eigene Realität
Die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst ist vor der Folie
dieses Anspruchs lesbar als eine Geschichte fortwährender Entlarvungen:
Während z.B. die gegenstandslose Malerei für Kandinsky der
Inbegriff von Freiheit und Unmittelbarkeit war, befreite Piet Mondrian
seine Malerei von jeder expressiven Gestik und wies dadurch indirekt
auf die darstellerische, romantische Komponente von Kandinskys Malerei
hin. Der Amerikaner Barnett Newman entlarvte Mondrians sorgfältig
durchdachte Liniengerüste dann als Kommentare einer idealistischen
Weltsicht und befreite in seinen Bildern die Farbe von der Komposition.
Die Entwicklung der Bildhauerei spaltet sich am Beginn unseres Jahrhunderts
in eine formalistische Richtung, die an der Untersuchung grundlegender
Phänomene wie etwa der Bewegung oder der Materialeigenschaften
interessiert ist, und eine Geschichte des -lediglich ausgewählten
und weitgehend ungestalteten - Objekts, die ihren Ausgangspunkt im
Konzept des readymade von Marcel Duchamp hat Von hier aus beginnt
die Erweiterung des Territoriums der Kunst Es wird möglich, unterschiedlichste
Objekte und ganze Räume auszuwählen, und in den Kontext
der Kunst einzuführen. So rekonstruierte der Belgier Marcel Broodthaers
1975 einen Raum seiner Wohnung, um ihn als Kunst zu präsentieren.
In der konzeptuellen Kunst von Lawrence Weiner oder Joseph Kosuth
werden die unterschiedlichen Realitätsebenen der Wahrnehmung
vorgefühlt und die Grenzen des Kunstkontextes erweisen sich als
unklare, fließende Übergänge.
Das Konzept des Kunstwerks als einer autonomen Realität ist in
mehrfacher Hinsicht komplex und findet ein Gegengewicht in Kunstwerken
mit ausgeprägt inhaltlicher Komponente. Ein bedeutender Entwicklungsstrang
zeitgenössischer Kunst ist befaßt mit moralischen und politischen
Implikationen. Von George Grosz über John Heartfield bis hin
zu Edward Kienholz und Hans Haacke reichen die Lösungen direkt
politisch-moralischer Themenstellungen in der Kunst.
Auf formaler Ebene implodierte das Konzept der Moderne in Projekten
von Künstlern wie Andy Warhol oder Gerhard Richter. Warhol wiederholte
seine Bildmotive im Verfahren des Siebdrucks und neutralisierte damit
die inhaltliche Botschaft des Motivs ebenso wie die handwerkliche
Komponente der Malerei. Durch das Mittel der Wiederholung changiert
seine Kunst zwischen unbeteiligter, passiver Reproduktion und intensivierter
inhaltlicher Botschaft. Für Maler wie Gerhard Richter oder Edward
Ruscha existiert der Unterschied zwischen Gegenstandslosigkeit und
Gegenständlichkeit nicht mehr. Längst kann man nicht mehr
von der einhelligen und unverfälschten Unmittelbarkeit eines
Kunstwerkes sprechen. Die Gegensätzlichkeit der heute möglichen
künstlerischen Positionen führt zu gegenseitiger Relativierung,
aber auch zu gegenseitigem Ansporn.
Die Bedeutung der in der Ausstellung gezeigten Werke liegt nicht zuletzt
in ihrer fortwährenden Aktualität und Beständigkeit.
Sie wurden von Neuentwicklungen nicht überholt und behaupten
ihre Position nach wie vor. Sie sind nicht veraltet Territorium Artis
ist ein Panorama der Gleichzeitigkeit, die Werke der Ausstellung sind
heute so neu wie am Tag ihrer Entstehung. |