Die
Großen Sammlungen II
Unter dem Vulkan
Meisterwerke der Antike aus dem Archäologischen Nationalmuseum
Neapel
17. Februar bis 5. Juni 1995
Mit der Ausstellung Unter dem Vulkan - Meisterwerke der Antike aus
dem Archäologischen Nationalmuseum Neapel setzt die Kunst- und
Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland ihre Reihe Die Großen
Sammlungen fort. Nach der berühmtesten Sammlung moderner Kunst,
dem Museum of Modem Art aus New York, das die Reihe im Oktober 1992
eröffnet hatte, ist nun die weltweit bedeutendste Schatzkammer
antiker Kunst aus Neapel zu Gast in Bonn.
Die Geschichte des Museo Archeologico Nazionale di Napoli geht auf
das Jahr 1738 zurück, als der Bourbonenkönig Karl III. begann,
in seiner königlichen Villa in Portici am Fuße des Vesuvs
die reichen Funde aus den Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji
zu sammeln. Auch die Ausbeute von Entdeckungen und Ausgrabungen aus
ganz Süditalien und der Magna Graecia. den griechischen Kolonien
in Italien, floß in das königliche Museum ein. Darüber
hinaus gelangte die Sammlung Farnese, die vielleicht bedeutendste
Kunstsammlung der Renaissance, durch Erbschaft in den Besitz der Bourbonen.
Ab 1812 wurden die neuerworbenen Antiken aus den Palästen der
Farnese in Rom und Parma mit dem königlichen Besitz aus Portici
in Neapel im prachtvollen Palazzo degli Studi zusammengeführt.
In der Folgezeit bereicherten die Sammlungen der Borgia, Murats und
anderer das Nationalmuseum. Seine Über 400jährige Sammlungsgeschichte
machten dieses "große und schöne Unternehmen"
(Goethe) schließlich zum weltweit größten archäologischen
Museum mit Werken der klassischen Antike.
Die Ausstellung könnte man als eine neue archäologische
'Ausgrabung' betrachten, eine Auswahl aus über 200.000 Objekten,
die das umfassendste Gedächtnis der griechisch-römischen
Welt formen. Rund 130 Werke aus dem Zeitraum des 5. Jahrhunderts v.
Chr. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. wurden unter dem Gesichtspunkt
ausgesucht, die drei Hauptabteilungen des Museums zu dokumentieren.
I Kampanien und Großgriechenland: Skulpturen, wie die Dioskuren
(Castor und Pollux) aus Baiae, die Statue des Faustkämpfers aus
Sorrent, die des Diomedes aus Cuma, eine Serie großer Vasen
und kostbare Objekte aus Glas und Elfenbein belegen die blühende
Kultur Süditaliens vor Ankunft der Römer. Besonders hervorzuheben
ist die eindrucksvoll bemalte Grabkammer aus Nola, die eigens für
diese Ausstellung restauriert wurde und in Bonn erstmalig zu sehen
ist. Auch die im 5. Jh. n. Chr. von ihren Sockeln gestürzten
Dioskurenstatuen aus Baiae sind in Bonn seitdem erstmals wieder vereint
zu sehen.
II Die Sammlungen: Einige weltberühmte Statuen wie die Artemis
Farnese belegen Sammelleidenschaft und humanistische Kultur der großen
italienischen Adelsfamilien in Bonn wird auch der große Pferdekopf
aus der Sammlung Carafa zu bewundern sein, über dessen Herkunft,
Alter und Bestimmung schon im 16. Jahrhundert gerätselt wurde.
III Städte unter dem Vesuv: In der Kunst- und Ausstellungshalle
werden einige der berühmtesten antiken Fresken und Mosaike aus
den im Jahre 79 n. Chr. durch den Ausbruch des Vesuv verschütteten
Städten Pompeji und Herculaneum gezeigt. Mosaiken wie die Fahrenden
Musiker oder die Platonische Akademie, ein Freskenzyklus aus der Casa
di Giasone, Objekte aus Elfenbein und Silber, darunter eine für
Bonn restaurierte Silberbüste des Kaisers Galba, Gegenstände
aus Bronze, wie die Skulptur des Kitharaspielenden Apolls oder der
berühmte Dreifuß mit Satyrn belegen Jahrhunderte von Entdeckungen
in Herculaneum und Pompeji, Besonderer Anziehungspunkt der Ausstellung
sind drei in Originalgröße nachgebaute Räume des Haus
des Jason, auch Casa dell'Amor Fatale genannt. Der Freskenzyklus aus
diesem Haus, eines der bedeutendsten Zeugnisse römischer Malerei,
war im 19. Jahrhundert von der Wand abgenommen und ins Museum gebracht
worden. In Bonn werden die acht großformatigen Bilder erstmals
wieder in der ursprünglichen Hohe und der originalen räumlichen
Disposition zu sehen sein.
Das Museo Nazionale bewahrt eine einzigartige Sammlung von Zeichnungen,
Aquarellen und Temperagemälden des frühen 19. Jahrhunderts.
Die teilweise direkt von der Wand abgepausten Zeichnungen zeigen antike
Fresken zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung und sind oft einziger Beleg
vieler verlorengegangener Originale. Die in Bonn gezeigte Auswahl
vermittelt einen Eindruck von der Raffinesse, Brillanz und Farbenpracht
pompejanischer Wandmalerei, wie er aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes
der Originale in Pompeji oft nicht mehr zu gewinnen ist.
Einen besonderen Platz in der Ausstellung nehmen einige ausgewählte
Stücke aus dem erotischen "Geheimkabinett" des Nationalmuseums
ein, zu dem im 18. Jahrhundert "ausschließlich Personen
reifen Alters und bewährter Moral" Zutritt haben sollten.
So wurde die berühmte antike Marmorskulptur Pan und Ziege sofort
nach ihrer Entdeckung 1752 als "sehr schön, aber höchst
unzüchtig" beurteilt und ins Depot verbannt. Die Präsentation
antiker Werke in einer modernen Umgebung wie der Kunst- und Ausstellungshalle
ist eine reizvolle Herausforderung: "Die wahre und völlige
Kenntnis des Schönen in der Kunst kann nicht anders als durch
Betrachtung der Urbilder selbst erlangt werden." Dieser Forderung
Johann Joachim Winkelmanns, des Begründers der modernen Archäologie,
soll durch die Bonner Ausstellung entsprochen werden. Für ihn
und seine Zeit waren zwei Aspekte mit einem antiken Kunstwerk verbunden.
Es war Dokument einer historischen Epoche, aber auch in seiner Schönheit
Anlaß eines 'inneren Erlebnisses', auch und gerade für
den historisch nicht vorgebildeten Besucher. In diesem Sinne soll
die Ausstellung in Bonn nicht nur den geschichtlichen Kontext der
ausgestellten Objekte und der sie beherbergenden Sammlung vermitteln,
sondern will diese auch in all ihrer Schönheit zur Geltung bringen.
Der italienischen Tradition des 'studio di antichita'. des Antikenkabinetts
entsprechend kann der Besucher in einem eigens für die Ausstellung
eingerichteten Studiolo lesen und nachschlagen, diskutieren oder ganz
einfach ausruhen. Dort sind zahlreiche Bücher - antike Klassiker,
aber auch moderne Autoren - dem Besucher frei zugänglich, darunter
auch Folianten des späten 18. und 19. Jahrhunderts, eine der
seltenen Gelegenheiten, einen schön gebundenen Band mit Kupferstichen
in der Hand zu halten. Für Fragen ist ständig ein 'Cicerone',
ein kompetenter Ansprechpartner, anwesend, der bei Interesse auch
spontan durch die Ausstellung führt.
Ein umfangreiches Rahmenprogramm - Konzerte, Theater, Filme - im Forum
der Kunst- und Ausstellungshalle begleitet die Ausstellung. Nicht
nur die antike Kultur Süditaliens wird Thema sein, sondern auch
die faszinierende, lebendige Kulturstadt Neapel. Dazu zählen
u.a. Vorträge und Lesungen neapolitanischer Autoren. In den Ausstellungsräumen
selbst werden täglich um 12.30 Uhr über einen Zeitraum von
zwei Monaten hinweg die Metamorphosen des Ovid ungekürzt in einer
szenischen Lesung mit Musik aufgeführt.
"Ergötzung und Belehrung", so wie sie Goethe nach
eigenem Bekunden 1787 in Neapel erlebte, das könnte auch das
Motto der Ausstellung des 'Museo Archeologico Nazionale di Napoli'
in Bonn sein. |
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Kurator
Giulio Macchi, Rom
Projektleiter
Lothar Altringer |
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