Wunderkammer
des Abendlandes
Museum und Sammlung im Spiegel der Zeit
25. November 1994 bis 26 Februar 1995
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Geschichte des Sammelns,
des Ordnens und des Museums. Präsentiert wird eine umfassende
Auswahl von mehr als 1800 Objekten, die seit der Renaissance gesammelt
wurden und die die Geschichte des Sammlungswesens in Europa widerspiegeln.
Es handelt sich hauptsächlich um Objekte aus der umfangreichen
Sammlung des dänischen Nationalmuseums Kopenhagen und aus 40
anderen, meist skandinavischen Museen. Es ist ein einzigartiges europäisches
Phänomen, in einem Museum verschiedene Dinge an einem Ort in
einer bewußten Ordnung zu versammeln, um Verständnis für
eine größere Einheit zu schaffen und Zusammenhänge
zwischen Tradition und Fortschritt zu veranschaulichen. Europäisches
Denken und europäische Mentalität sind daher ebenso Thema
der Ausstellung.
Das Museum, wie wir es heute verstehen, präsentiert der Öffentlichkeit
eine Sammlung von Objekten in Form von Ausstellungen. Der gelehrte
Mensch der Renaissance hingegen versammelte die Objekte, mittels derer
er sich Wissen aneignete, in seinem Studierzimmer, dem sogenannten
'studiolo'. Darüber hinaus gab es private Sammlungen des Hochadels,
in denen fremde und wunderliche Dinge aus fernen Ländern, kostspielige
Kunstwerke, wissenschaftliche Instrumente und vieles mehr zusammengeführt
wurden. Sie wurden Raritätenkabinette, Wunderkammern und Kunstkammern
genannt.
Moderne Museen haben ihre Wurzeln in den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts.
Die neuentdeckte Leidenschaft für die nationale Geschichte, Wissenschaft
und Kunst schufen hierfür die Voraussetzung. Heute wiederum ist
das Erscheinungsbild des Museums durch das Zeitalter der Technologie
im Wandel. Wir müssen uns auf den Tag vorbereiten, an dem das
Museum, wie wir es kennen, selbst in einem Museum ausgestellt wird.
Ein Vorläufer dieser Entwicklung ist unsere Ausstellung: Wunderkammer
des Abendlandes. Museum und Sammlung im Spiegel der Zeit.
Die Vielzahl von Exponaten ist vier Zeiträumen zugeordnet, von
denen jeder eine eigene Sicht der Welt beschreibt. Die Auseinandersetzung
mit den vier 'Blicken' gibt uns einen Eindruck der Geschichte der
Ideen und Wissenschaften des modernen Europa. Die Ausstellung beginnt
im 17. Jahrhundert und endet mit den surrealistischen Ausstellungen
der 30er Jahre dieses Jahrhunderts, in denen eine neue revolutionäre
Sichtweise entstand, die wir vielleicht erst heute zu verstehen beginnen.
Der kuriose Blick beschreibt das Sammelverhalten vom 16. bis zur Mitte
des 17. Jahrhunderts. Der neugierige Mensch sammelte mit einem wißbegierigen
Blick auf die Welt Dinge, die entweder aus der Natur stammten oder
Artefakte waren und fast "zufällig" zusammengeführt
wurden. Dahinter stand das Bestreben, mit "angesammeltem"
Wissen die Welt kennenzulernen und zu verstehen. Gezeigt werden Preziosen
aus der Königlich Dänischen Kunstkammer und alle noch vorhandenen
Objekte aus Ole Worms Museum Wormianum aus dem 17. Jahrhundert. Eines
der schönsten Beispiele aber aus dieser Zeit ist der Kunstschrank
des schwedischen Königs Gustav U. Adolph, der in den Jahren zwischen
1625 und 1632 von dem Augsburger Philipp Hainhofer hergestellt wurde.
Der spiegelnde Blick ( ca. 1650 - 1800 ) schließt alles Überflussige,
Mystische und Kuriose aus. Die im 18. Jahrhundert oft auf Reisen gezielt
gesammelten Objekte wurden mit einer eindeutigen, neutralisierenden
Sprache versehen. Dieses "unsentimentale" Sehen und die
Benennung von Gattung und Art war die Basis, um zu wissenschaftlicher
Erkenntnis zu gelangen. Die Ordnung der Natur sollte sich in den neu
aufgestellten Klassifikationsprinzipien widerspiegeln. Der 'spiegelnde
Blick' umfaßt u.a. ein Naturalienkabinett mit zoologischen,
botanischen und geologischen Objekten, basierend auf dem System Carl
von Linnes. Er zeigt Gegenstände, die der Anschauungs- und Unterrichtssammlung,
dem Theatrum oeconomico-mechanicum von Anders Berch nachempfunden
und zwischen 1750 und 1800 hergestellt wurden. Das Theatrum von Berch,
dem erstem nordischen Professor für Nationalökonomie, war
eines der größten seiner Art in Europa. Der Bereich endet
mit einer Veranschaulichung experimenteller physikalischer Exponate
aus der Sammlung von Adam Wilhelm Hauch und zeigt Holzmodelle des
mechanischen Alphabetes von Christopher Polhem, die die Grundlagen
der mechanischen physikalischen Gesetze aufzeigen - unabdingbare Voraussetzungen
zum Fortschritt der Maschine in der industriellen Revolution des 19.
Jahrhunderts.
Mit berühmten Sammlungsbeispielen des 19. Jahrhunderts und der
Rotunde als Idealbau veranschaulicht der Panorama-Blick den Höhepunkt
in der Entwicklungsgeschichte der Museen. Im Zeitalter des Evolutionismus
wird die Idee einer universalen und zielgerichteten Lenkung der Weltgeschichte
zur philosophischen Grundlage des Museums und der Entwicklungsgedanke
zum wichtigsten Kriterium in der Ausstellung. Die Ausstellungsformen
und -prinzipien der Museen sind seit Ende des 18. Jahrhunderts von
zwei Hauptrichtungen geprägt: Die eine ordnet Dinge nach typologischen
und chronologischen Kriterien; die andere "erzählt"
eine Geschichte, indem sie Dinge in zeittypischen Interieurs und Milieus
ausstellt.
Die Ausstellung endet im Bereich des surrealen Blickes, unter anderem
mit Beispielen aus einem "Wörterbuch", veröffentlicht
in jedem Exemplar der Documents, einer Zeitschrift, die 1929-30 erschien
und u.a. von Georges Bataille redigiert wurde. Das alphabetische Ordnungsprinzip
dieses Wörterbuches, das Dinge auf die willkürlichste Art
erklärt und zusammenstellt, war ein beliebtes Instrument für
die Surrealisten. Bodenschaukästen veranschaulichen die ungewöhnliche
Art der Surrrealisten, Dinge aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen
miteinander zu kombinieren, um mit Sehgewohnheiten zu brechen und
die "Zufälligkeit" von Ordnungsprinzipien aufzuzeigen.
Die zeitgenössische Ausstellungsarchitekur des dänischen
Architekten Poul Ingemann folgt diesen vier Blicken und verbindet
die verschiedenen Sektionen der Ausstellung zu einer ästhetischen
Einheit. Bestandteil der Ausstellung sind außerdem ein 'Anatomisches
Theater' und ein 'Memoriatheater' des zeitgenössischen dänischen
Künstlers Mikael Thejll. Eine Gemäldegalerie mit Bildern
aus verschiedenen Jahrhunderten spiegelt das Thema dieses Ausstellungskonzeptes
wider. Eine simultan geschaltete Videoinstallation des zeitgenössischen
Künstlers Motten Skriver in dem Abschnitt 'Mnemosyne' (die griechische
Göttin der Erinnerung), sowie der Film Museumsnotizen - ein Besuch
in sechs europäischen Museen, in dem verschiedene Künstler
mit ihrem persönlichen Blick berühmte Sammlungen vorstellen,
vervollständigen die Ausstellung.
Ein umfangreiches Filmprogramm des Forums der Kunst- und Ausstellungshalle
und des Kinos in der Brotfabrik, Bonner Kinemathek e.V., mit ausgewählten
europäischen Dokumentarfilmen, die die Themen und Ideen der Ausstellung
aufnehmen, begleitet die Ausstellung mit einem eigenen 'bezeichnenden
Blick'. Sie führen vor, wie in und mit dem Medium des dokumentarischen
Films Zugänge zur Welt gesucht und markiert werden. |
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Ausstellungsleitung
Annesofie Becker Ausstellungskuratoren
Annesofie Becker
Willie Flindt Projektleitung
Susanne Kleine
Ausstellungsarchitektur
Poul Ingeman
Zusammenstellung des Filmprogramms
Stefan Drößler |
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