Talking Heads – Katharina Sieverding

Katharina Sieverding stellte sich den Fragen von Kuratorin Susanne Kleine in einer neuen Ausgabe unserer „Talking Heads“.

Die Künstlerin spricht über ihre Werke, Ansatzweisen und nicht zuletzt Haltung (Foto: DB, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Bonn)

Die Künstlerin spricht über ihre Werke, Ansatzweisen und nicht zuletzt Haltung (Foto: DB, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Bonn)

Eine große Auswahl ihrer Werke von 1967 bis heute ist bis zum 16. Juli in der Ausstellung Katharina Sieverding. Kunst und Kapital zu sehen

 

KATHARINA SIEVERDING
Kunst und Kapital. Werke von 1967 bis 2017
bis 16. Juli 2017
Weitere Informationen

(Fotos: DB, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Bonn)

Mit Bildsprache Barrieren überwinden

Perfekter_Rhein_Moment, Foto: Katja Schöpe

Perfekter_Rhein_Moment, Foto: Katja Schöpe

Die Ausstellung Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie ist zu Ende gegangen und mit ihr auch das begleitende Rahmenprogramm. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Projekt, in dem nicht nur Kurzfilme entstanden, sondern sich auch neue Möglichkeiten entwickelten.

Der interkulturelle Workshop Perfekter_Rhein_Moment wurde parallel zur Ausstellung für junge Erwachsene angeboten. Geflüchtete und Locals trafen sich, um ihre persönliche Geschichte zum Rhein in einem Film festzuhalten.  In kleinen Gruppen planten die Teilnehmer die Umsetzung ihrer Ideen, und die entstandenen Aufnahmen fügten sich am Ende des Workshops zu mehreren Kurzfilmen zusammen, die nun im Blog zu sehen sind.

Verantwortlich für Idee und Umsetzung des Workshops waren Katja Schöpe (Inklusion/Integration) und Jens Bohnsack (Bildung, Workshops), beide in der Kunstvermittlung der Bundeskunsthalle tätig.
In einem gemeinsamen Gespräch berichten sie von den Erfahrungen, die sie mit den Teilnehmern des Workshops sammeln konnten.

In eurem Workshop ging es um den persönlichen Bezug zum Rhein, der sich bei allen Teilnehmern unterscheidet …

Katja Schöpe: Ja genau, ich denke das war das Besondere an dieser Idee – die Bandbreite von Rheinmomenten. Für Menschen, die hier gerade neu angekommen sind, ist das Thema zunächst vielleicht befremdlich. Wer im Gegensatz dazu hier aufgewachsen ist, empfindet es vielleicht eher als ärgerlich, jeden Morgen über die Rheinbrücke fahren zu müssen. In den einzelnen Gruppen musste man sich also erst einmal einigen und darüber verhandeln, was man als perfekten Rheinmoment empfindet.

Wie genau funktionierte die Zusammenarbeit der Teilnehmer?

Jens Bohnsack: Als Einstieg in den Workshop hatten wir uns ein assoziatives Spiel mit Bildern überlegt. Die Workshop-Mitarbeiter legten viele verschiedene Kataloge aus, und dann wurde sich erst einmal darüber ausgetauscht, wer welches Bild ansprechend findet und aus welchem Grund. So entstand ein wenig Vertrauen untereinander und auch ein erstes Gespräch. Erst nach diesem kurzen Warm-Up ging es gemeinsam zunächst einmal in die Rhein-Ausstellung.

Waren unterschiedliche Sprachkenntnisse dabei ein Hindernis?

Jens Bohnsack: Das war von Mal zu Mal unterschiedlich. In so einem Workshop kann ein Mix aus ganz verschieden Sprachen entstehen. Manchmal geben aber auch Initiativen vor, dass nur Deutsch gesprochen wird beziehungsweise so viel Deutsch wie möglich.

Katja Schöpe: In diesem Workshop wurde auch oft mit einem Online-Übersetzer gearbeitet. Aber wenn dann doch einmal untereinander in der Heimatsprache gesprochen wurde, so war das auch in Ordnung.

Daher das Medium Film? Um die Sprache auszuklammern?

Jens Bohnsack: Genau! Die verbale Sprache ist nicht mehr so wichtig, wenn man in Bildern miteinander sprechen kann. Je nachdem, wie die Deutschkenntnisse sind – und diese waren sehr unterschiedlich in den Kursen –, ist es schwierig, sich über komplexe Dinge zu unterhalten. Deswegen funktioniert die Bildsprache besonders gut, weil ein Film auch ohne gesprochene Sprache eine Aussagekraft haben kann. Außerdem sind Smartphones, mit denen die Filme gedreht wurden, ständige Begleiter für jeden von uns. Die Teilnehmer waren im Umgang schon geübt und konnten sich daher voll und ganz auf die Aufnahmen konzentrieren, und auf das, was sie mitteilen möchten.

Der Workshop als Sprachforum?

Katja Schöpe: Durchaus, aber nicht ausschließlich. Wir sprechen immer vom Kennenlernen, von „sich begegnen“, und dieser Workshop sollte eine Plattform dafür sein. Viele Geflüchtete oder Neuankömmlinge haben den Wunsch, Kontakte zu knüpfen. Nun ist es aber leider so, dass wenige Bonner in eine Flüchtlingsunterkunft laufen, sich einfach mal vorstellen und fragen, wie es denn so gehe. Daher die Überlegung: Was könnte eine Möglichkeit sein, sich zu begegnen, sich kennenzulernen?  Der Rhein ist ein schönes und verbindendes Element, das gut funktioniert hat. Ich glaube, die fertigen Videos als Endergebnis sind etwas sehr Verbindendes für Geflüchtete, aber auch für Locals. Schön war festzustellen, dass es gar nicht so viele Unterschiede gibt, wie wir uns immer einbilden; dass Gemeinsamkeiten überwiegen.

Jens Bohnsack: Geflüchtete und Locals befinden sich sogar häufig an denselben Orten – zum Beispiel am Rhein. Trotzdem entstehen selten Gespräche, und jeder ist für sich. Es ist, als sei eine unsichtbare Wand zwischen uns. Diese konnten wir mit dem Workshop ansatzweise durchbrechen. Der Rhein ist das, was uns alle verbindet, ist Teil unseres alltäglichen Lebens und gleichzeitig ein Charakteristikum der Stadt Bonn. Dieses Thema bietet also auch eine gute Möglichkeit, um über Heimat und Identität zu reden: „Wer bin ich? Wo komme ich her? Und wo bin ich hier eigentlich angekommen?“

 

Leicht. Einfach. Klar. Alles klar?

„Die vielfältigen Funktionen, die die schriftliche Kommunikation in literalen Gesellschaften erfüllen muss, führen zu immer komplexer werdenden Vertextungspraktiken, die sich zu je spezifischen Textmustern und Textsorten verdichten. […] Das reicht bis hin zu Spezialdiskursen, die überhaupt nur noch von einer kleinen Gruppe von Experten rezipiert und verstanden werden können.“

Alles klar? Was auch immer die Duden-Redaktion ihren Lesern sagen wollte, versteht nur noch eine kleine Gruppe von Experten. Der Satz stammt übrigens aus dem 2016 erschienenen Duden „Leichte Sprache. Theoretische Grundlagen. Orientierung für die Praxis“. Das macht nicht unbedingt Lust auf mehr. Also: Alles auf Anfang.

Angela Fritzen präsentiert den Chromosomen-Teppich von Jeanne-Marie Mohn in Klarer Sprache, Foto © TOUCHDOWN21

Angela Fritzen präsentiert den Chromosomen-Teppich von Jeanne-Marie Mohn in Klarer Sprache, Foto © TOUCHDOWN21

In der Bundeskunsthalle läuft gerade TOUCHDOWN. Eine Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom, für die u.a. das Forschungsprojekt TOUCHDOWN21 verantwortlich ist. Alle Texte der Ausstellung sind – genauso wie das Begleitbuch – in Klarer Sprache geschrieben. „Klare Sprache ist leicht verständlich. Jede und jeder kann sie verstehen. Menschen mit und ohne Behinderung. Menschen mit mehr oder weniger Deutsch-Kenntnissen. […] Klar-Text ist für alle angenehm“, so die Erläuterungen auf der Homepage des Forschungsprojektes Touchdown21.

Leichte und Einfache Sprache sind schon seit Längerem ein wichtiges Thema in unserer Arbeit als Kunstvermittler. Wie sage ich es meinen Zuhörern, wenn es um komplexe Sachverhalte aus Kunst- und Kulturgeschichte geht? Wie schaffe ich einen Zugang zu einem Thema, das mir als Fachfrau ganz selbstverständlich erscheint, von dem jedoch mein Gegenüber noch nie gehört hat? Oder das aufgrund einer Lernschwierigkeit oder geringer Deutschkenntnisse nicht nachvollzogen werden kann?

Seitdem 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten ist, ist die barrierefreie Zugänglichkeit auch bei Kultureinrichtungen in den Fokus gelangt. Leichte Sprache nimmt ihren Anfang in den 1970er Jahren in den USA. Die Idee kommt in den 1990ern in Deutschland an und führt 2006 zur Gründung des Netzwerks Leichte Sprache durch Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten. Gemeinsam werden Übersetzungsbüros gegründet und ein Regelwerk samt Wörterbuch entwickelt.

Seitdem ist einiges in Bewegung geraten: Behörden übersetzen ihre Websites in Leichte Sprache, Kulturangebote in Leichter Sprache werden entwickelt, Personal wird geschult …
Auch die Bundeskunsthalle bietet Informationen in Leichter Sprache auf ihrer Website an.

Was macht denn nun diese Form des Deutschen zu einer leichten Sprache? Die Grundregeln lauten: kurze Sätze, klare Satzstruktur, Vermeidung des Konjunktivs, Ersetzen des Genitivs durch den Dativ, Vermeidung von Fremdwörtern, gleiche Begriffe für gleiche Sachverhalte und in der optischen Textgestaltung ein verständlicher Aufbau mit vielen Absätzen, erklärenden Piktogrammen und einer klaren Typografie. Wie gesagt: die Grundregeln.

Die Lebenshilfe Bremen, einer der Vorreiter in diesem Bereich, bringt die Vorteile eines so aufbereiteten Textes auf den Punkt: „Leichte Sprache ist für alle Menschen. Jeder Mensch kann damit Texte leichter verstehen. Besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten hilft leichte Sprache. Mit leichter Sprache kann man alles viel einfacher sagen. Leichte Sprache ist barrierefreie Kommunikation. Leichte Sprache hilft, damit wir Sachen besser verstehen können, damit wir Informationen bekommen, damit wir Sachen lesen können, damit wir an der Gesellschaft teilhaben können, damit wir uns an Gesprächen beteiligen können.“

Gestalte ich nun einen entsprechenden Ausstellungsrundgang, nutze ich Einfache Sprache – der kleine, aber feine Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort, den wir ja auch aus unserem Alltag kennen. Leichte Sprache geht in der Vereinfachung weiter als Einfache Sprache, weist aber Eigenheiten auf, die für das Ohr eines Zuhörenden oftmals sperrig klingen. Einfache Sprache legt das Regelwerk ein wenig lockerer aus und verfolgt doch dasselbe Ziel: Verstanden zu werden. Von allen Beteiligten.

Kunstvermittlerinnen mit und ohne Down-Syndrom, während einer Tandem-Führung in Klarer Sprache, Foto © TOUCHDOWN21

Kunstvermittlerinnen mit und ohne Down-Syndrom, während einer Tandem-Führung in Klarer Sprache, Foto © TOUCHDOWN21

Jetzt also Klare Sprache bei TOUCHDOWN. Sie steht der Einfachen Sprache nahe, zielt jedoch auch noch auf etwas anderes ab: In den Bezeichnungen leichte und einfache Sprache ist immer eine Wertung enthalten. Da braucht es jemand leicht oder einfach, weil er oder sie eine Lernschwierigkeit hat oder nicht gut Deutsch spricht oder nur schlecht schreiben und lesen kann oder nach einem Schlaganfall gerade wieder sprechen lernt oder … oder … oder: Der Adressatenkreis ist ein sehr heterogener. „Klare Sprache fragt nicht danach, wer etwas nicht versteht oder warum. Man kann auch sagen: Sie richtet sich nicht nach dem Defizit“, so das Forschungsprojekt TOUCHDOWN 21. Die Bezeichnung „klar“ ist neutral, wertfrei und trotzdem aussagekräftig.

Das ergibt natürlich Diskussionsbedarf: Die eine Sprache von Experten in eigener Sache entwickelt, die andere Sprache von Menschen ohne Behinderung. Die eine zu einfach, die andere nicht einfach genug. Gerade auch im Kulturbereich stoßen sich viele Museumsleute an der vermeintlichen Banalisierung ihrer Wissenschaft. Obwohl manchem Ausstellungstext, aber auch manchem geführten Rundgang durch eine Ausstellung der Einsatz von Klarer Sprache gut zu Gesicht stünde, wollen die beiden nicht nur von Eingeweihten verstanden werden. Expertenwissen sprachlich aufzubereiten ohne dabei den Inhalt zu banalisieren, ist eine Kunst, die Präzision, Einfühlungsvermögen und den Blick fürs Wesentliche voraussetzt.

Eins ist klar: Das Thema bewegt, Menschen wie Prozesse. Bis eine möglichst optimale Variante der sprachlichen Herangehensweise gefunden ist, wird es noch ein wenig dauern. Aber ein erster Austausch ist in Gang gesetzt, und das wiegt enorm.

Uschi Baetz

HÄUSERKAMPF

Was würden Sie machen, wenn Sie in den Besitz des Geburtshauses von Joseph Goebbels kämen? „Verkaufen“, war eine häufige Antwort. „Abreißen“, kam noch häufiger. Einmal auch der Vorschlag, dort einen Kindergarten einzurichten – dem Schrecken der Person Goebbels etwas Positives entgegensetzend. Doch würden Sie Ihr Kind in einen Kindergarten geben, der im Geburtshaus von Joseph Goebbels untergebracht ist – auch wenn es „nur“ das Geburtshaus war?

Odenkirchener Straße 202 – das Geburtshaus von Joseph Goebbels

Odenkirchener Straße 202 in Rheydt – das Geburtshaus von Joseph Goebbels

Dann schon eher einen Ort der Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft schaffen, eine Art Museum. Das war auch ein Vorschlag. Doch kommen dann nicht die ewig Verblendeten, um ihren schändlichen Vorbildern zu huldigen?

Das alles könnten auch Fragen gewesen sein, die Gregor Schneider umgetrieben haben, als er in der Küche des Gerburtshauses von Joseph Goebbels die Suppe auslöffelte, die er sich selbst – absichtsvoll – eingebrockt hatte.

Eine der meistdiskutierten Arbeiten in der Ausstellung Wand vor Wand ist die vierteilige Videoinstallation Odenkirchener Straße 202, Rheyt 2014. Dort sehen wir den Künstler u.a. in der goebbelschen Küche oder beim Versuch zu schlafen, sehen das banal-verlebte Innere eines Hauses, das die grausame Gewissheit eines millionenfachen Völkermordes in sich trägt. Und wir sehen, welche Konsequenz der Künstler aus der in Rheydt gern verdrängten Geschichte zieht.

„Ich habe das Haus gekauft, nun komplett entkernt und somit unbewohnbar gemacht. Den alten Geist mit den alten erhaltenen Materialien entfernt, die denkbaren Berührungsreliquien aufgelöst. Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen, und eine Leerstelle kann sehr laut sein“, sagte Schneider 2014 in einem Interview. Und weiter: „Täterorte üben eine magische Anziehungskraft aus“, wissend, dass dort in Rheydt, in der Odenkirchener Straße 202, immer wieder Blumen abgelegt worden waren.

Gregor Schneider, "Essen", Life action, Odenkirchener Str. 202,  Rheydt 2014 © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Gregor Schneider, „Essen“, Life action, Odenkirchener Str. 202, Rheydt 2014 © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Auf einer vierten Leinwand sehen wir dann, wie ein professionelles Abrissunternehmen das Haus Schicht um Schicht entkernt, eine Ruine hinterlassend, inhaltslos und überflüssig. Fehlt nur noch die Abrissbirne. Doch noch widersetzen sich die Außenmauern, denn ein Statiker musste feststellen, dass das Nachbargebäude bei einem kompletten Abbruch beschädigt werden könnte.

Im Gespräch über diese Arbeit und der daraus resultierenden Auseinandersetzung mit den Hintergründen fragten sich nicht wenige Besucher/-innen der Ausstellung, ob diese entkernte Ruine nicht das geeignetste Symbol für den Umgang mit der NS-Vergangenheit wäre. Wertlose, weil inhaltslose Banalität.

Diese Diskussion um die dunkelste Stelle deutscher Geschichte darf niemals enden! Auch dafür steht das Werk von Gregor Schneider.

Olaf Mextorf
der-entschleunigte-blick.de

GREGOR SCHNEIDER. WAND VOR WAND
bis 19. Februar 2017

Einspruch, Herr Schneider!

„Ausstellen ist immer ein Abtöten der Arbeiten“, sagte Gregor Schneider einmal in einem Interview. Eigentlich eine erschütternde Aussage, oder? Doch was sich von Künstlerseite aus wie ein Endpunkt darstellen mag, sieht aus unserer Sicht, die der Ausstellungsbesucher, vielleicht ganz anders aus. Und mich beschleicht der Verdacht, dass Künstler häufig gar nicht mitbekommen, wie unabhängig und expansiv ihr Werk wahrgenommen wird.

Wenn ich die Fachpresse hier absichtsvoll außen vor lasse, dann, weil professionelle Kunstbetrachtung oft eigenen Regeln gehorcht. Wenngleich Seh- und Sichtweisen wie auch Bewertungsmaßstäbe in den Medien durchaus hilfreich vor- und mitgegeben werden, so zeigt sich doch erst in der Ausstellung, gewissermaßen im täglichen Ernstfall, wie Exponate, Konzeption und Ausstellungssituation wirksam werden – da sind Künstler, Journalisten und Kuratoren oft schon wieder ganz woanders.

Ausstellungsansicht, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Ausstellungsansicht, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Als Kunstvermittler vor Ort in der Ausstellung Wand vor Wand habe ich das Privileg eines wiederholten Erlebens der Ausstellungssituation, vor allem aber die Möglichkeit des lebhaften, konzentrierten und oft auch kontroversen Erfahrungsaustauschs mit den Besuchern – oder wäre das Wort „Akteure“ vielleicht passender? Denn die konkrete Raumerfahrung in der Ausstellung ist der Schlüssel zur – oft durch Irritationen ausgelösten –  Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und dem einsetzenden Nachdenken.

So standen wir kürzlich während eines Rundgangs in der sogenannten „Doppelgarage“, einer Arbeit aus dem Jahr 2002. Fahles Licht brach sich unruhig im feucht schimmernden Zementboden, Zugangstüren wie Garagentor waren verschlossen, muffiger Geruch umfing die kleine Gruppe. Erste Assoziation einer Teilnehmerin: „Selbstmord.“

Und dann hörten wir die Geschichte der Garage, in der Gregor Schneider vom einsamen Trinker in der Nachbarschaft erzählt, der hier einen Teil seines Lebens verbrachte. Und wir kamen zu Themen wie Anteilnahme, Bestürzung und Mitleid, aber auch Be-, Ver- und Vorverurteilung von Lebensmodellen. „Das führt jetzt aber zu weit“, wird manche sagen. Und die Frage steht mal wieder im Raum: „Was hat uns der Künstler eigentlich sagen wollen?

Aber vielleicht weiß das Werk mitunter mehr als der Künstler und wird durch unsere Auseinandersetzung in seiner Grundaussage erweitert, löst sich sogar ein Stück weit von ihm? Und kann Kunst nicht als Austausch begriffen werden, der das Werk als Anker hat, vom Ankerplatz aus aber auch einen Bewegungsradius? Und die Ankerkette verhindert, dass die Aussage beliebig wird.

Wenn ich meine Erfahrungen mit und in der Gregor Schneider-Ausstellung Wand vor Wand vorläufig zusammenfassen sollte, dann würde ich, abweichend von der anfänglich formulierten Sicht des Künstlers, festhalten: „Ausstellen ist immer ein Freilassen der Arbeiten.“

Deshalb: Einspruch, Herr Schneider!

Olaf Mextorf
der-entschleunigte-blick.de

GREGOR SCHNEIDER. WAND VOR WAND
bis 19. Februar 2017

Wie gebärdet sich Kunst?

Vom Genuss, Kunst in der eigenen Muttersprache zu erleben.

Sprachwitz, detailreicher Ausdruck und das Gefühl, willkommen und verstanden zu sein, all das bietet die eigene Muttersprache. Das bestätigen auch diejenigen, die Gebärdensprache als Muttersprache gelernt haben.

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Kunstvermittlung in Gebärdensprache © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die Lebendigkeit ihrer Kommunikation wird bei übersetzten lautsprachlichen Ausstellungsführungen stark eingeschränkt, es gehen viele Informationen verloren. Wenn ich Kunst und Kultur zeitgemäß erlebbar machen will, braucht es eine Kommunikationsform/Sprache, in der jeder sich frei und lebendig ausdrücken kann. Insofern ist es ein Gewinn, dass seit vielen Jahren Gehörlose in ihrer Muttersprache Führungen von Gebärdensprachen-Muttersprachlern in der Bundeskunsthalle buchen und Kunst in vertrauter Art und Weise erleben können.

Die Kunstvermittler/-innen, die seit Januar Führungen in deutscher Gebärdensprache (DGS) oder Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) für Schwerhörige anbieten, sind allesamt Muttersprachler und haben eine Weiterbildungsreihe zur „Ausstellungs- und Museumsführung in deutscher Gebärdensprache“ absolviert. Auf Initiative von Birgit Tellmann (Bundeskunsthalle) und Annette Ziegert (KunstvermittelnHeute) konnte im Rahmen des Förderprojekts PILOT INKLUSION und in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Bonn ein Qualifizierungsmodul für Gehörlose und Schwerhörige realisiert werden.

Die Weiterbildungsmodule wurden von Annette Ziegert gemeinsam mit mir, der Co-Trainerin Birgit Ocken (Integrative Persönlichkeits- und Projektarbeit), konzipiert und durchgeführt. In der sich anschließenden Erprobungsphase der Kunstvermittler/-innen in der Ausstellung Japans Liebe zum Impressionismus konnten Besucher/-innen aller Altersstufen es genießen, sich in ihrer Muttersprache über die Kunstwerke auszutauschen. Sie schilderten durchweg, wie positiv sie es erleben, selbstverständlich in ihrer Sprache willkommen zu sein, sich ausdrücken zu können und, das betrifft die Schüler/-innen unter ihnen, ein mögliches Berufsfeld für sich zu entdecken. Für manche Schüler/-innen war es gar der erste Museumsbesuch überhaupt und sie waren begeistert. Sie zeigten sich vor allem beeindruckt, wie schön die Gemälde im Original sind. „Ich fühle mich wie in Japan“, sagte einer der Schüler über sein Lieblingsbild der Ausstellung. „Ich möchte in dieses Bild hineingehen und in Japan sein. So schön ist es!“

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Kunstvermittlung in Gebärdensprache © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Unterscheiden sich die Führungen in Gebärdensprache eigentlich von den lautsprachlichen?
Ich finde, ja. Vor allem zwei Aspekte haben mich jedes Mal sehr beeindruckt: Da ist zum einen die Zugewandtheit in der Besuchergruppe. Da sich alle Gebärdensprachler/-innen sehen müssen, um miteinander kommunizieren zu können, muss die Gruppe kleiner sein als bei lautsprachlichen Führungen und sich eher im Halbkreis um Kunstwerk und Kunstvermittler/-in gruppieren. Es gibt keine zweite oder dritte Reihe, aus der heraus man Besucher/-innen sprechen hört, die man vielleicht gar nicht sieht, die buchstäblich gesichtslos bleiben. Hier sieht jede/r jeden und wenn jemand etwas fragt oder seine Ideen beiträgt, sieht man seine/ihre Gebärdensprache mit dem Ausdruck des ganzen Körpers. Man sieht sich an, nimmt aufeinander Bezug, berührt sich, um sich auf etwas aufmerksam zu machen. Auf mich wirkt das viel natürlicher als die Distanz der Besucher/-innen zueinander in lautsprachlichen Führungen. Wenn ich wählen könnte, würde ich mich den Führungen in Gebärdensprache anschließen.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf den Umfang des Vokabulars der verschiedenen Sprachen. Unsere Lautsprache hat sich über Jahrhunderte entwickeln und ausprägen können; wir verfügen über einen umfassenden Wortschatz, in dem Worte wie „Impressionismus“ selbstverständlich sind oder nachgeschlagen werden können. Die Entwicklung der Gebärdensprache ist im Vergleich noch recht jung, dementsprechend ist das Gebärdenvokabular viel kleiner. Die neuen Kunstvermittler/-innen müssen sich also nicht nur das Fachwissen erarbeiten und eine Besuchergruppe führen, sondern vor allem auch noch neue Gebärden entwickeln. Vor den ersten Führungen gab es zum Beispiel keine Gebärde für „Impressionismus“, jetzt gibt es sie. Ich bewundere den Mut und die Kreativität dieser Kunstvermittler/-innen, mit ihrem neuen beruflichen Einsatz gleichzeitig ihre eigene Sprache weiter zu entwickeln. Ich bin gespannt, welche neuen Gebärden in den kommenden Ausstellungen noch entstehen werden.

Birgit Ocken

Birgit Ocken

Birgit Ocken (Dipl. Päd. Erwachsenenbildung / Weiterbildung) ist seit 14 Jahren mit ihrer Praxis für Integrative Persönlichkeits- und Projektarbeit selbstständig. Sie begleitet Menschen bei beruflichen und privaten Fragestellungen und konzipiert und leitet Weiterbildungen und Projekte für unterschiedlichste Teilnehmergruppen.
www.ocken-ippa.de

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Birgit Ocken

Mein Rhein – Symbol der Heimat

Foto © Isabelle Unger

Foto © Isabelle Unger

Natürlich ist der Rhein allein schon durch seine atemberaubende Umgebung rund ums Weltkulturerbe Mittelrheintal und literarische Werke wie die Nibelungensage einzigartig. Darüber hinaus besitzt er für mich aber auch eine ganz persönliche Bedeutung: Mit dem Rhein verbinde ich untrennbar meine Kindheit. Ich bin am und mit dem Rhein aufgewachsen, die meisten meiner Verwandten leben noch immer in der Gegend um Bad Honnef/Unkel. Für mich steht der Fluss für viele schöne Erinnerungen an ausgedehnte Spaziergänge und (als Kind) ans Toben mit dem Hund meiner Großeltern auf den Rhein-Wiesen.

Der Rhein ist mein Symbol für Heimat. Besonders fällt mir das auf, seit ich im Nordosten der Republik lebe (erst Frankfurt an der Oder, jetzt Berlin). Zweifelsohne haben Oder und Spree auch sehr schöne Gegenden, aus meiner Sicht halten sie allerdings keinem (subjektiven) Vergleich mit dem Rhein stand. Zudem ist die berühmt-berüchtigte „Berliner Schnauze“ zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man die herzliche und lustige Art der Rheinländer kennt.

Ich freue mich, wann immer ich den rheinländischen Dialekt höre – was leider nicht so oft der Fall ist. Beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle in Frankfurt an der Oder (meiner ersten nach dem Studium) interpretierten die Kollegen vor einigen Jahren meinen ihnen bislang unbekannten Tonfall (Mischung aus rheinländisch, hochdeutsch und pfälzisch) zielsicher im Brustton der Überzeugung als polnischen Akzent. Die verdutzten Gesichter, als ich den Irrtum aufklärte und sie auf mein Heimatbundesland Rheinland-Pfalz hinwies, waren definitiv druckreif.  Seitdem steht übrigens eine Postkarte mit dem Rheinischen Grundgesetz auf meinem Schreibtisch – weitere Verwechslungen sind somit ausgeschlossen …

Eine besonders emotionale Situation erlebte ich während eines Unheilig-Konzerts in Berlin, als passend zum Song „Lichter der Stadt“ Bilder des Rheins und des Kölner Doms bei Nacht eingeblendet wurden. Verbunden mit der melancholischen Stimmung der meisten Lieder kostete es mich in diesem Moment wirklich einige Überwindung, nicht sofort in den nächsten Flieger nach Köln/Bonn zu steigen.

Isabelle Unger

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Mein Rhein – Fremd und doch vertraut

Es war Spätsommer. Der Rhein, wie ein silberner Streif, floss langsam Richtung Norden. Alles drehte sich um ihn. Bäume, die seine Gewässer zaghaft küssten. Vögel, die sich an seinen reichen Ufern versteckten. Rebflächen, die ihr Aroma ihm zu verdanken hatten.

Sie waren mit den Fahrrädern unterwegs. Zu zweit. Ein junges Paar. Leichtes Gepäck, kurze Pausen. Leichte Gefühle, kurze Dauer. Eltville am frühen Morgen war noch eine schlafende Schönheit. Nur die Rosen waren schon auf der Suche nach Licht und Wärme. Das Paar fuhr weiter. Seine Augen hatten plötzlich ihr Blau verloren und blickten sie kalt und grau an. Unentschlossen. Wozu dieser Ausflug? Er wusste, am Ende des Weges würde er wieder allein sein. Dennoch kam er mit. Ein freundlicher provisorischer Reiseführer. Für eine Ausländerin.

Foto © Chrysoula Georgiou

Foto © Chrysoula Georgiou

Er erzählte ihr die Geschichte der Region. Wie die Leute einst lebten. Wie sehr sie den Wein schätzen. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Sie wollte tief in diesen Traum eintauchen. Sie wusste, am Ende der Fahrt würde sie wieder allein sein.

Bei Ostrich kaufte er zwei Brezel. Sie hatte noch nie so ein salziges Brötchen gekostet. Mit flüchtigem Blick versuchte er zu ahnen, was sie überhaupt mochte. Sie war einfach und spontan. Fremd, aber irgendwie schon vertraut. Dennoch zweifelte er noch an seinem Urteil. Sie fragte ihn etwas über die Fulder-Aue und was dahinter lag. Sie machte kleine Pausen, um an einer Blume zu riechen oder kurz ihre Hände ins Wasser zu tauchen. Sie sprach über ihre Heimat, wo es das Meer statt Flüsse gibt. Den Horizont, der am Rand des Meeres versinkt, hat sie so vermisst. Sie war froh, wieder in der Nähe des Wassers zu sein.

Als sie in Rüdesheim ankommen, zeigt die Sonne gelegentlich ihren strahlenden Charme, wenn die Wolken sie lassen. Sie lächelt. Sie sind zu Fuß durch die Altstadt gelaufen. Malerische Gebäude, blühende Fenster. „Kosten wir ein Glas Riesling zu zweit?“, fragte er sie. Sie nickte zustimmend. Er bot ihr das Glas zuerst an. Sie schlürfte zufrieden. Er trank davon eher ungeduldig. Sie küssten sich. Zart. Er dachte, dass ihre Zurückhaltung ein Zeichen von Angst war. Für sie war er auch ein Ausländer. Sie fuhren mit den Fahrrädern weiter.

Foto © Chrysoula Georgiou

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Die Sonne zeigte sich jetzt mutiger, versteckte sich nicht länger hinter Wolken. Bei Assmannshausen war der Rhein schon eine gläserne See. Schiffe fuhren langsam, als ob sie sich fürchteten, dieses trügerische Glas mit einer unberechenbaren Schlagseite für immer zu brechen. Das Paar saß eng nebeneinander am Fluss. Der leichte Wind spielte mit ihrem langen Haar, das sich im Wasser spiegelte. Er war überrascht, dass er sich noch an einige Gedichte über den Rhein aus seiner Schulzeit erinnerte. Diese Romantik war ihm einst sehr fremd gewesen. Jetzt fand er sie genau passend. Er hätte ihr gerne ein paar Zeilen ins Ohr geflüstert. Einfach um zu sehen, wie die Gedichte ihr Haar streicheln würden. Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg. Der kleine Gasthof sollte nicht mehr weit sein.

Plötzlich hatte er Angst, ob es ihr dort gefallen würde. Er hatte nach einem Zimmer mit Blick auf den Rhein gefragt, sie wusste davon nichts. Sie hatten nie zuvor ein Zimmer geteilt. Der Eingang verbarg sich hinter einer alten Pappel. Von der Straße war er kaum zu sehen. Eine alte Dame begleitete sie ins Zimmer. Es war eng, aber hell, mit Verkleidung aus Holz und grünem Stoff. Sie beobachtete die Umgebung und machte dann einige Schritte bis ans Fenster. Sie zog die Vorhänge auf. Sie blickte aus dem Fenster und wandte sich ihm zufrieden zu: „Wir werden den Rhein auch vom Bett aus sehen können“, sagte sie spielerisch zu ihm. Seine Augen haben längst ihr Blau wiedergefunden.

Chrysoula Georgiou

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Mein Rhein – Das Ungeheuer vom Deutschen Eck

Dort, wo die Mosel in den Rhein fließt, in Koblenz, gegenüber dem Deutschen Eck, in dem Stadtteil, der immer dann im Fernsehen erscheint, wenn der Rhein sein Flussbett leid ist und über die Ufer steigt, in die Straßen von Neuendorf und auch in die Häuser dringt: da leben meine Familie und ich so lange ich denken kann und länger.

Am Rhein und mit dem Rhein gab es reichlich Erlebnisse. Nicht nur, weil er uns vieles gebracht hat, wie beispielsweise nasse Füße, wenn wir am Ufer spielten und die Wellen der großen Schiffe schneller waren als unsere Aufmerksamkeit. Am Rhein sind wir groß geworden, mein Bruder und ich, wie meine Eltern und Großeltern, die hier alt geworden und gestorben sind. Ein Familienleben am Rhein. Hier hat meine Familie Geschichte geschrieben, erlebt, und wir erzählen gerne davon.

Eine im wahrsten Sinne ungeheure Geschichte ereignete sich, als mein Vater Karl, inzwischen schon Opa, mit seiner Enkeltochter Sandra und der Angelausrüstung im Frühjahr 1975 an den Rhein ging. Sie spazierten in die „Krippen“, flussabwärts Richtung Hafen. Dort gleicht die Rheinlandschaft noch heute einer Insellandschaft: Weißer Sand wie an den Stränden in Holland, Italien und Spanien. Landzungen laden Angler ein, ihre Rute auszuwerfen und in der Sonne das leichte Treiben der Wellen und der Schiffe zu genießen. Walnussbäume geben Schatten, Wiesen bieten Schafen frische Nahrung, und ein kleines Wäldchen aus Sträuchern und Hecken mit unzähligen Hasen grenzt die „Krippen“ ab vom Treiben am naheliegenden Hafen. Gerne geht man hier spazieren, in der Ruhe einer Landschaft, die einen auch in die Ferne schweifen lässt.

Opa und Enkelin erreichten die „Krippen“ nach einer halben Stunde Fußweg. Zeit, sich auf den Steinen der Landzungen niederzulassen und den Angelhaken mit Ködern zu bestücken. Mit ein paar Rotaugen wollten sie nach Hause kommen. Schon waren die Maden am Haken und Karl bereit, die Rute auszuwerfen, da sah er am Ende der Landzunge eine Bewegung: zwei graue Steine schienen sich von den anderen Steinen fortzubewegen und peilten das Ufer an. Karl kniff die Augen zusammen, die Sonne trübte den Blick. Immer näher kamen die grauen Wülste, und sie wurden mit einem Mal größer. Wie ein Blitz durchfuhr den Angler der Schreck. Karl riss Mund und Augen auf, er ließ die Angel fallen, griff nach Sandra, die neben ihm hockte und Sand durch die Finger rieseln lies. Die Dreijährige wusste nicht wie ihr geschah und schrie empört auf, was dem Opa einfiele, sie so unsanft aus ihrem Spiel zu reißen. Während sie gegen Opa ankämpfte, der sie hochriss und schützend an sich drückte, mit langen Schritten über die Steine kletterte, um von der Landzunge wegzukommen, vernahm sie ein fremdes, lautes Schnauben. Über Opas Schulter hinweg sah das kleine Mädchen dann den Grund für den überstürzten Aufbruch – ein Ungeheuer! „Oooohhhpa“, schrie Sandra, „da, was ist das?“ Karl lief, drückte das Enkelkind fest an sich, bis er endlich durch den Sand und das Gras den Leinpfad erreichte. Jetzt würde es schneller gehen, noch mal ein Blick zurück, ja, tatsächlich, es war ein Nilpferd, das am Ufer schwamm und nun an Land watete.

Nichts wie weg, fuhr es Karl durch den Kopf. Er rannte so schnell er konnte. Doch schon nach wenigen Metern wurden die Flüchtenden abrupt aufgehalten. Ein junger Mann stand breitbeinig auf dem Weg, in der rechten Hand ein Stab, die linke hielt ein Seil. Karl wollte einen Warnruf abgeben, doch der Mann kam ihm zuvor: „Keine Angst!“, rief er mit einem freundlichen Lachen. „Das ist Nils, das Nilpferd, die Hauptattraktion unseres Wanderzirkus.“ Karl verlangsamte seinen Laufschritt und fand seinen Atem wieder als er vor dem grinsenden Mann stehenblieb. „Es tut mir leid, dass Sie sich erschreckt haben. Ich gehe morgens immer mit Nils, dem Nilpferd, zum Rhein. Hier fühlt sich der alte Racker wohl, wenn er im Wasser ein Bad nehmen kann“, sagte der Mann, der seinen Strohhut jetzt in den Nacken schob. Karl sah den Zirkusmann irritiert an und spürte wie ihm ein riesiger Stein vom Herzen fiel. Auch die kleine Sandra löste sich aus Opas schützenden Armen und fand den Boden unter ihren Füßen wieder. Dann sah sie noch einmal zum Rhein, wo Nils bis zum Bauch im Wasser stand und sein Maul gähnend weit aufriss. Oder hatte er Lust auf ein Frühstück? Das „Ungeheuer“ gehörte jedenfalls zur friedlichen, zivilisierten Spezies der heimischen Zirkustiere und schrieb von diesem Tag an Rhein-Geschichte in unserer Familie.

Hanne Friede

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