Die Zukunft des Bauhauses

Welches Bild machen wir uns von der Zukunft? Und welche Rolle spielt die Bildung darin? Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage habe ich vor 11 Jahren einen Blick in den Maschinenraum geworfen, wo Zukunft produziert wird: Das Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, eine gute Flugstunde nördlich von New York.

2005 hat am dortigen MediaLab noch John Maeda unterrichtet. Bis heute ärgere ich mich schwarz, dass ich nichts und niemanden fotografieren durfte. Es wurde über Tisch und Bänke experimentiert, untersucht, modelliert, zugleich für das Militär wie auch für subversive, geradezu anarchistische Projekte. Im Vorbeigehen zeigte Maeda mir Vorstufen von Quantencomputern (und was mich noch viel tiefer beeindruckt hat: er erklärte mir das Prinzip mit so einfachen Worten, dass ich für einen kurzen Moment glaubte, ich hätte es verstanden).

John Maeda war damals schon viele Jahre Professor am MIT. Für viele Menschen der Ort, an dem man angekommen ist (falls es einen dorthin zieht). Maeda aber übernahm 2008 das Amt des 16. Präsidenten der vornehmen Rhode Island School of Design RISD. Erneut ein Ort, der vielen Menschen als Karriereziel dient. Doch Maeda ging noch einen Schritt weiter: Seit 2013 ist er Partner in der Investmentfirma Kleiner Perkins Caufield & Byers im Silicon Valley.

Als ich Maeda 2004 das erste Mal persönlich begegnete, erzählte er mir davon, dass er sich gerade für einen MBA eingeschrieben hätte. Nicht gerade das, was man als typisches Projekt eines weltweit etablierten Designers, Wissenschaftlers und Künstlers erwartet. (Noch dazu war dieser MBA einer der ersten online durchgeführten Kurse, was zum damaligen Zeitpunkt noch viel verrückter klang.) Ich war nicht der einzige, der sich darüber gewundert hat. Maeda hat vor wenigen Tagen einen Podcast veröffentlicht, in dem er diese Zeit reflektiert. Der Titel dieses Beitrags lautet: »Is Business School the new Design School?«.

Maeda lässt an seiner Antwort keinen Zweifel: Wirtschaft, Technik, Gestaltung und Gesellschaft müssen als Einheit behandelt werden. Im Zusammenhang mit dem Bauhaus erscheint diese Forderung keinesfalls neu. Gropius verteufelte die damals moderne Industrie nicht, wie viele seiner Zeitgenossen, sondern wollte sie als Chance nutzen, um die Zukunft zu gestalten, so dass gesellschaftliche und kulturelle Aspekte ebenso berücksichtigt wurden wie auch ökonomische und technische.

Margit Téry-Adler (Umschlag): Utopia, hg. von Bruno Alder, Weimar 1921.

Margit Téry-Adler (Umschlag): Utopia, hg. von Bruno Alder, Weimar 1921.

Verglichen mit dieser Radikalität kratzen wir heute nur an der Oberfläche, genauer: wir polieren sie. Die Zukunft des Bauhauses liegt nicht im Museum, sondern im Maschinenraum, und der steht heute im Silicon Valley. Diese Region sollte allerdings nur als Synonym für einen Austausch verstanden werden, in dem vielfältige Einflüsse in einer produktiven Atmosphäre mit Lust am Ausprobieren verschmelzen.

Studierende am Bauhaus Weimar, Eberhard Schrammen (Titelbild): Der Austausch, erstes Flugblatt, Mai 1919.

Studierende am Bauhaus Weimar, Eberhard Schrammen (Titelbild): Der Austausch, erstes Flugblatt, Mai 1919.

Die Epoche der Moderne ist längst vergangen. Ein neues Zeitalter hat stärkeren Einfluss übernommen, als es augenscheinlich wirken mag. Ich nenne diese neue Zeit: die Digitale. Bisher sehe ich keine Institution, die sich ebenso ausschließlich mit der kulturellen Bewältigung der digitalen Zivilisation beschäftigt, wie es das Bauhaus in seinen zeitgenössischen Kontexten getan hat. Wenn die Zukunft alles ist, was wir haben, dürfen wir die Gestaltung nicht denen überlassen, die für Gestaltung nichts übrig haben.

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Bauhaus als ferner Begriff: Ein Interview mit Eva Müller

Was verbindet die Generation der 30jährigen Nachwuchs-Designer mit dem Bauhaus? Als Stichprobe habe ich mich für Eva Müller entschieden, eine junge Designerin, die gerade den ersten Sprung in ihrer Karriere geschafft hat. Von 2008 bis 2015 studierte sie Industrial Design an der Bergischen Universität Wuppertal und der University of Cincinnati (USA). Ein Praxissemester verbrachte sie in Mailand. In ihrer Abschlussarbeit entwickelte sie eine neue Lösung für eine alltägliche Aufgabe, die – oberflächlich betrachtet – kaum konventioneller erscheint: Ein Besen in Kombination mit einem Kehrblech/Staubsauger.

Eva Müller: Ein Besen mit zweierlei Borstenarten und Saugstation in Kooperation mit Vorwerk Elektrowerke GmbH & Co. KG. Foto: German Design Award 2016

Eva Müller: Ein Besen mit zweierlei Borstenarten und Saugstation in Kooperation mit Vorwerk Elektrowerke GmbH & Co. KG. Foto: German Design Award 2016

2016-Mueller-Uhr

Für ihr Portfolio wurde Eva Müller 2016 als Newcomer des Jahres mit dem German Design Award ausgezeichnet. Mittlerweile arbeitet sie festangestellt bei Vorwerk – ein Familienunternehmen mit einer dem Bauhaus zugewandten Haltung. Ich wollte also von Eva Müller wissen: Was verbindet sie mit dem Bauhaus, welche Rolle spielt es für Ihre Arbeit?

Eva Müller

Eva Müller

»Meine Arbeit ist geprägt von meinem jetzigen Umfeld, nicht von der Vergangenheit. Das Bauhaus ist eigentlich für mich ein ferner Begriff. Ganz am Anfang des Studiums gab es eine Vorlesung über Designgeschichte, darin kam das Bauhaus mal vor.

Das Bauhaus hat mich nicht direkt geprägt, aber wahrscheinlich indirekt: Durch die Art und Weise, in der ich im Studium ans Design herangeführt wurde. Weil einfach die Ausbildung durchs Bauhaus geprägt ist.

Das mache ich z.B. an den Grundsätzen fest, die wir im Design verfolgen: Dass wir Probleme lösen wollen, dass der Mensch im Fokus steht und dass wir interdisziplinär zusammenarbeiten (was mir persönlich sehr wichtig ist). Allerdings hätte ich mir gerade davon im Studium mehr gewünscht. Ich hatte z.B. keinen direkten Kontakt mit Architekten. Ich habe auch nicht gelernt, mit Ton zu arbeiten. Handwerkliche Fertigkeiten bezogen sich im Studium hauptsächlich auf den Modellbau. In der Werkstatt habe ich gelernt, originalgetreue Modelle mit einer Kombination aus händischer Arbeit und der Hilfe von CNC-Fräse und 3D-Drucker zu fertigen. Aufgrund der technischen, an Konsumgütern ausgerichteten Orientierung meiner Hochschule waren Materialexperimente und eine umfangreichere handwerkliche Ausbildung nicht im Lehrplan vorgesehen. Ich hätte mir hierfür mehr Zeit gewünscht, aber das ist heutzutage mit den Bachelorstudiengängen wahrscheinlich nicht möglich. Mir ist dieser Prozess sehr wichtig, ich gehe an meine Projekte nicht übers Zeichnen, sondern übers Machen.

So wie ich es verstehe, ist es dieses Pragmatische am Design, das Lösen von Problemen und die Nutzbarmachung für den Menschen als Ansatz des Bauhauses, der mir im Studium vermittelt wurde und den ich jetzt mit meiner Arbeit verfolge.

Formalästhetisch beziehe ich mich allerdings nicht bewusst aufs Bauhaus. Mich haben viel stärker die digitalen Techniken und Medien geprägt, die uns derzeit beeinflussen. Oberflächlich gesehen gibt es vielleicht Parallelen: Gradlinigkeit, Schlichtheit und Klarheit der Erscheinung sind mir wichtig. Woher diese Gemeinsamkeit stammt, kann ich nicht sagen, aber ich orientiere mich nicht bewusst am Bauhaus.

Worauf bin ich besonders stolz? Ich würde sagen, auf die Armbanduhr, deren Idee mir irgendwann in Mailand am Frühstückstisch kam, weil ich ein Zahnrad mit 3600 Zähnen machen wollte, für jede Sekunde eins, in dem dann sekündlich ein anderes Zahnrad abrollt. Leider kommt mir da die Mathematik dazwischen, die Dimensionen des äußeren Rades wären riesig. So ist das mit Ideen und Wirklichkeit. Und in Mathe war ich eh nie besonders gut. Aber trotzdem ist daraus eine Idee entstanden.«

 

Eva Müller: Schnurloses Telefon und integrativ gestaltetes Headset für freie Hände während des Telefonierens. Foto: German Design Award 2016

Eva Müller: Schnurloses Telefon und integrativ gestaltetes Headset für freie Hände während des Telefonierens. Foto: German Design Award 2016

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Das Bauhaus und die Emanzipation: Ein Interview mit Sebastian Herkner

Zugegeben: Auf der Suche nach jungen Akteuren im Design, die ihre Perspektive auf das Bauhaus im Interview zur Sprache bringen können, lag es nahe, sich an den Designer zu wenden, der zuletzt »Das Haus« als zeitgenössisches Statement gestaltet hat.

»Das Haus« ist eine Ausstellung auf der Kölner Möbelmesse (»imm Cologne«), die eine Aussage über aktuelles und zukünftiges Wohnen auf 200 Quadratmetern trifft und jedes Jahr von wechselnden Gestaltern entworfen wird. Die diesjährige Version stammte von dem 1981 geborenen Sebastian Herkner, der sich innerhalb weniger Jahre eine etablierte Position im internationalen Design erarbeitet hat.

Sebastian Herkner: »Das Haus«, Ausstellung auf der imm Cologne 2016. Foto: Kölnmesse

Sebastian Herkner: »Das Haus«, Ausstellung auf der imm Cologne 2016. Foto: Kölnmesse

Ich habe Sebastian Herkner in seinem Offenbacher Studio über seine Verbindung zum Bauhaus und seine Beurteilung der Relevanz des Bauhauses interviewt.

Man könnte erwarten, dass ein Designer, der schon als Kind im Haus seiner Eltern mit der Wagenfeld-Leuchte aufgewachsen ist, eine gewissermaßen »natürliche« Vertrautheit zu diesen Entwürfen angenommen hätte. Aber Herkner stellt fest, dass er sich vom Einfluss und von der Anziehungskraft des Bauhauses emanzipiert hat. Sogenannte Klassiker betören heute zwar viele Käufer durch die zugeschriebene Geschmackssicherheit. Aber Herkner sind sie schlichtweg zu unpersönlich.

Möglicherweise hängt diese kühle Wirkung meist nur vom unzureichenden, nicht auf individuelle Bedürfnisse eingehenden innenarchitektonischen Arrangement ab. Aber Sachlichkeit war auch mal ein Bekenntnis zum gesellschaftlichen Fortschritt, bevor es zum Schauseitenmanagement degeneriert ist.

Im Studio des Designer Sebastian Herkner, Offenbach am Main.

Im Studio des Designers Sebastian Herkner, Offenbach am Main.

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1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Germany’s Next Vorkurs: Ein Interview mit Peter Friedrich Stephan

Peter Friedrich Stephan verbindet die praktische Gestaltung als Musiker und Designer mit der Theoriebildung digitaler Medien und akademischer Wissenschaft. Salopp gesagt: Ein Bauhäusler der Gegenwart, Jahrgang 1959. Zu den Schwerpunkten seiner Forschung zählt das Wissensdesign. Im letztem Jahr hat er sich an der Formierung der »Low End Academy« beteiligt, die unter dem Motto »Doing more with less« an Konzepte von Viktor Papanek, R. Buckminster Fuller oder Bruno Latour anknüpft.

Seit fast 20 Jahren ist Stephan Professor für Theorie und Design der Hypermedien an der Kunsthochschule für Medien KHM, Köln. In jüngster Zeit beschäftigt er sich intensiv mit der Frage, in welcher Weise die pädagogischen Strukturen des Bauhauses, aber auch der HfG Ulm, passende Anregungen für das Studium im 21. Jahrhundert bieten können. Der propädeutische Vorkurs des Bauhauses und die Ulmer Grundlehre zielten explizit darauf ab, den ganzheitlichen Anspruch zu realisieren, der im Begriff Gestaltung angelegt ist: Neues Sehen, um Neues zu machen.

Peter Friedrich Stephan in seinem Büro vor zwei Plakaten von Ausstellungen, an denen er beteiligt war – und deren Gegenstände so gegensätzlich positioniert sind, dass auf den ersten Blick kaum ein Bindeglied vorstellbar erscheint. Foto: René Spitz.

Peter Friedrich Stephan in seinem Büro vor zwei Plakaten von Ausstellungen, an denen er beteiligt war – und deren Gegenstände so gegensätzlich positioniert sind, dass auf den ersten Blick kaum ein Bindeglied vorstellbar erscheint. Foto: René Spitz.

Dem Bauhaus kommt für die Gegenwart aus der Sicht Stephans – durchaus in Abgrenzung zu Designern, die ich zu dieser Frage ebenfalls interviewt habe – eine zentrale Bedeutung zu. Konsequent weiter gedacht führt es zur Forderung, dass Gestaltung nicht an einer spezialisierten Hochschule gelehrt, sondern in jedem Kindergarten praktiziert werden muss. Allerdings nicht im oberflächlichen Sinn, in einer formal-ästhetischen Beschränkung auf »die platonische Idee der weißen Kiste«. An dieser Stelle öffnet sich keine Perspektive für Modelle, die Hilfe für die gegenwärtigen Aufgaben versprechen. Aber diese Kritik muss richtig verstanden werden – denn Kritik am Bauhaus hat immer zum Bauhaus dazugehört. Das ist kein Kennzeichen für einen Makel, sondern ganz im Gegenteil für eine zutiefst aufklärerische Disposition.

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1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Der Vorkurs fürs Leben

In einem längeren Interview berichtete der deutsche Designer Konstantin Grcic vor ein paar Wochen von seinem Weg ins Design: Nach dem Abitur absolvierte er eine Schreinerlehre, dann eine Ausbildung an der John Makepeace School for Craftsmen in Wood im englischen Dorset. Dann (erst) ein Studium an der Royal School of Arts in London. Diese Fakten sind längst bekannt. Doch Grcics Erläuterungen klingen nochmals nach, insbesondere die Beobachtung, dass die handwerkliche Grundlage durch die deutsche Lehre und ihre spezifische Vertiefung in der englischen Meisterschule die entscheidenden Voraussetzungen dafür bildeten, dass er die Freiheiten des anschließenden Hochschulstudiums erst ausloten konnte.

Vor der Folie dieses zeitgenössischen Beispiels wird der – aus meiner Einschätzung – folgenreichste Beitrag des Bauhauses für die Entwicklung des internationalen Designs verständlich: Die pädagogische Idee eines pragmatisch-handwerklichen Vorkurses, der von einer theoretisch-künstlerischen Schulung begleitet wird. Darauf bauen schrittweise Vertiefung und Spezialisierung auf – wobei das Ideal einer ganzheitlichen Integration höher bewertet wird als das Expertentum, denn bei letzterem droht eine Beschränkung der Perspektive durch die Scheuklappen des Fachidioten.

 

Walter Gropius: Schema zum Aufbau der Lehre am Bauhaus, in: Satzungen Staatliches Bauhaus in Weimar, Juli 1922

Walter Gropius: Schema zum Aufbau der Lehre am Bauhaus, in: Satzungen Staatliches Bauhaus in Weimar, Juli 1922

Das Bauhaus als neue Institution für die Bildung junger Menschen brachte – vor dem Hintergrund einer breiten Kunstschulreform – zwei Ansichten der Moderne zusammen: ein humanes Menschenbild und ein offenes Gesellschaftsbild. Der Vorkurs, den Johannes Itten 1919 als verpflichtendes erstes Semester zur Probe einführte, setzte Studenten voraus, die dazu bereit waren, sich auf Neues einzulassen und Irritationen zuzulassen.

Es ging Itten nicht nur ums Training manueller Fertigkeiten (gestalterische Grundlagen, Form- und Farblehre, Materialkunde, Konstruktionsprinzipien) und mentaler Fähigkeiten (Konzentration, Sinneswahrnehmung, analytische Untersuchung). Ebenso wichtig war ihm die Persönlichkeitsentwicklung: Die jungen Menschen sollten sich ihrer Vorlieben und Abneigungen, ihrer Talente und Schwächen bewusst werden. Erst dann waren sie dazu qualifiziert, sich im nächsten Schritt diejenige Werkstatt am Bauhaus zu wählen, die für ihre Ausbildung am besten geeignet war – oder sich auch gegen eine Fortführung des Studiums zu entscheiden.

Unbekannt: Staatliches Bauhaus Weimar, Skizze des Stundenplans für die Vorlehre am Bauhaus Weimar, 1924 (Reproduktion der 1960er Jahre)

Unbekannt: Staatliches Bauhaus Weimar, Skizze des Stundenplans für die Vorlehre am Bauhaus Weimar, 1924 (Reproduktion der 1960er Jahre)

Das Motto »Learning by doing«, das John Dewey für seine 1896 gegründete Laboratory School in Chicago geprägt hatte, ist auch für das Bauhaus gültig, und darüber hinaus für jede fundierte gestalterische Ausbildung. Dennoch beschleicht uns heute zu oft das Gefühl, dass die Tendenzen zur Trennung von Theorie und Praxis, zur Spezialisierung und Isolierung längst überhandgenommen haben, während es doch um die Integration der Aspekte gehen müsste. Itten hatte die Maxime formuliert, dass sein Vorkurs vor allem »die Entschlackung der Studenten vom mitgebrachten Erziehungsballast« leisten sollte. Eine vergleichbare Klärung und Fokussierung stünde der Designausbildung heute gut zu Gesicht: Mehr zupackendes »hands on« mit hochgekrempelten Ärmeln, Freude am Experiment und Mut zum Scheitern. Zuletzt habe diese professionelle Lässigkeit an der Shih Chien University in Taiwan erlebt. Nach einem Blick in die Räume, die sich die Studenten für ihre fortlaufenden Arbeiten aneignen dürfen, möchte ich jeder europäischen Hochschule zurufen: Habe Mut, Dich Deiner Gründlichkeit zu entledigen!

Shih Chien University, School of Design, Taipeh: Gemeinschaftlicher Arbeitsraum für Erstsemester (jedem Studenten steht eine Tisch- und Regaleinheit zur Verfügung). Erst am Ende des Semesters wird aufgeräumt. Foto: René Spitz.

Shih Chien University, School of Design, Taipeh: Gemeinschaftlicher Arbeitsraum für Erstsemester (jedem Studenten steht eine Tisch- und Regaleinheit zur Verfügung). Erst am Ende des Semesters wird aufgeräumt. Foto: René Spitz.

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Zwischen Meinungsmache und Propaganda

Es gehört zur selbstverständlichen Praxis in der freiheitlichen Demokratie, dass alle Staatsbürger an der Bildung der öffentlichen Meinung teilhaben. Das Verbreiten der eigenen Ansichten gründet oft auf der Absicht, die Meinung anderer zu beeinflussen. Ob sich eine Stellungnahme als sachliches Argument oder als Verzerrung der Wirklichkeit darstellt, ist meist nur eine Frage des Standpunkts: Was den einen überzeugt, ist für den anderen eine unverschämte Lüge.

Zur Zeit des Bauhauses war Propaganda der Begriff für ein neues Konzept, das den Stand der Wissenschaft (v.a. Psychologie und Soziologie) zusammenfasste, um einen strategisch geplanten Einfluss auf die öffentliche Meinung auszuüben. Maßgeblich wurde dieser Ansatz von einem Neffen Sigmund Freuds vorangetrieben: Edward Bernays. Den Überzeugungen seines Großvaters folgend, nahm er an, dass der Mensch der Moderne von Instinkten und Affekten getrieben sei und überwiegend irrational handle. Insbesondere das Verhalten von Menschenmengen und -ansammlungen sei strukturell vom Verhalten des einzelnen Individuums zu unterscheiden: Die »Masse« ließe sich mit einfachen Appellen lenken, und eben deshalb sei es auch notwendig, sie zu steuern – auf deutsch: zu manipulieren. Wenn diese These wie ein Naturgesetz erscheint, wird Manipulation zum Gebot. Eine widersinnige Volte in der Entwicklung der Aufklärung und der Massenmedien.

Edward Bernays: Titel des Buchs »Propaganda«, 1928

Edward Bernays: Titel des Buchs »Propaganda«, 1928

Sobald sich die Techniken der Einflussnahme nicht mehr unterscheiden, weil Freund und Feind sie gleichermaßen einsetzen, bleibt nur noch die dahinter stehende Absicht als Maßstab für die Frage, ob eine Kommunikationsmaßnahme als gerechtfertigt oder unzulässig wahrgenommen wird. Darum verbinden wir heute Propaganda mit verlogenen Parolen und retuschierten Bildern, während andere Maßnahmen als zulässige (massenmediale) Kommunikation zur Verfolgung legitimer Interessen gelten.

Propaganda fußt auf einem inhumanen, zirkulär abgeschotteten Kommunikationsbegriff: Wenn ich davon ausgehe, dass der andere mich sowieso betrügen und hinters Licht führen will, werde ich seinen Ausführungen keinesfalls Glauben schenken. Im Gegenzug ist mir jedes Mittel recht, um ihn unglaubwürdig dastehen zu lassen. Ob Kommunikation gelingen kann, entscheidet sich dann nicht erst im Austausch der Argumente, sondern schon im Vorfeld. Darum besteht Habermas darauf, dass Kommunikation ein aufrichtiges Interesse an den Äußerungen des Gegenüber voraussetzt.

Die Bauhäusler waren sich bewusst, welchen Wert die aktive Einflussnahme auf die Öffentlichkeit in der modernen Gesellschaft schon zu ihrer Zeit hatte. Deshalb spielen die Veröffentlichungen des Bauhauses eine herausragende Rolle für ihr Verständnis. Die Bücher und Zeitschriftenausgaben sind authentische Zeugnisse der Selbstinszenierung, Manifestationen der guten Absichten, die sich durch ihre Existenz selbst beweisen sollten.

László Moholy-Nagy: Titel des Prospekts für Bauhausbücher, 1929

László Moholy-Nagy: Titel des Prospekts für Bauhausbücher, 1929

Hannes Meyer: Titel der Bauhaus-Zeitschrift, 2. Jg./1928, Ausgabe Nr. 4

Hannes Meyer: Titel der Bauhaus-Zeitschrift, 2. Jg./1928, Ausgabe Nr. 4

Sie überschreiten die Grenze zur Propaganda an keiner Stelle. Selbst das berühmte Bild von Iwao Yamawaki, das die Schließung des Bauhauses durch die Nazis als surrealen Marsch der Braunen über die transparenten Stahl-Glas-Körper versinnbildlicht, zeigt uns lediglich einen subjektiven Eindruck der Geschehnisse. Es diffamiert nicht. Die Machthaber bleiben Akteure, die für ihre Handlungen persönlich verantwortlich sind.

Diese Form der Kommunikation unterscheidet sich grundsätzlich von Propaganda, die die Andersdenkenden prinzipiell diffamiert. Das »Wörterbuch des Unmenschen« enthält eine lange Liste von widerwärtigen Sprachbildern und Übertragungen, die auf der Technik der Entmenschlichung beruhen: Indem beispielsweise Menschen als Krebsgeschwür bezeichnet werden, dass aus einem »gesunden Volkskörper« vermeintlich chirurgisch präzise heraus geschnitten werden müsse. Diese Sprache wird bis in die jüngste Gegenwart fortgeführt, wenn Menschen etwa als »faulige Äpfel« diffamiert werden: Als ob eine Gesellschaft Fallobst für den süßen Nachtisch der Despoten wäre.

Titel der Broschüre zur Ausstellung der Nazis »Entartete Kunst«, 1937

Titel der Broschüre zur Ausstellung der Nazis »Entartete Kunst«, 1937

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Gestaltung ist Politik, Politik ist Gestaltung

Aktuell erscheinen viele Handlungen im politischen Raum als merkwürdig irrational, aus unserer Zeit gefallen. Im Moment wird die Stimme der Vernunft immer häufiger übertönt durch hasserfüllte Hetze und drohendes Kettenrasseln.

Da geben Menschen zu Protokoll, dass sie sich durch ihre religiösen Gefühle dazu angestachelt sehen, andere Menschen mit Sprengsätzen und Schusswaffen zu töten. Demagogen schüren Ressentiments unter dem frustrierten, enttäuschten und minderbemittelten Anteil der Bevölkerung: Sie beschwören Feindbilder, überschütten Andersdenkende mit Hassparolen und nähren ein Klima der Aggression. Mit den Autokraten dieser Welt verbindet sie die zynische Überzeugung, dass die Demokratie pluralistischer Gesellschaften eine Staatsform der Schwäche sei und die Gewaltenteilung des Rechtsstaats lästigerweise nur diejenigen stärkt, die sonst eigentlich machtlos wären. Wir beobachten die Rückkehr von Propaganda, Stimmungsmache und Hexenjagd.

Als das Bauhaus gegründet wurde, waren die Gesellschaften weltweit von solchen destruktiven und inhumanen Kräften noch erheblich stärker beeinflusst. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs, dem bis dahin schrecklichsten Ereignis der Menschheit, war offenbar geworden, dass die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft mit Hilfe der Technik in eine industrielle Maschine des Tötens und Grauens pervertiert worden waren.

 

Otto Dix, Der Krieg, 1924, 24 Offsetdrucke nach Originalen aus dem Radierwerk von Otto Dix

Otto Dix, Der Krieg, 1924, 24 Offsetdrucke nach Originalen aus dem Radierwerk von Otto Dix © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Am Bauhaus sollte daraus eine Lehre gezogen werden: Mit Beiträgen zur Frage, wie der technische Fortschritt den kulturellen Reichtum, individuellen Wohlstand und friedlichen Austausch aller Menschen befördern kann. Dem Bauhaus liegt deshalb im Kern eine politische Idee zugrunde.

Das Erfolgsrezept der Moderne ist das rationale Argument. Die Vernunft erkennt keine höhere Autorität an. Sie misstraut sogar sich selbst: permanente Kritik (und Selbstkritik) ist die Grundlage des vernünftigen Diskurses. Die aktuell gültige Erkenntnis ist nur von begrenzter Dauer, bis eben eine neue Erkenntnis dank Überzeugungskraft an ihre Stelle tritt. Auf diesem Erbe der Aufklärung basiert das Bauhaus.

Das Missverständnis, das der Moderne entgegen gebracht wird, vereinfacht aber die Konsequenzen dieses Gedankens in unzulässiger Weise: Es geht nicht um die irrige Ansicht, dass der Mensch ein vollständig rationales Wesen sei, sondern um den Ausgleich zwischen Affekten und Emotionen einerseits sowie Kontrolle und Vernunft andererseits. Walter Gropius hat mit seiner Bemerkung von der Bedeutung des Magischen für die Kultur darauf hingewiesen, wurde aber überhört.

Der Untertitel des Bauhauses Dessau lautete: Hochschule für Gestaltung. Mit dem Begriff »Gestaltung« sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass wir Phänomene ungeteilt wahrnehmen. Die wissenschaftliche Ratio hingegen teilt das Phänomen in viele kleine Einheiten, die dann isoliert untersucht werden können. Dieses Vorgehen fällt verhältnismäßig leicht, während die Zusammenführung, die Synthese und Kontextualisierung der gewonnenen Einsichten, schwer fällt. An diesem Punkt setzt Gestaltung ein: Sie beansprucht den Zugriff auf alle Aspekte. Gestaltung ist unteilbar.

Deshalb ist Gestaltung immer auch zugleich politisch, so wie Politik immer auch gestaltet. Darin liegt unsere Chance und unsere Verantwortung: Politik ist vernünftig gestaltbar.

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1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Swiss Kiss: Design ist eine Haltung

Eine Anknüpfung an den vorigen Beitrag (»French Kiss«): Ähnlich facettenreich wie bei Le Corbusier stellt sich die multi-nationale und -kulturelle Situation des Designers Ruedi Baur dar. Mit mehreren assoziierten Ateliers u.a. in Zürich und Paris verkörpert Baur wie kaum ein anderer zeitgenössischer Designer die vielfältigen und bisweilen auch widersprüchlichen Betätigungsformen im Design.

Seine Trennlinie verläuft nicht auf der oberflächlichen Grenze zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Auftraggebern, sondern zwischen gesellschaftlich relevanten und tendenziell inhumanen Projekten. Die Ausdrucksformen sind entsprechend breit gefächert, von Orientierungssystemen für Flughäfen und Museen über Ausstellungen und Erscheinungsbilder bis zu Denkmälern und Gestaltung im urbanen Kontext.

Ruedi Baurs Hauptanliegen ist die Integration von Perspektiven und Disziplinen im Sinne einer humanitären, fortschrittlichen Haltung. Dazu passt, dass er für eines seiner jüngsten Projekte, die Manifesta 11 in Zürich, eine visuelle Sprache entwickelt hat, die sich explizit auf die Piktogramme der 1920er Jahre von Otto Neurath und Gerd Arntz bezieht.

 

László Moholy-Nagy, Stilrhythmik, Fotomontage in: Wieszner, Georg Gustav, Der Pulsschlag deutscher Stilgeschichte, Teil 1, 1929

László Moholy-Nagy, Stilrhythmik, Fotomontage in: Wieszner, Georg Gustav, Der Pulsschlag deutscher Stilgeschichte, Teil 1, 1929 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Otto Neurath, Gerd Arntz: Mächte der Erde. In: Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk. Hg.: Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien. Leipzig (Bibliographisches Insitut) 1929, Tafel 23.

Otto Neurath, Gerd Arntz: Mächte der Erde. In: Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk. Hg.: Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien. Leipzig (Bibliographisches Insitut) 1929, Tafel 23.

Intégral Ruedi Baur Zürich: Wegeleitsystem für die Besucher der Manifesta 11, Zürich 2016

Intégral Ruedi Baur Zürich: Wegeleitsystem für die Besucher der Manifesta 11, Zürich 2016

 

Intégral Ruedi Baur Zürich: Plakat der Manifesta 11, Zürich 2016

Intégral Ruedi Baur Zürich: Plakat der Manifesta 11, Zürich 2016

Ich habe Ruedi Baur gefragt, welchen Einfluss das Bauhaus auf seine Arbeit ausgeübt hat und welchen Einfluss das Bauhaus aufs internationale Design in Zukunft ausüben wird? Seine Antwort:

»Das Bauhaus! Es wäre eine Lüge, den Einfluss zu verneinen. Als Designer ist es gar nicht möglich, dieses Erbe abzulehnen.« Soweit die pauschale Antwort. Aber darauf muss eine Differenzierung folgen.

Als Student faszinierten mich die Farbenlehre und die konstruktivistische Fotografie. Später ging es mir um die Freude am Experimentieren und die Kultur der Transdisziplinarität. Als ich in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst unterrichtete, sind für mich ein paar Mythen von ihren Sockeln hinunter auf den Boden der Tatsachen gefallen. Mit der Distanz und der Zeit sind Sie aber wieder in einer historischen Beziehung lebendig geworden.

Das Bauhaus wird immer mehr zu einem Gesamten, zu einer Einheit – trotz der wichtigen Unterschiede seiner Akteure. Eine Figur behält aber nach wie vor für mich eine extrem wichtige Rolle, sowohl wegen seines komplexeren Werks als auch wegen seiner Theorie und politischen Haltung: László Moholy-Nagy. »Design ist kein Beruf, Design ist eine Haltung«, bleibt eine der besten Definitionen dessen, was ich versuche täglich zu kultivieren. So viele Designer üben leider nur den Beruf Design aus, sie Arbeiten für ihre Kunden und vergessen darüber die Haltung.

Soweit Design diese definierte Haltung kultiviert und sich nicht vom Marketing, Branding und anderen bürgerfeindlichen Ideologien unterdrücken lässt, behält auch das Bauhaus seine Rolle als Bezugspunkt. Unabhängig davon, dass die gegenwärtigen Techniken, die Ästhetik, die politische und soziale Situationen nicht mehr viel mit der Zeit des Bauhauses verbindet.

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

French Kiss

Vor wenigen Tagen wurden die beiden Häuser, die Le Corbusier gemeinsam mit seinem Vetter Pierre Jeanneret für die Stuttgarter Mustersiedlung des Deutschen Werkbundes 1927 entworfen hatte, von der UNESCO in die Liste des kulturellen Welterbes aufgenommen. Das Einfamilienhaus wird heute noch bewohnt, im berühmten Doppelhaus befindet sich das Weissenhofmuseum.

Das berühmte Werbefoto einer mondänen Dame vor dem Doppelhaus Le Corbusiers.

Das berühmte Werbefoto einer mondänen Dame vor dem Doppelhaus Le Corbusiers.  (© Landeshauptstadt Stuttgart)

Alfred Roths Buch über »Zwei Wohnhäuser von Le Corbusier und Pierre Jeanneret« auf der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Alfred Roths Buch über »Zwei Wohnhäuser von Le Corbusier und Pierre Jeanneret« auf der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

Mit dem Projekt »Die Wohnung« präsentierten die fortschrittlichen Mitglieder des Werkbundes ihre Überzeugungen vom »Neuen Bauen« der Öffentlichkeit. Es bestand nicht nur aus der Weissenhofsiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg, sondern umfasste auch Ausstellungen und Veröffentlichungen. Sein Leiter: Ludwig Mies van der Rohe, der später zum dritten Direktor des Bauhauses berufen wurde.

Willi Baumeister: Plakat für die Werkbundausstellung »Die Wohnung«, Stuttgart 1927

Willi Baumeister: Plakat für die Werkbundausstellung »Die Wohnung«, Stuttgart 1927 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Willi Baumeister: Postkarte mit dem Überblick aller Architekten der Weissenhofsiedlung als Teil der Werkbundausstellung »Die Wohnung«

Willi Baumeister: Postkarte mit dem Überblick aller Architekten der Weissenhofsiedlung als Teil der Werkbundausstellung »Die Wohnung« © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die Verbindungen zwischen dem Bauhaus und Frankreich sind weniger eindeutig und einfach als der erste Eindruck vermuten lässt. Der erste Eindruck ist heute: Eine rasche Suche über Google, z.B. unter dem Stichwort »Bauhausmöbel«. Das Resultat: Jede Menge Entwürfe Le Corbusiers auf der ersten, der entscheidenden Seite. Seine »LC 2« und »LC 4« als vermeintliche Originale, Repliken und Plagiate.

Das sagt zwar einerseits sehr viel über den Tatsachenanteil von Google-Suchergebnissen aus. Andererseits sagt es aber auch sehr viel über die konstruierte Wahrnehmung aus: Viele Menschen gehen offensichtlich davon aus, dass Le Corbusier ein Repräsentant des Bauhauses war. Denn Google bemüht sich bekanntlich, das anzuzeigen, was den Menschen relevant und passend erscheint, so dass die eigene Erwartung in der Regel bestätigt wird. (Übergehen wir die Pointe, dass Le Corbusier nur als Franzose wahrgenommen wird, während seine Schweizer Wurzeln meist ausgeblendet werden.)

Der gegenseitige Einfluss zwischen Gestaltern der Moderne wie Adolf Loos, Peter Behrens, Bauhaus-Angehörigen und Le Corbusier wurde vielfach und differenziert dargestellt. Die Google-Algorithmen vermatschen dieses facettenreiche Bild zu einem klebrigen Brei.

Wie sieht diese Beziehung heute aus, wenn wir unseren Blick auf das zeitgenössische französische Design richten? Als prominente Akteure treten derzeit insbesondere Inga Sempé sowie Ronan und Erwan Bouroullec hervor. Ich habe die beiden Brüder gefragt, welche Bedeutung sie dem Bauhaus für ihre Arbeit zuschreiben. Ihre Antwort ist an Klarheit kaum zu überbieten: Sie haben auf diese Frage nichts zu antworten, weil das Bauhaus nicht zu ihren Bezugspunkten zählt. Chapeau!

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1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle

Das ganze Leben ist ein Spiel

Ein unverrückbarer Baustein des Mythos Bauhaus ist die Vorstellung, es habe dort eine Stimmung von tiefer, ernster Intellektualität vorgeherrscht. Die am häufigsten gezeigten Bilder vom Gebäude, von den Akteuren und ihren Entwürfen vermitteln einen monumentalen Grundton. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die dargestellten Objekte heute meist aus ihrem Kontext gerissen und als gereinigte, strahlend ausgeleuchtete und perfekt freigestellte Ikonen präsentiert werden, der Alltäglichkeit entrückt. Distanz befördert Respekt – mit der Tendenz zur Anbetung.

Im Angesicht des Erhabenen wird gefälligst nicht gelacht. Das haben wir schon von Umberto Ecos düsterem Bibliothekar Jorge von Burgos gelernt: Von der Freude über das Lächerliche bis zur Blasphemie ist es nur ein schmaler Grat. Deshalb sein Gebot: Klappe halten und Blick senken, sonst gibt’s was auf die Finger (und zwar Gift).

Doch dem Menschen ist das Spielerische zu eigen. Johan Huizinga erklärt den homo ludens als den vollständigen Menschen, der im Spiel mit anderen zu sich selbst gelangt. Das Spiel ist ein wunderbarer Teil der menschlichen Kultur, also kann und soll auch das Spielerische kultiviert werden. Solange nur die Kultur das Spiel nicht überformt und aus Spiel trauriger Ernst wird, darin liegt die Kunst.

Dieses Humane und Ganzheitliche des Spielerischen wurde auch am Bauhaus in den Blick genommen und bearbeitet. Ganz offensichtlich auf der Bühne, einem zentralen Bestandteil der pädagogischen Konzeption, um ein umfassendes ästhetisches Erlebnis für alle Sinne zu erzeugen. Das Mechanische Ballett von Kurt Schmidt sollte uns erheitern (aber dieser Humor kann oft nicht zünden, weil wir es nicht gewohnt sind, im Museum zu lachen).

Kurt Schmidt, Entwurf für das Mechanische Ballett, 1923, Deckfarben, Bleistift auf Papier, 21 × 29,7 cm, Nachlass Eckhard Neumann, Sammlung Freese

Kurt Schmidt, Entwurf für das Mechanische Ballett, 1923, Deckfarben, Bleistift auf Papier, 21 × 29,7 cm, Nachlass Eckhard Neumann, Sammlung Freese

Neues Spielen braucht auch neues Spielzeug. An Josef Hartwigs Schachspiel lässt sich ein schönes Phänomen beobachten: Die Zuweisung der Objekte zu ihren Rollen (Turm, Springer, Läufer etc.) gelingt den Spielern beim ersten Mal rasch wie bei einem kleinen gemeinsamen Rätsel, und dann sind diese Formen nicht mehr wichtig. Die Kinder und Erwachsenen versenken sich augenblicklich in ihr Spiel. Ob das Design sie zu klügeren, rationaleren Zügen befähigt? Wohl kaum. Aber das kann auch nicht der Anspruch sein: Angestrengtes Optimierungsstreben verdirbt meist die Freude am Spiel.

Josef Hartwig, Joost Schmidt (Pappschachtel): Das Bauhaus Schachspiel Modell XVI, 5,3 x 12,3 x 12,3 cm, Privatsammlung, Courtesy of Galerie Ulrich Fiedler

Josef Hartwig, Joost Schmidt (Pappschachtel): Das Bauhaus Schachspiel Modell XVI, 5,3 x 12,3 x 12,3 cm, Privatsammlung, Courtesy of Galerie Ulrich Fiedler © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Alma Buscher, Entwurf für ein Schiffsbauspiel, kleine Version, 1923, Aquarell, Bleistift auf Papier, 16 × 42 cm, Klassik Stiftung Weimar, Direktion Museen, Graphische Sammlungen L 2860 a

Alma Buscher, Entwurf für ein Schiffsbauspiel, kleine Version, 1923, Aquarell, Bleistift auf Papier, 16 × 42 cm, Klassik Stiftung Weimar, Direktion Museen, Graphische Sammlungen L 2860 a

Über den Bauhaus-Meister Lyonel Feininger ergibt sich übrigens aktuell eine Querverbindung zu einer Ausstellung in der Frankfurter Schirn. Feininger entwarf nicht nur Holzspielzeug für seine Kinder. Vor seiner Bauhaus-Zeit hatte er sich in Deutschland einen Ruf als Karikaturist erarbeitet, wodurch er 1906 einen lukrativen Vertrag als Comiczeichner für die Chicago Sunday Tribune erhielt. Die beiden Serien »The Kin-der-Kids« und »Wee Willie Winkie’s World« trafen zwar nicht den Geschmack des amerikanischen Publikums und wurden nach einigen Monaten wieder eingestellt. Aber seine phantasiereichen Zeichnungen sind ein weiterer Beweis dafür, das herausragende Gestaltung keine Genregrenzen kennt. Es darf gelacht werden!

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle