Wie gebärdet sich Kunst?

Vom Genuss, Kunst in der eigenen Muttersprache zu erleben.

Sprachwitz, detailreicher Ausdruck und das Gefühl, willkommen und verstanden zu sein, all das bietet die eigene Muttersprache. Das bestätigen auch diejenigen, die Gebärdensprache als Muttersprache gelernt haben.

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Kunstvermittlung in Gebärdensprache © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Die Lebendigkeit ihrer Kommunikation wird bei übersetzten lautsprachlichen Ausstellungsführungen stark eingeschränkt, es gehen viele Informationen verloren. Wenn ich Kunst und Kultur zeitgemäß erlebbar machen will, braucht es eine Kommunikationsform/Sprache, in der jeder sich frei und lebendig ausdrücken kann. Insofern ist es ein Gewinn, dass seit vielen Jahren Gehörlose in ihrer Muttersprache Führungen von Gebärdensprachen-Muttersprachlern in der Bundeskunsthalle buchen und Kunst in vertrauter Art und Weise erleben können.

Die Kunstvermittler/-innen, die seit Januar Führungen in deutscher Gebärdensprache (DGS) oder Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) für Schwerhörige anbieten, sind allesamt Muttersprachler und haben eine Weiterbildungsreihe zur „Ausstellungs- und Museumsführung in deutscher Gebärdensprache“ absolviert. Auf Initiative von Birgit Tellmann (Bundeskunsthalle) und Annette Ziegert (KunstvermittelnHeute) konnte in einem Kooperationsprojekt mit Dr. Johannes Sabel (Kath. Bildungswerk Bonn) diese berufliche Zusatzqualifikation für Gehörlose und Schwerhörige realisiert werden.

Die Weiterbildungsmodule wurden von Annette Ziegert gemeinsam mit mir, der Co-Trainerin Birgit Ocken (Integrative Persönlichkeits- und Projektarbeit), konzipiert und durchgeführt. In der sich anschließenden Erprobungsphase der Kunstvermittler/-innen in der Ausstellung Japans Liebe zum Impressionismus konnten Besucher/-innen aller Altersstufen es genießen, sich in ihrer Muttersprache über die Kunstwerke auszutauschen. Sie schilderten durchweg, wie positiv sie es erleben, selbstverständlich in ihrer Sprache willkommen zu sein, sich ausdrücken zu können und, das betrifft die Schüler/-innen unter ihnen, ein mögliches Berufsfeld für sich zu entdecken. Für manche Schüler/-innen war es gar der erste Museumsbesuch überhaupt und sie waren begeistert. Sie zeigten sich vor allem beeindruckt, wie schön die Gemälde im Original sind. „Ich fühle mich wie in Japan“, sagte einer der Schüler über sein Lieblingsbild der Ausstellung. „Ich möchte in dieses Bild hineingehen und in Japan sein. So schön ist es!“

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Kunstvermittlung in Gebärdensprache © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Unterscheiden sich die Führungen in Gebärdensprache eigentlich von den lautsprachlichen?
Ich finde, ja. Vor allem zwei Aspekte haben mich jedes Mal sehr beeindruckt: Da ist zum einen die Zugewandtheit in der Besuchergruppe. Da sich alle Gebärdensprachler/-innen sehen müssen, um miteinander kommunizieren zu können, muss die Gruppe kleiner sein als bei lautsprachlichen Führungen und sich eher im Halbkreis um Kunstwerk und Kunstvermittler/-in gruppieren. Es gibt keine zweite oder dritte Reihe, aus der heraus man Besucher/-innen sprechen hört, die man vielleicht gar nicht sieht, die buchstäblich gesichtslos bleiben. Hier sieht jede/r jeden und wenn jemand etwas fragt oder seine Ideen beiträgt, sieht man seine/ihre Gebärdensprache mit dem Ausdruck des ganzen Körpers. Man sieht sich an, nimmt aufeinander Bezug, berührt sich, um sich auf etwas aufmerksam zu machen. Auf mich wirkt das viel natürlicher als die Distanz der Besucher/-innen zueinander in lautsprachlichen Führungen. Wenn ich wählen könnte, würde ich mich den Führungen in Gebärdensprache anschließen.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf den Umfang des Vokabulars der verschiedenen Sprachen. Unsere Lautsprache hat sich über Jahrhunderte entwickeln und ausprägen können; wir verfügen über einen umfassenden Wortschatz, in dem Worte wie „Impressionismus“ selbstverständlich sind oder nachgeschlagen werden können. Die Entwicklung der Gebärdensprache ist im Vergleich noch recht jung, dementsprechend ist das Gebärdenvokabular viel kleiner. Die neuen Kunstvermittler/-innen müssen sich also nicht nur das Fachwissen erarbeiten und eine Besuchergruppe führen, sondern vor allem auch noch neue Gebärden entwickeln. Vor den ersten Führungen gab es zum Beispiel keine Gebärde für „Impressionismus“, jetzt gibt es sie. Ich bewundere den Mut und die Kreativität dieser Kunstvermittler/-innen, mit ihrem neuen beruflichen Einsatz gleichzeitig ihre eigene Sprache weiter zu entwickeln. Ich bin gespannt, welche neuen Gebärden in den kommenden Ausstellungen noch entstehen werden.

Birgit Ocken

Birgit Ocken

Birgit Ocken (Dipl. Päd. Erwachsenenbildung / Weiterbildung) ist seit 14 Jahren mit ihrer Praxis für Integrative Persönlichkeits- und Projektarbeit selbstständig. Sie begleitet Menschen bei beruflichen und privaten Fragestellungen und konzipiert und leitet Weiterbildungen und Projekte für unterschiedlichste Teilnehmergruppen.
www.ocken-ippa.de

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Birgit Ocken

Mein Rhein – Symbol der Heimat

Foto © Isabelle Unger

Foto © Isabelle Unger

Natürlich ist der Rhein allein schon durch seine atemberaubende Umgebung rund ums Weltkulturerbe Mittelrheintal und literarische Werke wie die Nibelungensage einzigartig. Darüber hinaus besitzt er für mich aber auch eine ganz persönliche Bedeutung: Mit dem Rhein verbinde ich untrennbar meine Kindheit. Ich bin am und mit dem Rhein aufgewachsen, die meisten meiner Verwandten leben noch immer in der Gegend um Bad Honnef/Unkel. Für mich steht der Fluss für viele schöne Erinnerungen an ausgedehnte Spaziergänge und (als Kind) ans Toben mit dem Hund meiner Großeltern auf den Rhein-Wiesen.

Der Rhein ist mein Symbol für Heimat. Besonders fällt mir das auf, seit ich im Nordosten der Republik lebe (erst Frankfurt an der Oder, jetzt Berlin). Zweifelsohne haben Oder und Spree auch sehr schöne Gegenden, aus meiner Sicht halten sie allerdings keinem (subjektiven) Vergleich mit dem Rhein stand. Zudem ist die berühmt-berüchtigte „Berliner Schnauze“ zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man die herzliche und lustige Art der Rheinländer kennt.

Ich freue mich, wann immer ich den rheinländischen Dialekt höre – was leider nicht so oft der Fall ist. Beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle in Frankfurt an der Oder (meiner ersten nach dem Studium) interpretierten die Kollegen vor einigen Jahren meinen ihnen bislang unbekannten Tonfall (Mischung aus rheinländisch, hochdeutsch und pfälzisch) zielsicher im Brustton der Überzeugung als polnischen Akzent. Die verdutzten Gesichter, als ich den Irrtum aufklärte und sie auf mein Heimatbundesland Rheinland-Pfalz hinwies, waren definitiv druckreif.  Seitdem steht übrigens eine Postkarte mit dem Rheinischen Grundgesetz auf meinem Schreibtisch – weitere Verwechslungen sind somit ausgeschlossen …

Eine besonders emotionale Situation erlebte ich während eines Unheilig-Konzerts in Berlin, als passend zum Song „Lichter der Stadt“ Bilder des Rheins und des Kölner Doms bei Nacht eingeblendet wurden. Verbunden mit der melancholischen Stimmung der meisten Lieder kostete es mich in diesem Moment wirklich einige Überwindung, nicht sofort in den nächsten Flieger nach Köln/Bonn zu steigen.

Isabelle Unger

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Mein Rhein – Fremd und doch vertraut

Es war Spätsommer. Der Rhein, wie ein silberner Streif, floss langsam Richtung Norden. Alles drehte sich um ihn. Bäume, die seine Gewässer zaghaft küssten. Vögel, die sich an seinen reichen Ufern versteckten. Rebflächen, die ihr Aroma ihm zu verdanken hatten.

Sie waren mit den Fahrrädern unterwegs. Zu zweit. Ein junges Paar. Leichtes Gepäck, kurze Pausen. Leichte Gefühle, kurze Dauer. Eltville am frühen Morgen war noch eine schlafende Schönheit. Nur die Rosen waren schon auf der Suche nach Licht und Wärme. Das Paar fuhr weiter. Seine Augen hatten plötzlich ihr Blau verloren und blickten sie kalt und grau an. Unentschlossen. Wozu dieser Ausflug? Er wusste, am Ende des Weges würde er wieder allein sein. Dennoch kam er mit. Ein freundlicher provisorischer Reiseführer. Für eine Ausländerin.

Foto © Chrysoula Georgiou

Foto © Chrysoula Georgiou

Er erzählte ihr die Geschichte der Region. Wie die Leute einst lebten. Wie sehr sie den Wein schätzen. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Sie wollte tief in diesen Traum eintauchen. Sie wusste, am Ende der Fahrt würde sie wieder allein sein.

Bei Ostrich kaufte er zwei Brezel. Sie hatte noch nie so ein salziges Brötchen gekostet. Mit flüchtigem Blick versuchte er zu ahnen, was sie überhaupt mochte. Sie war einfach und spontan. Fremd, aber irgendwie schon vertraut. Dennoch zweifelte er noch an seinem Urteil. Sie fragte ihn etwas über die Fulder-Aue und was dahinter lag. Sie machte kleine Pausen, um an einer Blume zu riechen oder kurz ihre Hände ins Wasser zu tauchen. Sie sprach über ihre Heimat, wo es das Meer statt Flüsse gibt. Den Horizont, der am Rand des Meeres versinkt, hat sie so vermisst. Sie war froh, wieder in der Nähe des Wassers zu sein.

Als sie in Rüdesheim ankommen, zeigt die Sonne gelegentlich ihren strahlenden Charme, wenn die Wolken sie lassen. Sie lächelt. Sie sind zu Fuß durch die Altstadt gelaufen. Malerische Gebäude, blühende Fenster. „Kosten wir ein Glas Riesling zu zweit?“, fragte er sie. Sie nickte zustimmend. Er bot ihr das Glas zuerst an. Sie schlürfte zufrieden. Er trank davon eher ungeduldig. Sie küssten sich. Zart. Er dachte, dass ihre Zurückhaltung ein Zeichen von Angst war. Für sie war er auch ein Ausländer. Sie fuhren mit den Fahrrädern weiter.

Foto © Chrysoula Georgiou

Foto © Chrysoula Georgiou

Die Sonne zeigte sich jetzt mutiger, versteckte sich nicht länger hinter Wolken. Bei Assmannshausen war der Rhein schon eine gläserne See. Schiffe fuhren langsam, als ob sie sich fürchteten, dieses trügerische Glas mit einer unberechenbaren Schlagseite für immer zu brechen. Das Paar saß eng nebeneinander am Fluss. Der leichte Wind spielte mit ihrem langen Haar, das sich im Wasser spiegelte. Er war überrascht, dass er sich noch an einige Gedichte über den Rhein aus seiner Schulzeit erinnerte. Diese Romantik war ihm einst sehr fremd gewesen. Jetzt fand er sie genau passend. Er hätte ihr gerne ein paar Zeilen ins Ohr geflüstert. Einfach um zu sehen, wie die Gedichte ihr Haar streicheln würden. Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg. Der kleine Gasthof sollte nicht mehr weit sein.

Plötzlich hatte er Angst, ob es ihr dort gefallen würde. Er hatte nach einem Zimmer mit Blick auf den Rhein gefragt, sie wusste davon nichts. Sie hatten nie zuvor ein Zimmer geteilt. Der Eingang verbarg sich hinter einer alten Pappel. Von der Straße war er kaum zu sehen. Eine alte Dame begleitete sie ins Zimmer. Es war eng, aber hell, mit Verkleidung aus Holz und grünem Stoff. Sie beobachtete die Umgebung und machte dann einige Schritte bis ans Fenster. Sie zog die Vorhänge auf. Sie blickte aus dem Fenster und wandte sich ihm zufrieden zu: „Wir werden den Rhein auch vom Bett aus sehen können“, sagte sie spielerisch zu ihm. Seine Augen haben längst ihr Blau wiedergefunden.

Chrysoula Georgiou

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Mein Rhein – Das Ungeheuer vom Deutschen Eck

Dort, wo die Mosel in den Rhein fließt, in Koblenz, gegenüber dem Deutschen Eck, in dem Stadtteil, der immer dann im Fernsehen erscheint, wenn der Rhein sein Flussbett leid ist und über die Ufer steigt, in die Straßen von Neuendorf und auch in die Häuser dringt: da leben meine Familie und ich so lange ich denken kann und länger.

Am Rhein und mit dem Rhein gab es reichlich Erlebnisse. Nicht nur, weil er uns vieles gebracht hat, wie beispielsweise nasse Füße, wenn wir am Ufer spielten und die Wellen der großen Schiffe schneller waren als unsere Aufmerksamkeit. Am Rhein sind wir groß geworden, mein Bruder und ich, wie meine Eltern und Großeltern, die hier alt geworden und gestorben sind. Ein Familienleben am Rhein. Hier hat meine Familie Geschichte geschrieben, erlebt, und wir erzählen gerne davon.

Eine im wahrsten Sinne ungeheure Geschichte ereignete sich, als mein Vater Karl, inzwischen schon Opa, mit seiner Enkeltochter Sandra und der Angelausrüstung im Frühjahr 1975 an den Rhein ging. Sie spazierten in die „Krippen“, flussabwärts Richtung Hafen. Dort gleicht die Rheinlandschaft noch heute einer Insellandschaft: Weißer Sand wie an den Stränden in Holland, Italien und Spanien. Landzungen laden Angler ein, ihre Rute auszuwerfen und in der Sonne das leichte Treiben der Wellen und der Schiffe zu genießen. Walnussbäume geben Schatten, Wiesen bieten Schafen frische Nahrung, und ein kleines Wäldchen aus Sträuchern und Hecken mit unzähligen Hasen grenzt die „Krippen“ ab vom Treiben am naheliegenden Hafen. Gerne geht man hier spazieren, in der Ruhe einer Landschaft, die einen auch in die Ferne schweifen lässt.

Opa und Enkelin erreichten die „Krippen“ nach einer halben Stunde Fußweg. Zeit, sich auf den Steinen der Landzungen niederzulassen und den Angelhaken mit Ködern zu bestücken. Mit ein paar Rotaugen wollten sie nach Hause kommen. Schon waren die Maden am Haken und Karl bereit, die Rute auszuwerfen, da sah er am Ende der Landzunge eine Bewegung: zwei graue Steine schienen sich von den anderen Steinen fortzubewegen und peilten das Ufer an. Karl kniff die Augen zusammen, die Sonne trübte den Blick. Immer näher kamen die grauen Wülste, und sie wurden mit einem Mal größer. Wie ein Blitz durchfuhr den Angler der Schreck. Karl riss Mund und Augen auf, er ließ die Angel fallen, griff nach Sandra, die neben ihm hockte und Sand durch die Finger rieseln lies. Die Dreijährige wusste nicht wie ihr geschah und schrie empört auf, was dem Opa einfiele, sie so unsanft aus ihrem Spiel zu reißen. Während sie gegen Opa ankämpfte, der sie hochriss und schützend an sich drückte, mit langen Schritten über die Steine kletterte, um von der Landzunge wegzukommen, vernahm sie ein fremdes, lautes Schnauben. Über Opas Schulter hinweg sah das kleine Mädchen dann den Grund für den überstürzten Aufbruch – ein Ungeheuer! „Oooohhhpa“, schrie Sandra, „da, was ist das?“ Karl lief, drückte das Enkelkind fest an sich, bis er endlich durch den Sand und das Gras den Leinpfad erreichte. Jetzt würde es schneller gehen, noch mal ein Blick zurück, ja, tatsächlich, es war ein Nilpferd, das am Ufer schwamm und nun an Land watete.

Nichts wie weg, fuhr es Karl durch den Kopf. Er rannte so schnell er konnte. Doch schon nach wenigen Metern wurden die Flüchtenden abrupt aufgehalten. Ein junger Mann stand breitbeinig auf dem Weg, in der rechten Hand ein Stab, die linke hielt ein Seil. Karl wollte einen Warnruf abgeben, doch der Mann kam ihm zuvor: „Keine Angst!“, rief er mit einem freundlichen Lachen. „Das ist Nils, das Nilpferd, die Hauptattraktion unseres Wanderzirkus.” Karl verlangsamte seinen Laufschritt und fand seinen Atem wieder als er vor dem grinsenden Mann stehenblieb. „Es tut mir leid, dass Sie sich erschreckt haben. Ich gehe morgens immer mit Nils, dem Nilpferd, zum Rhein. Hier fühlt sich der alte Racker wohl, wenn er im Wasser ein Bad nehmen kann“, sagte der Mann, der seinen Strohhut jetzt in den Nacken schob. Karl sah den Zirkusmann irritiert an und spürte wie ihm ein riesiger Stein vom Herzen fiel. Auch die kleine Sandra löste sich aus Opas schützenden Armen und fand den Boden unter ihren Füßen wieder. Dann sah sie noch einmal zum Rhein, wo Nils bis zum Bauch im Wasser stand und sein Maul gähnend weit aufriss. Oder hatte er Lust auf ein Frühstück? Das „Ungeheuer“ gehörte jedenfalls zur friedlichen, zivilisierten Spezies der heimischen Zirkustiere und schrieb von diesem Tag an Rhein-Geschichte in unserer Familie.

Hanne Friede

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Volles Programm für 2017

Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle

Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, blickt zurück auf ein erfolgreiches Jahr und richtet das Augenmerk auf ein ebenso vielversprechendes Jahr 2017.

Die enorme Spannbreite unseres Programms hat im letzten Jahr die unterschiedlichsten Besuchergruppen in die Bundeskunsthalle gelockt. Mit der legendären Tänzerin und Choreografin Pina Bausch, dem „grünen“ Fürsten Pückler und der Retrospektive von Gregor Schneider konnten wir große monographische Zeichen setzen; mit der europäischen Flussbiografie zum Rhein und mehr als 100 000 Jahre Kulturgeschichte in der Ausstellung Eine kurze Geschichte der Menschheit  präsentieren wir zwei komplett verschiedene Ansätze kulturhistorischer Erzählung; mit Touchdown wurden wir sehr menschlich, mit der Bauhaus-Schau geriet wiederum das Design in den Blick und mit den Künstlern Isa Genzken und Juergen Teller zeigten wir uns sehr zeitgemäß.

An den Medien ging dies nicht unbemerkt vorbei, was uns mit Stolz erfüllt. Vor allem Pina Bausch, der Rhein, Fürst Pückler und Touchdown fanden ungemein große, bundesweite mediale Beachtung. Und wie Sie vielleicht gelesen haben, schnitten wir auch bei der alljährlichen Kritikerumfrage der „Welt am Sonntag“ sehr gut ab. Die Ausstellung Wand vor Wand von Gregor Schneider gewann das Rennen um die beste Ausstellung des Jahres in NRW, und gemeinsam mit unserem Nachbarn, dem Kunstmuseum Bonn, fiel auch das Votum für das insgesamt beste Jahresprogramm auf die Bundeskunsthalle.

Persönlich bin ich besonders glücklich, dass ich im Sommer meinen Vertrag als Intendant der Bundeskunsthalle verlängern konnte und somit eine längerfristige Planungsperspektive erhalten habe. Das betrachte ich nicht nur als einen persönlichen Erfolg, sondern vielmehr als eine Wertschätzung für das gesamte Team der Bundeskunsthalle. Gerade in Zeiten, in denen auch Museen unter starkem Erfolgsdruck stehen, bedeutet die Kontinuität eine Stärkung und Bestätigung unserer gemeinsamen Arbeit.

In diesem Sinne werden wir auch 2017 wieder viel Neues für Sie bereit halten und die Themen könnten tatsächlich kaum unterschiedlicher sein: Über die Ausstellung rund um den „Fall Gurlitt“ und das Thema NS-Raubkunst werden wir Ihnen bald mehr berichten; fest steht aber, dass wir die Ausstellung im Herbst dieses Jahres gemeinsam mit dem Kunstmuseum Bern ausrichten werden. Im Frühjahr steht bereits eine Übersicht zu 50 Jahre Schaffen der Fotokünstlerin Katharina Sieverding auf dem Programm, ebenso wie eine große archäologische Ausstellung über Iran und eine umfangreiche Schau zum Werk des bedeutenden Schweizer Künstlers Ferdinand Hodler. Im Sommer wird es dann bunt und gut gelaunt: Die bisher umfassendste Comic-Ausstellung erwartet kleine und große Besucher aus ganz Deutschland. Besonders jung und zeitgenössisch wird es aber, wenn die serbische Künstlerin Aleksandra Domanović ab dem Sommer ihre Arbeiten in der Bundeskunsthalle zeigt und wenn im Winter die preisgekrönten Studierenden der deutschen Kunsthochschulen und Akademien ihre Werke präsentieren. Zum Ende des Jahres kommt dann ein Thema in unsere Räume, das sich ansonsten draußen vor der Tür abspielt: Das Wetter und unser Klima rücken in den Mittelpunkt und bekommen unter dem Titel Wetterbericht eine erste Ausstellung in der Stadt des UN-Klimasekretariats.

Vorläufig aber fließt bei uns noch der Rhein, wird die kurze Geschichte der Menschheit weiterhin erzählt, steht Gregor Schneiders räumliche Welt im Haus und erzählt Touchdown seine faszinierende Geschichte des Down-Syndroms. Mit diesen besonderen Ausstellungen starten wir mit Ihnen ins neue Jahr.

Alles Gute!
Rein Wolfs

ZUR ÜBERSICHT ALLER AUSSTELLUNGEN DER BUNDESKUNSTHALLE


 

Abbildungsnachweise
Johann Adolf Lasinsky, Der Rhein bei Koblenz Ehrenbreitstein, © LVR-LandesMuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel
Jochen Viehoff, Pina Bausch tanzt ein Solo in Danzón (Ausschnitt), Fotografie, © Jochen Viehoff
Johanna von Schönfeld, 2013, Ohrenkuss- Ausgabe „Superkräfte“, © Martin Langhorst (www.lichtbilderlanghorst.de)
Ausstellungsansicht, Mark Wallinger, Ecce Homo, 1999, The Israel Museum, Jerusalem, © Mark Wallinger
Gregor Schneider, Bondi Beach, 21 Beach Cells, Kaldor Art Projects, Bondi Beach, Sydney 2007, © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Katharina Sieverding, 2014, © Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Choga Zanbil, Khuzestan, ©Iran Cultural Heritage, Handicraft and Tourism Organization, Foto: Khadifar
Juergen Teller, Plates/Teller, No.75, 2016 © Juergen Teller
Mawil, Kinderland, Seite 44 (Ausschnitt), 2016, © Mawil / Reprodukt
Aleksandra Domanovic, Substances of Human Origin, 2015, © Aleksandra Domanovic
Ferdinand Hodler, Linienherrlichkeit (Ausschnitt), um 1909, Öl auf Leinwand , © Kunstmuseum St. Gallen, Dr. Max Kuhn-Stiftung, Foto: Sebastian Stadler
Albert Bierstadt, Aufziehendes Gewitter im Tal, 1891, Öl auf Leinwand, © NordseeMuseum Husum

Das Porträt der Familie Sam

Ein geheimnisvolles Bild von Aelbert Gerritsz. Cuyp (Teil II)

"Das Porträt der Familie Sam", Aelbert Gerritsz. Cuyp

Aelbert Gerritsz. Cuyp, Das Porträt der Familie Sam, ca. 1653, Szépmüvészeti Múzeum / Museum of Fine Arts, Budapest

Warum hat der Junge mit dem Turban ein Eichhörnchen an der Leine?, das war die Frage, mit der der erste Blogteil endete. Seit der Antike bis ins 20. Jahrhundert waren gezähmte Eichhörchen beliebte Haustiere. Zahlreiche Maler haben das niedliche Tierchen zum Modell gemacht, aber je nach Jahrhundert und Kontext hatte es natürlich eine unterschiedliche Bedeutung. So konnten Eichhörnchen Sinnbild für Fleiß, aber auch für den Teufel und das Böse sein. Auf unserem Familienporträt ist es jedoch schlicht und einfach ein Haustier, das der Junge an der Leine hält.

Werfen wir noch einmal einen genauen Blick auf die Familie Sam: Die Darstellung verschiedener Generationen ist charakteristisch für die niederländischen Familienporträts, die unterschiedlichen Altersstufen repräsentieren hier das harmonische Miteinander. Die Familie wohnt der Rückkehr einiger ihrer Mitglieder von der Jagd bei. Die Jagd, früher ein Privileg des Adels, war zu Cuyps Zeiten sehr populär und stets ein Hinweis auf den Wohlstand der Porträtierten. Diese Tatsache bestätigen auch weitere Details im Bild, wie z. B. die Weinrauben, die das Mädchen im Vordergrund hält, oder die exotisch anmutende Kleidung der Dargestellten.

Die Kleidung ist tatsächlich ein Thema für sich. Einige Familienmitglieder tragen die recht streng wirkende niederländische Tracht der 1650er Jahre, aber der kleine Junge mit dem Eichhörnchen ist in eine orientalisch anmutende Tunika gehüllt und trägt einen Turban, genau wie der Mann im Hintergrund. Die Jäger sind alle unterschiedlich gekleidet. Der Junge mit den beiden Hunden trägt einen Reiterrock, der mit dem Vogel einen samtenen dolman, ein sehr populäres, eigentlich ungarisches Kleidungstück, der dritte schließlich wieder einen Turban und außerdem einen exotischen Säbel.

Cyup verband, wie so viele Maler seiner Zeit, westliche und östliche Mode in seinen Bildern, um seine Figuren reich und exotisch wirken zu lassen. Dabei spielte die geografische und historische Genauigkeit in Bezug auf die Kleidung überhaupt keine Rolle. Die Bedeutung dieser Kleidung war der Familie Sam sicherlich bekannt und Teil ihrer Selbstdarstellung.

DER RHEIN. EINE EUROPÄISCHE FLUSSBIOGRAFIE
bis 22. Januar 2017

Mein Rhein – Kindheitserinnerungen einer „modernen Nomadin“

Ich wurde 1957 in der Kölner Altstadt geboren, aufgewachsen bin ich in Köln-Niehl am Niehler Damm in einem alten „Fischerhäuschen“, und in dem altehrwürdigen Gemäuer der Schule in der Halfengasse habe ich meine Grundschuljahre absolviert.

1977 zog ich von Köln-Niehl direkt nach Paris, und ab diesem Zeitpunkt wurde ich zur „modernen Nomadin“.

War der Rhein in der Nähe, begab man sich immer ans Wasser, so auch bei einem Familienbesuch in Mannheim. Von den Rheinterrassen, heute „Gasthaus am Fluss“, führte eine Treppe an den Rhein. (Auf dem Foto: Mutter, Bruder und Ich) © Name, Nachname

War der Rhein in der Nähe, begab man sich immer ans Wasser, so auch bei einem Familienbesuch in Mannheim. Von den Rheinterrassen, heute „Gasthaus am Fluss“, führte eine Treppe an den Rhein. (Auf dem Foto: Mutter, Bruder und ich) © Gabriele Pagels

Die Rheinwiese am Niehler Damm – auf Höhe der Lachsgasse – war unsere Spielwiese. Noch klein an der Hand von Vater, feingemacht zum sonntäglichen Spaziergang am Rhein, und stets beeindruckt von der erhabenen Kaimauer – bloß nicht zu nah heran und reinfallen! An sommerlichen Tagen trauten wir uns die schmale Treppe runter bis ans Wasser und waren auch schon mal mit den Füßen darin, haben Kähne beobachtet und gelernt, Steine übers Wasser flitschen zu lassen.

Zum Schützenfest dann die ganze Familie – Vater, Mutter, Bruder und ich – mit einem Besuch der Geisterbahn. Die zugeteilten Vergnügungsgroschen gut eingeteilt…

Unvergessen bleibt das Jahr 1964, als Hochwasser drohte und ganz Niehl nachts an den Rhein pilgerte um nachzusehen, ob er nun aus dem Bett springt oder nicht. Das Wasser stand eine Handbreit unter der Kaimauer, die sonst ich weiß nicht wie viele Meter hoch ist. Der Rhein schwappte nicht über, wir sind nicht abgesoffen. Ich sprach vor ein paar Tagen noch mit meinem Vater (86 Jahre) darüber – die Sorgen der Eltern waren für uns Kinder damals zu keinem Zeitpunkt greifbar. Für mich bis heute nicht, aber Gott sei Dank habe ich noch nie ein Hochwasser miterlebt.

Gabriele Pagels

Im Winter Schneeballschlacht mit dem Bruder, und Vater musste uns mit dem Schlitten von unserem Häuschen bis dorthin ziehen. © Name, Nachname

Im Winter Schneeballschlacht mit dem Bruder, und Vater musste uns mit dem Schlitten von unserem Häuschen bis dorthin ziehen. © Gabriele Pagels

Auch du kennst eine Geschichte zum Rhein, die besonders lustig ist oder vielleicht besonders traurig? Eine, die unbedingt erzählt werden sollte? Oder du hast tolle Aufnahmen vom Rhein? Sende sie uns!

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WAND VOR WAND – Parcours des Schreckens?

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Wand vor Wand ist der Titel einer irritierenden Ausstellung in der Bundeskunsthalle, wobei das Wort Ausstellung wohl besser durch den Begriff Parcours  zu ersetzen wäre, also ein mit Hindernissen unterschiedlichster Art durchsetzter Weg.

Als ich diesen Parcours mit Raumkonstruktionen von Gregor Schneider erstmals absolvierte, hat er bei mir ein Wechselbad der Gefühle ausgelöst, körperlich wie psychisch. Denn als Person begebe ich mich in reale dreidimensionale Räume, die bei aller Künstlichkeit sofort durch ein persönliches Raumerleben besetzt werden. Und schon der erste begehbare Raum hat es in sich: Ein schmaler Gang, steril, neonhell erleuchtet, mit schallgedämmter Decke und beidseitig roten Schiebetüren – allesamt geschlossen. Irgendwie gespenstisch vertraut. Guantánamo? Erster Impuls: Schnell weiter.

Gregor Schneider, Passageway No. 1, Deurle, 2006 © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Gregor Schneider, Passageway No. 1, Deurle, 2006 © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Doch es wird nicht besser. Erst durcheile ich einen grell ausgeleuchteten, mit Blech verkleideten Raum, dessen unangenehm feucht-warme Atmospäre mich vertreibt, dann ein zugig-kaltes Minikühlhaus inklusive Plastikstreifenvorhang. Zweiter Impuls: Schnell weiter.

Doch was wäre, wenn ich diesem Impuls widerstünde? Wenn ich mir die nötige Zeit nähme, um dem eigenen Unbehagen auf den Grund zu gehen? Aber schon fällt hinter mir die Tür ins Schloss. Aprupt umfängt mich eine Finsternis, die geradezu zum Innehalten zwingt, will ich nicht irgendwo gegenrennen.

Während sich die Augen noch an die Dunkelheit gewöhnen, wirken die zurückliegenden Raumeindrücke nach. Was macht die durcheilten Räume eigentlich so bedrohlich? Wodurch entstehen die vielfältigen Irritationen? Wie erlebe ich Orientierungsverlust, der ja immer auch ein Kontrollverlust ist?

Und schon taucht die nächste Frage vor mir aus der Dunkelheit auf. Ich blicke in einen spärlich beleuchteten Raum, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Dann das Wiedererkennen: Es ist ein von Gregor Schneider nachgebauter Raum aus Mies van der Rohes Villa Haus Lange in Krefeld.

Ich erinnere mich an den Aufruhr, den der Künstler 2008 auslöste, als er in diesem Raum – stimmig in den Proportionen und schön gestaltet – einen Menschen sterben lassen wollte. Seine Frage lautete: „Warum können wir den Tod nicht aus der Tabuzone herausreißen und wie eine Geburt feiern und ein Kunstwerk schaffen, in dem Sterbende bis zum Tod begleitet werden?“

Gregor Schneider, Sterberaum, 2011 © Gregor Schneider / Ausstellungsansicht, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Gregor Schneider, Sterberaum, 2011 © Gregor Schneider / Ausstellungsansicht, Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Das war für viele too much. Für seinen Sterberaum bekam Gregor Schneider sogar Todesdrohungen. Apropos Tod: Ich sehe mich hier also einer weiteren  Grenzüberschreitung ausgesetzt. Präzise gesagt: Der letzten, nämlich der zwischen Leben und Tod.

Natürlich kann ich abermals weitereilen. Ich könnte dann vielleicht zwei Räume weiter am Cryo-Tank Phoenix verweilen. Dort wird der Nachbau eines Edelstahltanks aus dem Jahr 2006 gezeigt, in dem ein Mensch sich einfrieren lassen kann, um bei entsprechendem Fortschritt der Wissenschaft wieder zum Leben erweckt zu werden. Grenzüberschreitung oder Hybris?

Ich entscheide mich anders. Ich werde mich den kommenden Raumerlebnissen beobachtend nähern, werde Assoziationen kritisch zulassen, mich vielleicht sogar im vertrauten (Freundes-)Kreis im Verlauf der Ausstellung austauschen. Dazu werde ich natürlich wiederkommen, werde versuchen, den Parcours des Schreckens, wie er im Bonner Generalanzeiger bezeichnet wurde, zum Parcours der (Selbst-)Erkenntnis umzudeuten.

Vielleicht sieht man sich in der Ausstellung und/oder zu einer Führung? Bis später also!

Olaf Mextorf
der-entschleunigte-blick.de

GREGOR SCHNEIDER. WAND VOR WAND
bis 19. Februar 2017

Olaf Mextorf

Olaf Mextorf (Kunsthistoriker M.A.) wurde 1961 in Kiel geboren. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Pädagogik und Klassischen Archäologie in Kiel, Siena und Köln ist er inzwischen als Kunstvermittler tätig (u.a. in der Bundeskunsthalle Bonn und dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck), arbeit zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter und freier Autor.
Seit 2002 leitet Mextorf das Projekt Der entschleunigte Blick, ab 2009 gemeinsam mit Dr. Nicole Birnfeld.

Olaf Mextorf

Olaf Mextorf