„ALLES IST DESIGN“

Alles ist Design

Alles ist ein großes Wort. Alles: Da gibt es keine Ausnahmen, keine Grauzonen, keine Übergänge. Nur entweder oder. Alles oder nichts.

Alles ist Design, kündigt die Ausstellung in ihrem Untertitel an. Ich bin nicht ganz sicher, ob es sich dabei um ein Versprechen oder um eine Drohung handelt.

Zumindest wirft die Aussage Fragen auf. Das bietet Anlass zum Austausch von Standpunkten und Ansichten, und so entspricht sie auch ein wenig den Erwartungen, die an die Formulierung eines griffigen Ausstellungstitels gerichtet werden. Ein wenig Reklame mag mitschwingen, das ist legitim. Deshalb ist es auch verzeihlich, dass es sich ganz offenkundig um eine Falschaussage handelt, wenn wir sie wörtlich nehmen. Denn welcher vernünftige Mensch käme auf den Gedanken, Reklame beim Wort zu nehmen?

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Zwei Aspekte sind bei dieser Formel »Alles ist Design« im Zusammenhang mit dem Bauhaus bemerkenswert.

Zum einen drückt »Alles ist Design« eine Tendenz aus, die vielen Zeitgenossen nicht ganz geheuer ist. Dieses Unwohlsein speist sich aus der unscharfen, atmosphärischen Wahrnehmung der Gegenwart: Beim Blick ins Warenhaus, auf die Straße und in den Bildschirm erscheint irgendwie alles und jeder »designt« (ein scheußliches Wort). Damit ist gemeint: Effekthascherisch aufgeblasen, stromlinienförmig abgeschliffen, vom Tatsächlichen ablenkend, wegen der Inszenierung überteuert, für den Moment der Kaufentscheidung manipulierend, substantiell minderwertig und deswegen tendenziell betrügerisch – und zugleich auf eine magische, unheimliche Art anziehend, betörend, überraschend, einfallsreich. Mit »Design« wird landläufig ein Zustand zwischen Gag und Genie assoziiert. Kein Wunder, denn die Selbstdarstellung vieler Designerinnen und Designer beförderte dieses Zerrbild, vor allem in den 1980er und 1990er Jahren. Die erneute Rezeption des Bauhauses setzte in dieser Zeit ein, übertüncht und verkitscht durch das Marketinggeschrei vom sogenannten »Modernen Klassiker« und »Bauhausstil«.

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Zugleich entspricht aber die Behauptung, dass heute doch irgendwie alles Design sei, weitgehend der Wirklichkeit. Allerdings unter der Voraussetzung, dass mit Design gerade nicht das Klischee benannt wird, sondern eine sachliche Feststellung: Design als Praxis spezialisierter Gestalter in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. So verstanden, handelt es sich bei Design um ein Phänomen, das vor rund 170 Jahren in Erscheinung getreten ist. Doch erst seit den 1960er Jahren wird Design als Begriff für Gestaltungstätigkeit im industriellen Kontext so attraktiv, dass Designer Schritt für Schritt für jegliche Gerätschaft und Botschaft zuständig werden. Max Bills Parole »Vom Löffel bis zur Stadt« fokussiert noch auf die handgreifliche Oberfläche, aber der gestalterische Anspruch erstreckte sich schon damals auch auf die zugrunde liegenden Prozesse sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei ist es bis heute geblieben. Design wird von den Designerinnen und Designern meist nicht als schrille Aufhübschung zum Mittel der Verkaufssteigerung missverstanden, sondern als verbindende und übergreifende Querschnittstätigkeit.

Aktuell treten allerdings auch wieder Tendenzen in den Vordergrund, die dem dem Handwerklichen einen höheren Anteil an Authentizität zusprechen – vermutlich ein Ergebnis langfristig wirksamer Reaktionszyklen. Denn die Übergänge zwischen den Sphären der Kunst, des Handwerks und des Designs unterliegen stets der Einzelfallbetrachtung. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Grenzen nicht trennscharf gezogen werden können.

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Zum anderen macht die Aussage »Alles ist Design« auf die Absicht aufmerksam, die dem Bauhaus zugrunde lag (wobei »das« Bauhaus eine unzulässige Verallgemeinerung ist, die Differenzen zwischen Weimar, Dessau und Berlin einerseits sowie zwischen tragenden Personen andererseits sind gewaltig).

Alles ist Design: Das ist die anachronistische Ausdrucksweise des Versprechens, welches viele einflussreiche Bauhaus-Protagonisten teilten. Der Anachronismus liegt im Begriff, denn das, was sie beabsichtigten, wurde damals noch nicht als Design bezeichnet. Das Versprechen liegt in der Bedeutung, die mit dem Begriff »Gestaltung« transportiert wurde: Ein ganzheitlicher Anspruch, der alle Aspekte einer Aufgabe erfasst, also gerade nicht nur die formal-ästhetischen, sondern insbesondere die fertigungstechnischen und materialkundlichen, aber auch die kaufmännischen sowie die sozialen und politischen Aspekte.

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Die Künstler, Architekten und Handwerker, die am Bauhaus nach neuen Ausdrucksformen für ihr modernes Lebensgefühl suchten, führte die gemeinsame Ahnung zusammen, dass alles im menschlichen Leben neu gedacht und neu gemacht werden müsse. Dass es ihre Aufgabe sei, ganz in ihrer neuen, technisch und wissenschaftlich geprägten Gegenwart präsent zu sein, weil die traditionellen Rückgriffe in die Vergangenheit keine Lösungen für die Bewältigung der Zukunft bieten. Für dieses Neue bürgerte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg der Begriff »Design« ein.

98 Jahre nach der Gründung des Bauhauses Weimar können wir nüchtern feststellen: Nicht alles ist Design. Und Design ist nicht alles. Alles ist ein großes Wort. Alles: Da gibt es keine Ausnahmen, keine Grauzonen, keine Übergänge. Nur entweder oder. Alles oder nichts.

DAS BAUHAUS – ALLES IST DESIGN
1. April bis 14. August 2016, Bundeskunsthalle