Mein Rhein – Das Ungeheuer vom Deutschen Eck

Dort, wo die Mosel in den Rhein fließt, in Koblenz, gegenüber dem Deutschen Eck, in dem Stadtteil, der immer dann im Fernsehen erscheint, wenn der Rhein sein Flussbett leid ist und über die Ufer steigt, in die Straßen von Neuendorf und auch in die Häuser dringt: da leben meine Familie und ich so lange ich denken kann und länger.

Am Rhein und mit dem Rhein gab es reichlich Erlebnisse. Nicht nur, weil er uns vieles gebracht hat, wie beispielsweise nasse Füße, wenn wir am Ufer spielten und die Wellen der großen Schiffe schneller waren als unsere Aufmerksamkeit. Am Rhein sind wir groß geworden, mein Bruder und ich, wie meine Eltern und Großeltern, die hier alt geworden und gestorben sind. Ein Familienleben am Rhein. Hier hat meine Familie Geschichte geschrieben, erlebt, und wir erzählen gerne davon.

Eine im wahrsten Sinne ungeheure Geschichte ereignete sich, als mein Vater Karl, inzwischen schon Opa, mit seiner Enkeltochter Sandra und der Angelausrüstung im Frühjahr 1975 an den Rhein ging. Sie spazierten in die „Krippen“, flussabwärts Richtung Hafen. Dort gleicht die Rheinlandschaft noch heute einer Insellandschaft: Weißer Sand wie an den Stränden in Holland, Italien und Spanien. Landzungen laden Angler ein, ihre Rute auszuwerfen und in der Sonne das leichte Treiben der Wellen und der Schiffe zu genießen. Walnussbäume geben Schatten, Wiesen bieten Schafen frische Nahrung, und ein kleines Wäldchen aus Sträuchern und Hecken mit unzähligen Hasen grenzt die „Krippen“ ab vom Treiben am naheliegenden Hafen. Gerne geht man hier spazieren, in der Ruhe einer Landschaft, die einen auch in die Ferne schweifen lässt.

Opa und Enkelin erreichten die „Krippen“ nach einer halben Stunde Fußweg. Zeit, sich auf den Steinen der Landzungen niederzulassen und den Angelhaken mit Ködern zu bestücken. Mit ein paar Rotaugen wollten sie nach Hause kommen. Schon waren die Maden am Haken und Karl bereit, die Rute auszuwerfen, da sah er am Ende der Landzunge eine Bewegung: zwei graue Steine schienen sich von den anderen Steinen fortzubewegen und peilten das Ufer an. Karl kniff die Augen zusammen, die Sonne trübte den Blick. Immer näher kamen die grauen Wülste, und sie wurden mit einem Mal größer. Wie ein Blitz durchfuhr den Angler der Schreck. Karl riss Mund und Augen auf, er ließ die Angel fallen, griff nach Sandra, die neben ihm hockte und Sand durch die Finger rieseln lies. Die Dreijährige wusste nicht wie ihr geschah und schrie empört auf, was dem Opa einfiele, sie so unsanft aus ihrem Spiel zu reißen. Während sie gegen Opa ankämpfte, der sie hochriss und schützend an sich drückte, mit langen Schritten über die Steine kletterte, um von der Landzunge wegzukommen, vernahm sie ein fremdes, lautes Schnauben. Über Opas Schulter hinweg sah das kleine Mädchen dann den Grund für den überstürzten Aufbruch – ein Ungeheuer! „Oooohhhpa“, schrie Sandra, „da, was ist das?“ Karl lief, drückte das Enkelkind fest an sich, bis er endlich durch den Sand und das Gras den Leinpfad erreichte. Jetzt würde es schneller gehen, noch mal ein Blick zurück, ja, tatsächlich, es war ein Nilpferd, das am Ufer schwamm und nun an Land watete.

Nichts wie weg, fuhr es Karl durch den Kopf. Er rannte so schnell er konnte. Doch schon nach wenigen Metern wurden die Flüchtenden abrupt aufgehalten. Ein junger Mann stand breitbeinig auf dem Weg, in der rechten Hand ein Stab, die linke hielt ein Seil. Karl wollte einen Warnruf abgeben, doch der Mann kam ihm zuvor: „Keine Angst!“, rief er mit einem freundlichen Lachen. „Das ist Nils, das Nilpferd, die Hauptattraktion unseres Wanderzirkus.“ Karl verlangsamte seinen Laufschritt und fand seinen Atem wieder als er vor dem grinsenden Mann stehenblieb. „Es tut mir leid, dass Sie sich erschreckt haben. Ich gehe morgens immer mit Nils, dem Nilpferd, zum Rhein. Hier fühlt sich der alte Racker wohl, wenn er im Wasser ein Bad nehmen kann“, sagte der Mann, der seinen Strohhut jetzt in den Nacken schob. Karl sah den Zirkusmann irritiert an und spürte wie ihm ein riesiger Stein vom Herzen fiel. Auch die kleine Sandra löste sich aus Opas schützenden Armen und fand den Boden unter ihren Füßen wieder. Dann sah sie noch einmal zum Rhein, wo Nils bis zum Bauch im Wasser stand und sein Maul gähnend weit aufriss. Oder hatte er Lust auf ein Frühstück? Das „Ungeheuer“ gehörte jedenfalls zur friedlichen, zivilisierten Spezies der heimischen Zirkustiere und schrieb von diesem Tag an Rhein-Geschichte in unserer Familie.

Hanne Friede

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