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Interkulturelle Führungen

Projektbeschreibung zum Angebot:
Interkulturelle Führungen für Schulklassen


Museen als Lernorte für Diversity –
Interkulturelle Kunstvermittlung für jugendliche MigrantInnen


Etwa 40 Prozent aller Jugendlichen in NRW haben einen so genannten Migrationshintergrund, das bedeutet, sie, ihre Eltern oder ihre Großeltern sind nicht in Deutschland geboren. Entsprechend ist der Schulalltag: Die Klassen sind bunt, viele Schüler wachsen mehrsprachig auf und gehören unterschiedlichen Religionen an. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen sich dieser Realität öffnen und ein besonderes Angebot für die MigrantInnen – vor allem aber für jugendliche MigrantInnen – anbieten: interkulturelle Führungen durch Ausstellungen.

Kunst- und Kultureinrichtungen wird bei dem interkulturellen Dialog ohnehin eine besondere Rolle zugesprochen: Im Kunstzusammenhang können Jugendliche auf eine sinnliche Art und Weise erfahren, dass es viele Perspektiven und Wege gibt, sich mit – auch heiklen – Themen selbstbewusst auseinander zu setzen und andere Positionen zu respektieren.

Der Begriff Jugendlicher mit Migrationshintergrund umfasst viele Gruppen: die in Deutschland geborenen Enkel der ‚Gastarbeiter’ ebenso wie Russland-Deutsche oder junge Flüchtlinge, die selbst noch Krieg und Gewalt miterlebt haben. Zu ihrer Lebenswelt gehören Themen wie Rassismus, Identität, Religion, Geschlechtertrennung, Heimat und viele mehr. Daneben beschäftigen sie selbstverständlich auch Themen, die jeden Jugendlichen zwischen 12 und 16 umtreiben: Eltern, Lehrer, Schule, Liebe, Clique, Kleidung, Musik etc. Die besondere Art der interkulturellen Kunstvermittlung berücksichtigt ganz selbstverständlich die Aspekte der Migration, Globalisierung, des Kulturvergleichs und des gelebten Alltags in Deutschland. Wie können Jugendliche – mit und ohne Migrationshintergrund – ihre Themen in der Ausstellung wieder finden? Wo sind die Unterschiede in der Wahrnehmung – und fast noch wichtiger – wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Die Maßnahmen werden in Gruppen durchgeführt. Von der Einführung in die interkulturelle Kompetenz und Diversity soll die gesamte Gruppe (etwa die Schulklasse) profitieren, es ist keine Veranstaltung für einzelne, womöglich sogar ethnische Gruppen. Die konkrete Erfahrung lässt sich nur in der konkreten Auseinandersetzung mit dem ‚vermeintlich Anderen’ machen.

Die Arbeitsweise des Projekts begreift jugendliche MigrantInnen ausdrücklich nicht als eine defizitäre Gruppe, der etwa westliche Kultur nahe gebracht werden soll. Die Begegnung mit ihnen findet auf Augenhöhe statt. Ausgewählte Ausstellungen der kooperierenden Kunst- und Kulturinstitutionen dienen unter anderem als Katalysator für den interkulturellen Dialog. Gerade auch Überzeichnungen, Tabubrüche, Provokationen (und das Spiel damit) moderner Kunstausstellungen und Kulturangebote sind für den interkulturellen Dialog nicht hinderlich. Sie spielen in der Lebenswelt von MigrantInnen ebenfalls eine Rolle.

Am Phänomen Nacktheit beispielsweise können Themen von Verschleierung in islamischen Ländern bis hin zu dem Gefühl der Schutzlosigkeit oder des Körperwahns im Westen besprochen werden. In einer Ausstellung kann die Frage gestellt werden: Wie drücke ich mich durch meine Kleidung aus, was will ich über mich erzählen? Was will ich mit meinem Kopftuch über mich erzählen? Wie viele Arten gibt es, das Kopftuch zu tragen? Warum habe ich ein Tattoo und welche Arten von Körperbemalung gibt es noch (z.B. Henna-Tattoos)? In einer Designausstellung kann über Unterschiede in der Alltagskultur gesprochen werden: Was erzählen Gegenstände über unser Leben, unsere Herkunft? In welchem Haushalt gibt es Mokkatassen, wo Espressotassen? Welche Alltagsrituale haben die Jugendlichen und woher rühren diese Rituale?

Ganz nebenbei können sich Jugendliche mit Migrationshintergrund mitunter als ‚Experten’ erleben, wenn es etwa dazu kommt, über die Regeln der Verschleierung zu erzählen, über Feste, Rituale oder Kleidung.

Nach dem derzeitigem Stand der Diskussion und Forschung hat interkulturelle Kompetenz mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion zu tun: Wer bin ich, in welcher Situation verhalte ich mich eher ‚deutsch’, wann eher ‚türkisch’, ‚arabisch’, ‚muslimisch’? Fühle ich mich in dieser Gesellschaft akzeptiert oder gibt mir eher die Religion dieses Gefühl? Wie sind meine Chancen in Deutschland? Diese Annahme ist die Grundlage für die Arbeit der Projektmacher: Auf der Grundlage der Selbstreflexion können Selbstbewusstsein und Toleranz, das heißt individuelle kulturelle Identitäten entstehen.

Die Projektmacher erstellen Audio-Podcasts zu den jeweiligen Ausstellungen, die die interkulturelle Kunstvermittlung thematisieren und präsentieren. Es geht nicht nur um die Vermittlung von Kunst- und Kulturwissen, sondern um Fragen und Antworten, die Lebenswirklichkeit der Teilnehmenden.

Die interkulturellen Aspekte der Ausstellung werden ausdrücklich in Wort und Ton in die Audiobeiträge integriert. Diese Audiobeiträge haben eine Dauer zwischen 4 und 10 Minuten und sind sowohl über die Websites der Kunst- und Ausstellungshalle als auch über die Website von artradio zu hören. Eine Verbreitung im Internet gewährleistet die Wahrnehmung gerade innerhalb der medienaffinen jugendlichen Communitys. Neueste Zahlen des Statistischen Bundesamtes bescheinigen für diese Altersgruppe ca. 40 Prozent Radionutzung über das Internet und stark wachsende, ‚zeitsouveräne’ Podcastnutzung. Aber auch Lehrer und Lehrerinnen, wichtige AnsprechpartnerInnen, werden über aktuelle Ausstellungen und interkulturelle Arbeit der Institutionen informiert und können Kulturinstitutionen/Museen als interkulturelle Lernorte für sich nutzen.


© Idee und Konzept: Sefa Inci Suvak und Justus Herrmann (Stand: Juni 2009)


Weitere Informationen unter:
www.artradio.de Externer Link in neuem Browserfenster
www.migration-audio-archiv.de Externer Link in neuem Browserfenster

Literaturempfehlung:
In Deutschland angekommen… – Einwanderer erzählen ihre Geschichte. 1955 bis heute,
Sefa Inci Suvak/Justus Herrmann (Hg.), Gütersloh, Bertelsmann, 2008





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