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Dieser Text erschien anlässlich des Forum
500 Plätze und kein bißchen Langeweile. Neujahrskonzerte und Elvis Presley-Revival , "Flokati, Mao und Moderne", als Blick zurück auf die Siebziger, Gespräche mit Stefan Heym, Rolf Hochhuth und Ignaz Bubis, Lieder der Bürgerrechtsbewegung Amerikas, Rapunzel und Lohengrin, die Video-Oper "Weather", Tanz und Theater um die "Verzweiflung der Kornblume", Kongresse zum Riechen und Tasten, zum Sinn der Sinne, zu Wasser, Feuer und Virus - natürlich auch zur Sehsucht. Die Rede ist vom Forum, dem ansteigenden Auditorium, umgeben von einer Galerie, von der man auf ein Studio, ein Theater, Kino, eine Tanz- oder Rednerbühne blickt. Und gelegentlich diniert man hier sogar zum Auftakt der großen Ausstellungen - bisweilen sogar "Kanzlertisch" inbegriffen ... . Die knapp 1.000 Quadratmeter
sind relativ unsichtbar vollgestopft mit Regiezentrale, Simultanübersetzungs-
und Kinotonanlage, jeglicher Form von Projektionseinrichtungen. Wo
man hinblickt, bevor es bisweilen dunkel wird, modernste Technik.
Doch dienen soll all dies einem uralten Phänomen: der Kommunikation,
dem Dialog, der Vermittlung im weitesten Sinne. Logischerweise herrscht
auch hier Vielfalt, denn das Forum ist ebenso regelmäßig Ort ausstellungsbegleitender
Aktivitäten, was aber nur einen Teil des heterogenen Forum-Geschehens
darstellt. Ein Ort der Kultur, als Zentrum der Debatte, des Kommentars.
Eigenständige, ausstellungsunabhängige Veranstaltungen aus dem Spektrum
der Kultur und Wissenschaft füllen vor allem den Jahreskalender; Zusätzlich
schafft der Veranstalter mit der Durchführung von Fremdveranstaltungen
auch ein Umfeld für Aktivitäten von außen.
Richtig spannend wurde
und wird es im Forum, wenn internationale Kongresse und Symposien
auf dem Programm stehen. Zwischen 1993 - noch unter der Leitung von
Uta Brandes, gefolgt von Bernd Busch- und 1997 setzte zunächst die
Kongreßreihe "Die Zukunft der Sinne" diskursive Glanzlichter. Künstler
und Wissenschaftler trafen aufeinander, vor Ort inspiriert von neuen
Erkenntnissen der Sinnesphysiologie, von philosophischen und soziologischen
Überlegungen. Reflektierende Beschäftigung mit dem Wesen der Sinne
bekommt geradezu einen physisch greifbaren Charakter von Grundlagenforschung,
dies vor allem im sinnlichen Rahmen der Bundeskunsthalle. Ob es nun
um "Welt auf tönernen Füßen. Die Töne und das Hören" (Mai 1993), um
"Sehsucht. Eräugnis und Ent-Täuschung" (September 1993) und "Das Riechen"
(Juni 1994) oder "Tasten" (Oktober 1995) ging. Manches blieb vermutlich
auch "Geschmackssache", woraus daher ebenso ein Kongreß wurde. Außerhalb
der beiden großen Reihen, zu denen auch "Die Elemente" zählten, darunter
bislang "Wasser"
(Oktober 1998), "Feuer"
(Oktober 2000) und "Erde"
(Oktober 2001), standen die Medienkunst, "Das Böse", "Die Revision
des Gebrauchs" oder etwa "Proust und die Philosophie" - als einzelne
Kongreßveranstaltungen - im Fokus des Bundeskunsthallen-Forums. Ganz
aktuell der Kongreß "Virus"
(Januar 2002), als Phänomen und politisch-medizinische Epochenmetapher
zwischen Geschichte, Computerwelt, Politik und Kunst. Die "Schriftenreihe
Forum" konserviert manche Kongreß-Sternstunde zumindest für eine kleine
Ewigkeit.
![]() Konzert von Robyn Schulkowsky © Peter Oszvald ![]() Effi Briest Iris ter Shiphorst, Helmut Oehring und Ulrike Ottinger (bonn chance!) © Thilo Beu Ganz neue
Dimensionen dessen, was alles im Veranstaltungspanorama des Forums
Platz findet, offenbaren die bislang drei Filmmusikbiennalen (1995, 1997, 1999), denen im Juni 2002 die vierte folgen wird. Die
Veranstaltung bescherte der Kunst- und Ausstellungshalle nicht nur
Festivalflair und Starglamour durch die Verleihung des "Internationalen
Preises für Film- und Medienmusik", sondern es werden hier von den
Fachleuten - Wissenschaftlern, Vordenkern und Branchenprofis - Trends
der Tongestaltung und der Entwicklung des Filmtons diskutiert.
Töne eher klassischen Zuschnitts und doch oftmals ganz anders und selten so wie hier gehört, erklingen im Bereich der Opern-Veranstaltungen "bonn chance!" (ab 1997). Stets in Kooperation mit der Oper Bonn, ging "bonn chance!" zunächst 1993 unter dem Motto "Neues Theater für Musik" an den Start. Als Opernperformance wurde etwa 1995 "An Englishman, an Irishman and a Frenchman" vom Media Arts Trio aus London welturaufgeführt. Als Sopran, Bariton und Tenor verkörperten, bei allem zeitgenössischen Gestus, klassisch griechische Chöre die drei unterschiedlichen Rollen. Das "Neue Theater für Musik" und anschließend auch "bonn chance!" versuchen einen Mangel auszugleichen, der vor 100 Jahren völlig unbekannt war: Mehr als die Hälfte der Opern auf den Spielplänen waren damals nicht älter als zehn Jahre. Was sich heute dramatisch umgekehrt hat - daher nun die im Forum intensive Pflege des neuen experimentellen Musiktheaters. Nicht selten kamen und kommen hier Uraufführungen, wie etwa "Giacometti", "FlügelSchläge", "Mottke der Dieb" oder "DisTanzen" zum Zug, oder sie hießen "Narcissus" , "Vanitas" und "Die Rosen der Einöde" - ein Frühwerk Thomas Bernhards. In vielen Fällen war es sicher nicht nur die "Stimme allein" (Hörtheater, 1999), die ins Forum lockte. Was man sich, angesichts der hier nur angedeuteten Forums-Fülle, vielleicht gar nicht vorstellen kann: Es gibt immer noch Raum für Begleitprogramme zu den Ausstellungen. ![]() Brian Eno "Future Light-Lounge Proposal" im Medienkunstraum © Peter Oszvald ![]() Feuer-Performance "Funkstille. Can Internet burn?" von Kain Karawahn © Peter Oszvald Insgesamt haben
sich mehrere hundert Veranstaltungen - darunter Symposien, Podiumsdiskussionen,
Theater, Film, Musik und Tanz - direkt auf das Ausstellungsprogramm
seit 1992 bezogen. So zum Beispiel 1997 das Symposium zur "Deutschen
Fotografie - Macht eines Mediums 1870-1970", bei dem Klaus Honnef
feststellte: "Die Fotografie erobert die Kunst und verliert ihren
Charakter". Lesungen, in denen es um den Briefwechsel zwischen Katharina
II. und Voltaire ging oder die "Petersburger Episode" Casanovas, bereicherten
auf Forumsebene das Gastspiel der Eremitage. Nicht unbrisant zu ging
es im Umfeld von "Weisheit und Liebe. 1000 Jahre Kunst des tibetischen
Buddhismus", als 1996 über den "Mythos Tibet" debattiert wurde. Ausdrücklich
kontrovers sollte es zugehen, und hinter das Diskussionsforum "Die
Tibeter - ein Volk voller Friedfertigkeit und Toleranz?" wurde ausdrücklich
ein argumentatives Fragezeichen gesetzt. In jedem Fall sollte und
soll indes mit Sicherheit gelten: "Kommt, laßt uns reden, wer redet
ist nicht tot." Diese Zeilen aus einem Gedicht von Gottfried Benn
könnten auch über dem Forum stehen.
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