Synagogen in Deutschland

Eine virtuelle Rekonstruktion

17. Mai bis 1. Oktober 2000

Unter dem Eindruck des Brandanschlags auf die Lübecker Synagoge 1994 hat sich eine Gruppe von Studenten der Technischen Universität Darmstadt zusammengeschlossen, um ein wichtiges Kapitel deutscher (Bau-)Geschichte aufzuarbeiten. Mit Hilfe des CAD-Verfahrens (Computer Aided Design), das in der Lage ist, dreidimensionale Raumeindrücke naturgetreu zu simulieren, rekonstruierten sie einige ausgewählte Synagogen, die der Nazi-Gewalt zum Opfer fielen.
Durch den Rekonstruktionsprozeß sollte aber nicht allein das Interesse an wertvollen Baudenkmälern, an einer verschollenen Architektur, geweckt werden. Die geplante Ausstellung erinnert gleichzeitig an die einstige Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland und dessen dramatische Zerstörung. In diesem Sinne leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung neuer, zeitgemäßer Formen kultureller Gedächtnisarbeit.

Die Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle führt die Rekonstruktionsergebnisse von 14 Synagogen vor, die bis zu ihrer Zerstörung ein integraler Bestandteil der Stadtbilder von Berlin, Darmstadt, Dortmund, Dresden, Frankfurt, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Plauen gewesen sind. Die Präsentation gliedert sich in drei räumliche Einheiten. Im Eingangsbereich wird der Besucher anhand von Gesetzestexten mit der kontinuierlich vollzogenen Entrechtung der Juden in Deutschland der dreißiger Jahre konfrontiert. Die rechtliche Diskriminierung und gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden gipfelte in einem von langer Hand vorbereiteten Angriff auf die markantesten Schauplätze des jüdischen Lebens - auf mehrere Hundert Synagogen und Betstuben im gesamten Reichsgebiet. Das Ausmaß der Zerstörung soll in dem sich anschließenden Raum veranschaulicht werden. Einige Synagogen wurden bereits vor November 1938 abgerissen, ihre Tilgung in feierlichen Staatsakten öffentlich sanktioniert. Von den meisten jüdischen Gotteshäusern blieben nach den Exzessen der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 nur noch Ruinen übrig. Auch diese wurden in den meisten Fällen schon wenige Tage später vollständig - zu Lasten der jeweiligen Gemeinde - abgetragen. Historisches Fotomaterial dokumentiert diese dramatischen Ereignisse.

Den thematischen und räumlichen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die Rekonstruktionen von 14 ausgewählten Synagogen. Im Mittelpunkt stehen aufwendige Simulationsfilme zu den drei Gotteshäusern in Köln (errichtet 1861 von Ernst Zwirner), Hannover (errichtet 1870 von Edwin Oppler) und Plauen (errichtet 1930 von Fritz Landauer); weitere elf Synagogen werden in verschiedenen Stadien der Rekonstruktion und mit unterschiedlichen technischen Mitteln (Video- und Diaprojektionen, Computerausdrucke) präsentiert. Virtuelle Rundgänge an Computerbildschirmen erschließen Fassaden und Innenräume der Gebäude. Veränderbare Blickperspektiven erlauben es, die Raumverhältnisse differenziert wahrzunehmen. Hintergrundinformationen zu der lokalen Geschichte, zur Architektur und Liturgie sowie einige wenige Originalobjekte, die vor der Zerstörung bewahrt werden konnten, ergänzen die virtuellen Darstellungen der Bauwerke. Ein wichtiges Anliegen der Ausstellung ist es, den Rekonstruktionsprozeß selbst zu veranschaulichen. In den Ausstellungsräumen werden zwei Arbeitsplätze für Studenten eingerichtet, die ihre Arbeit an dem Projekt fortsetzen werden. Während der Ausstellungsdauer "wächst" vor den Augen der Besucher die virtuelle Rekonstruktion der zerstörten Synagoge in Dortmund-Hiltropwall (errichtet 1900 von Eduard von Fürstenau) - historisches Quellenmaterial (Baupläne, Fotos und Zeichnungen) ermöglicht einen Einblick in die Werkstattpraxis dieses als "work in progress" angelegten Projektes.

Da die Ausstellung für die Erfahrung von Einzelbesuchern konzipiert ist, werden keine Führungen angeboten. Die Projektmitarbeiter der CAD-Synagogen-Rekonstruktion stehen den Besuchern als Ansprechpartner für Fragen zur Verfügung. Zur Ausstellung erscheint ein ca. 80 Seiten starkes Katalogbuch mit einer ausführlichen Projektbeschreibung sowie mit Text- und Bildmaterial zu den rekonstruierten Synagogen. Eine Filmdokumentation, die in 3sat ausgestrahlt und in den Ausstellungsräumen gezeigt wird, faßt die Ergebnisse des Projektes zusammen und vertieft einige Aspekte der virtuellen Rekonstruktion.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen der Technischen Universität Darmstadt, Fachgebiet CAD in der Architektur, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn.

Katalog

Synagogen in Deutschland.
Eine virtuelle Rekonstruktion
Bonn 2000
Umfang: 80 Seiten mit ca. 70 Abbildungen, davon ca. 45 in Farbe
Format: 170 x 240 mm
DM 10,--

Katalogcover: Synagogen in Deutschland
Quellennachweise anzeigen
Abbildungen

    Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

    Museumsmeile Bonn
    Friedrich-Ebert-Allee 4
    53113 Bonn
    T +49 228 9171–200

    Öffnungszeiten

    Montags geschlossen
    Dienstag und Mittwoch, 10 bis 21 Uhr
    Donnerstag bis Sonntag, 10 bis 19 Uhr
    (und an allen Feiertagen, auch denen,
    die auf einen Montag fallen)

    Gefördert durch