Programm 2026
Sex Work
Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit
2. April bis 25. Oktober 2026
Die Geschichte der Sexarbeit lässt sich von weit vor der Antike bis in die Gegenwart verfolgen. Welches Menschenbild die Zeit prägte, welche Werte galten und wer Macht ausübte, lässt sich auch daran ablesen, wie gesellschaftlich mit Sexarbeit umgegangen wurde. Sexarbeit bedeutete in manchen Zeiten für Frauen eine von wenigen Möglichkeiten, selbständig Einkommen zu generieren. In der bildenden Kunst spielten Hetären, Dirnen, Kurtisanen und Nackttänzerinnen lange Zeit vorrangig eine motivische Rolle, wurden allenfalls als Musen wahrgenommen. Dass sie auch eine schöpferische, künstlerische Rolle einnehmen, ist eine Perspektive, die hier sichtbar gemacht wird. Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen wird in der Bundeskunsthalle Kunst, Kulturgeschichte und Archivmaterial präsentiert, orientiert an einem zentralen Prinzip: Nichts über uns ohne uns!
Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit ist eine Weiterentwicklung der Ausstellung With Legs Wide Open – Ein Hurenritt durch die Geschichte, Schwules Museum Berlin, 2024
Interactions 2026
1. Mai bis 1. November 2026
Mit den Interactions 2026 werden wieder ausgewählte Kunstwerke und Performances angeboten, die im Außenraum der Bundeskunsthalle zum interaktiven Spiel einladen. Alle Werke bzw. Projekte beinhalten eine eigene Erzählung oder Vision, die es neben der Interaktion zu entdecken gilt. Sie machen deutlich, dass Offenheit sowohl dem individuellen als auch dem gemeinsamen Erleben dient und ein Miteinander, Toleranz und Sensibilität fördert.
NIE WIEDER!
Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen
10. Oktober 2026 bis 2. Mai 2027
In den kommenden Jahren wird es kaum noch Überlebende des Holocaust und andere Opfer des NS-Regimes geben, die über ihre Erlebnisse berichten könnten. Wie sichern wir die Beweise an den Tatorten und schützen die authentischen Zeugnisse im digitalen Zeitalter? Diese Ausstellung stellt zentrale Fragen zu Gedenkarbeit und Erinnerungskultur und möchte die Arbeit der Gedenkstätten unterstützen, die noch heute Orte der Trauer, Bildung und Vermittlung sind.
Die Ausstellung beleuchtet die sich wandelnden Methoden der Gedenkarbeit. Die Disziplin der Kunst mit ihren vielfältigen Möglichkeiten steht hierbei im Mittelpunkt. Eine Vielzahl von Künstler*innen haben sich der Würdigung der Opfer und der historischen Spurensuche angenommen. Zudem zeigen mediale Werke und historische Zeugnisse, wie gegen das Vergessen gekämpft werden kann. Zum Schutz unserer Freiheit und Demokratie ist die Gedenkarbeit unverzichtbar.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Eva Umlauf, Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, und Staatsminister Wolfram Weimer, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Mit freundlicher Unterstützung
Vanguardistas
100 Jahre Lateinamerikanische Künstlerinnen
4. Dezember 2026 bis 29. März 2027
In den Jahresendspurt geht die Bundeskunsthalle mit einer großen Überblicksschau, die erstmals in Europa zentrale Werke von 76 Künstlerinnen aus Lateinamerika von Argentinien bis Mexiko vereint. Hochkarätige internationale Leihgaben aus bedeutenden (Privat-)Sammlungen und Museen machen diese Ausstellung zu einem herausragenden internationalen Kulturereignis.
Vanguardistas. 100 Jahre Lateinamerikanische Künstlerinnen spannt einen weiten Bogen über mehr als ein Jahrhundert und vereint berühmte Künstlerinnen mit solchen, die gerade wiederentdeckt werden; einige der Werke werden zum ersten Mal in Europa gezeigt. Zu sehen sind bedeutende Arbeiten von u. a. Olga de Amaral, Tarsila do Amaral, Claudia Andujar, Belkis Ayón, Firelei Báez, Tania Bruguera, Teresa Burga, Seba Calfuqueo, Graciela Carnevale, Leonora Carrington, Carolina Caycedo, Lygia Clark, Carmézia Emiliano, Carmen Herrera, Frida Kahlo, Maria Martins, Ana Mendieta, Marta Minujín, Djanira da Motta e Silva, Lygia Pape, Rosana Paulino, La Chola Poblete, Emma Reyes, Mira Schendel, Grete Stern und Cecilia Vicuña.
Die Ausstellung eröffnet in ihrer großen, auch medialen, Vielseitigkeit neue Perspektiven auf die Kunstgeschichte Lateinamerikas, bietet vielleicht überraschende Dialoge und geht den eigenständigen Ausdrucksformen in ihrer Bedeutung für kulturelle Identitäten nach. Im Ausstellungsparcours wird über die Generationen hinweg deutlich, welche zentrale Rolle weibliche Protagonistinnen für gesellschaftlichen Wandel spielen und in der Gegenwart mit ihren drängenden Fragen unvermindert wichtige Impulse für tiefgreifende Veränderungen geben.
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle, des Kunstmuseum Basel, dem EMMA – Espoo Museum of Modern Art und dem BOZAR Centre for Fine Arts, Brüssel
Kuratorin: Heike van den Valentyn. Gesamtkoordinatorin: Cristina Sommer
Programm 2027
Beauty is Power
Helena Rubinstein – Pionierin der modernen Kosmetik
26. Februar bis 29. August 2027
Beauty is Power, so lautete einer der ersten Werbeslogans von Helena Rubinstein (vermutlich 1872–1965), der Pionierin des weiblichen Unternehmertums und der modernen Schönheitsindustrie. Sie gründete nicht nur den ersten börsennotierten globalen Kosmetikkonzern, sondern war auch eine der ersten Selfmade-Millionärinnen der Neuzeit.
Die in Krakau geborene Rubinstein ging als junge Frau zuerst nach Wien und kurze Zeit später nach Australien, wo sie 1902 in Melbourne ihren ersten Schönheitssalon eröffnete und so den Grundstein für das spätere Kosmetikimperium legte. Sie setzte sich in einer von Männern dominierten Geschäftswelt durch und schuf einen komplett innovativen Markt, der sich international etablierte. Bei ihrem Tod umfasste das Unternehmen 100 Niederlassungen in 14 Ländern mit etwa 30.000 Beschäftigten.
Aber Rubinstein war viel mehr als nur Unternehmerin und Millionärin. Sie war eine Verfechterin der Selbstbestimmung der Frau und ihres Strebens nach Selbsterkenntnis und -verwirklichung. In einer Zeit, als Schönheitspflege kein Thema war, setzte sie sich mit ihrer Idee durch, dass jede Frau ihre individuelle Schönheit entdecken könne und daraus das Beste machen solle. Madame (wie sie genannt wurde) führte nicht nur innovative Produkte und Behandlungen ein, sondern war auch die Erste, die Frauen das moderne Ideal der Selbstgestaltung nahebrachte.
Helena Rubinstein interessierte sich sowohl für die neuesten Forschungen im Bereich Haut und Gesichtschirurgie als auch für Produktionsprozesse und Marketingstrategien der Kosmetikindustrie. Dabei war sie eine Meisterin der Selbstvermarktung und das häufigste Modell ihrer Werbekampagnen. Zeit ihres Lebens reiste sie viel, verkehrte mit kreativen Eliten, sammelte Kunst und beauftragte aufstrebende Künstler*innen und Designer*innen mit der Einrichtung ihrer Salons und Wohnungen. Dabei hielt sie sich selten an konventionellen Geschmack und machte keine Unterschiede zwischen verschiedenen historischen Stilen oder westlicher und nicht-westlicher Kunst. Mit ihrem Gespür für neue Trends, ihrer unkonventionellen, exzentrischen und manchmal auch provokanten Art wäre Helena Rubinstein heute ein großer Social Media Star.
Zum ersten Mal in Deutschland widmet sich eine Ausstellung dieser Weltbürgerin und Unternehmerin, die Konventionen aufbrach und das Engagement für die Selbst-bestimmung von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rückte. Die Ausstellung präsentiert Helena Rubinstein als komplexe Persönlichkeit, strenge und effiziente Unternehmerin, leidenschaftliche Sammlerin von Kunst, Mode und Juwelen, und als Wegbereiterin für weitere Akteur*innen in der Kosmetikindustrie.
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle in Kooperation mit dem Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN, Warschau
Kuratorin: Katharina Chrubasik
Trendbüro. Das Modeinstitut der DDR
25. März bis 5. September 2027
Mit einer Ausstellung zum Nachlass „Modeinstitut der DDR“, der sich im Berlin Museum befindet, widmet sich die Bundeskunsthalle einer einflussreichen Entwurfsstätte sozialistischer Kulturproduktion. Mit über 100 Kleidern und Bekleidung aller Art sowie zahlreichen Skizzen, Entwürfen, Fotos, Filmen und Dokumenten wird erstmals dieses umfangreiche Sammlungskonvolut präsentiert. Es eröffnet sich damit ein facettenreicher Einblick in das staatlich organisierte „Trendbüro“, welches eine ganz eigenständige Kulturgeschichte der ehemaligen DDR erzählt.
Nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren markierte die Gründung des VEB Fortschritt 1949 die Stunde Null der DDR-Mode. Drei Jahre später entstand das „Institut für Bekleidungskultur“, das 1957 in „Deutsches Modeinstitut“ und 1972 in „Das Modeinstitut der DDR“ umbenannt und dem Ministerium für Leichtindustrie unterstellt worden ist. Auftrag war es, Geschmack und Fortschritt der neuen sozialistischen Gesellschaft entscheidend mitzuprägen.
Das Modeinstitut brachte zweimal jährlich Kollektionen sowie Zeitschriften heraus, war zuständig dafür, modische Richtlinien für die Industrie zu entwerfen und beschäftigte überaus viele Mitarbeiter*innen in zahlreichen Abteilungen. Auffallend hoch war der Frauenanteil, besonders im Designteam, das sich als Gestalterkollektiv verstand. Die Kollektionen orientierten sich an internationalen Strömungen, westliche Modetrends wurden jedoch auf „eigene“, sozialistische Themen übertragen. Hinzu kamen viele Sonderaufträge, wie etwa für Lotte Ulbricht. Läden der VHB Exquisit, elegant gestaltete Boutiquen in den Innenstädten, ergänzten ab 1962 dieses Konzept.
Das Modeinstitut prägte maßgeblich das Bild und die Vielfalt der Frauenrolle. Für eine progressive, werktätige und im Haushalt dennoch aktive Frau sollte die Bekleidung elegant, aber nicht elitär, praktisch und haltbar sein – so die ursprüngliche Devise. Früh lockerten sich in der DDR die Auflagen für Frauenhosen. Arbeitskleidung nahm androgyne Formen an, die Raum für individuelle Rollenentwicklung und Empowerment boten. Dazu trugen auch Publikationen wie „Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur“ bei, die mit ihrer hohen Auflage schnell zur „Vogue des Ostens“ avancierte. Sie sollte zur Formierung einer sozialistischen deutschen Nationalkultur beitragen, konnte aber relativ unabhängig vom Regime arbeiten. Die Features waren geprägt von Diversität, der Präsenz ostdeutscher Kulissen – die heute wie futuristisch-dystopische Filmsets anmuten – sowie intellektueller Frauen, Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen. Namhafte Fotograf*innen aus dem kreativen Zirkeln der Zeit sind in der Ausstellung vertreten, die eigenständige Handschriften entwickelten und ein heterogenes Bild der Alltagsrealität zeichneten.
Die DDR-Mode der 1970er und 1980er Jahre orientierte sich an internationalen Trends: Auffällige Farbkombinationen, geometrische und florale Muster, sowie synthetische Materialien und Mischgewebe prägten das Bild. Diese kamen der Textilindustrie entgegen, die unter chronischem Mangel an hochwertigen Stoffen litt. Zugleich war ein Großteil der Produktion für den devisenträchtigen Export bestimmt. Um die Engpässe zu bewältigen, setzte man auf Textilinnovationen aus der Petrochemie wie Dederon sowie neue technische Web-, Wirk-, und Nähverfahren wie bei Malimo oder Malipol.
Unter Druck der Bevölkerung rückte auch Kinder- und Jugendmode in den Fokus der Funktionäre. Der Wunsch nach einer „echten Jeans“ erfasste nicht nur die Jugend, sondern die gesamte DDR. Den aufkommenden Subkulturen der 1980er – Punks, Skins und der Breakdance-Szene – begegnete man im Modeinstitut mit Disco- und Sportswear-Einflüssen. Für die breite Bevölkerung bot das heute so genannte DIY, die in Heimproduktion selbstgefertigte Kleidung, eine Chance, die eigene Persönlichkeit, mitunter mit erstaunlicher Extravaganz, zur Schau zu tragen. Damit wurde die Mode entscheidende Möglichkeit der Selbstermächtigung. Zugleich bildeten Modegruppen, Textilzirkel, Konsumverzicht und Selbermachen eine stille Protestform gegenüber dem Staat.
Die „M-Kollektion“ von 1990 – M für Modeinstitut, Mode und Macher – wurde zum konzentrierten Ausdruck der gestalterischen Vielfalt des DDR-Modedesigns. Zwei Jahre vor der friedlichen Revolution in Auftrag gegeben, verband sie Einflüsse aus Folklore und Hippiekultur und markierte den Zeitenwechsel rund um den Mauerfall.
Aus dem Modeinstitut der DDR entwickelte sich das Modeinstitut Berlin als GmbH, die bis 2004 bestand. Themen und Sonderaufträge, die bereits Mitte der 1980er-Jahre entstanden waren, wurden unter veränderten politischen und wirtschaftlichen Bedingungen weitergeführt, darunter die Entwicklung von Mode für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen.
Die Ausstellung zur Geschichte des Modeinstituts bietet reichhaltige Erkenntnisse zur Alltagkultur, zum Empowerment und zur kreativen Szene. Sie wirft damit einen exemplarischen und differenzierten Blick auf die DDR, ihre Strukturen, Strategien und Potentiale.
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle in Kooperation mit dem Berlin Museum
Kuratorinnen: Eva Kraus, Elke Gaugele
Museologin Sammlung Mode und Textil, Belin Museum: Claudia Anna Ravazzolo
Ausstellungleitung: Henriette Pleiger
Szenographie: Tilo Schulz
Interactions 2027
1. Mai bis 1. November 2027
Seit 2023 veranstaltet die Bundeskunsthalle ein Sommerprogramm der Interaktionen und des Spiels rund um die Bundeskunsthalle.
Wieder dabei sind aus den Vorjahren der beliebte Wasserpavillon Circular Appearing Rooms von Jeppe Hein und die Bonner Rutschbahn von Carsten Höller. Das organische Klettergerüst von Temitayo Ogunbiyi You will follow the Rhein and compose play (playground) und die drei Fußballtorwände Camouflage/Torwand 1–3 [Croy, Kleff, Maier] von Olaf Nicolai bereichern im Sinne eines nachhaltigen Denkens auch wieder den spielerischen Parcours. Auch Finnegan Shannons blaue Bänke Do you want us here or not (KAH) und Martin Pfeifles Onda können wieder als Sitzgelegenheiten genutzt werden, bieten einen Ort zum Verweilen an und thematisieren u.a. Zugänglichkeiten von Kunst im Allgemeinen und in Ausstellungsräumen.
Nach dem Themenjahr der ökologischen Nachhaltigkeit 2025, stand das Jahr 2026 im Zeichen der sozialen Nachhaltigkeit, des Zusammenhaltes und der Achtsamkeit. Nun werden in 2027 unter dem Titel On Beauty. Eine Themenjahr der Ästhetik Kunstwerke präsentiert, in deren Zentrum weniger „die Schönheit“ in der Kunst steht, als vielmehr die gesellschaftlichen Diskurse, kulturellen Entwicklungen und symbolischen Zuschreibungen, die sich in und durch die Kunst manifestieren. Diesem Thema folgt Interactions 2027, auch wenn alle Werke oder Projekte eine eigene Erzählung oder Vision beinhalten, die es neben der Interaktion zu entdecken gilt. Die Angebote machen deutlich, dass Offenheit sowohl dem individuellen als auch dem gemeinsamen Erleben dient und ein Miteinander Toleranz, Unterschiedlichkeit und Sensibilität fördert.
Alle angefragten Künstler*innen sind an Ausdrucksformen und Techniken interessiert, die die mögliche Distanz zur Kunst abbauen, unsere Wahrnehmung bereichern und Menschen in unserer komplexen, diversifizierten Gesellschaft vielleicht leichter in Austausch treten lassen.
Wie in den Jahren zuvor wird am 30. April ein Tanz in den Mai das Eröffnungsprogramm einleiten, das sich über das Wochenende mit Workshops und Performances präsentiert.
Kuratorin: Susanne Kleine
Jetztzeit. Wolfgang Tillmans
27. Mai bis 3. Oktober 2027
Wolfgang Tillmans‘ Werk ist geprägt von der genauen Beobachtung seiner Umwelt sowie von einer stetigen technischen Auslotung der Möglichkeiten fotografischer Bildgewinnung – häufig unter Einbezug experimenteller Verfahren mit Papier, Licht und Chemie.
Mit feinem Gespür für gesellschaftliche, soziale und politische Entwicklungen entwickelte Wolfgang Tillmans eine unverwechselbaren Bildsprache. Seine ruhige, aber gewichtige Stimme macht ihn, gerade auch für jüngere Generationen, zu einem der bedeutendsten internationalen Künstler der Gegenwart.
Tillmans ist ein sensibler, wachsamer und besonnener Beobachter. Seine Arbeiten laden zum Sehen und zur Schärfung des eigenen Blickes ein und reichen von intimen und eindrücklichen Porträts von Freund*innen, Wegbegleiter*innen bis hin zu gesellschaftlichen Begegnungen über Szenen aus der Clubkultur oder dokumentarischen Porträts. Hinzu kommen poetische Natur-, Himmels- oder Mondbilder, Meeres- und Flussbilder, abstrakte Bilderwelten, die im Alltäglichen oder auch Zufälligen wurzeln, sowie ungewöhnliche, berührende Stillleben aus dem Alltag und Zitate aus der Kunstgeschichte.
Im visuellen Wechselspiel zwischen dem Universellen und dem Einzelnen, zwischen dem Allgemeinen, Öffentlichen und dem Individuellen, Privaten reflektiert Wolfgang Tillmans die Verknüpfungen zwischen Natur, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur und die gegenseitige, fragile Abhängigkeit, die unser Leben prägt. Sein ehrlicher Blick lässt Verletzbarkeit, Empathie und Humanität zu. Der Zauber seiner Werke liegt dabei in der unaufgeregten, stillen Kraft und Intensität.
In der Bonner Präsentation liegt der Fokus auf dem umfassenden Archiv von Wolfgang Tillmans. Der Künstler unternimmt damit den Versuch, über mehr als vier Jahrzehnte hinweg gesammeltes Material – Zeitschriften, Artikel, Kataloge, Flyer, Einladungskarten, Ephemera und vieles mehr – zu reflektieren, das er in Deutschland, Großbritannien, in ganz Europa sowie international zusammengetragen hat. All diese Fragmente verdichten sich zu einer eigenständigen Installation, in die auch Vitrinen und Tische aus dem Centre Pompidou in Paris integriert sind.
Durch den Archivgedanken und die jeweiligen Bildwerke betont die Ausstellung die Vernetzung von Geschichte(n) und unsere Prägung durch Bilder. Die horizontalen Tischarrangements öffnen den zweidimensionalen zu einem dreidimensionalen Bildraum und bereichern die Erfahrung des Sehens und der Informationsverarbeitung.
Zusätzlich zu dieser umfangreichen Archivinstallation, die unseren Weg bis zum Hier und Jetzt und unseren aktuellen Zustand nachzeichnen soll, zeigt Tillmans vornehmlich neue Fotografien sowie Videoinstallationen.
Kuratorin: Susanne Kleine
SUKI 数寄
Zum Wesen der Schönheit in Japan
3. September 2027 bis 16. Januar 2028
Die japanische Kultur, von der Gartengestaltung und Architektur bis hin zur Kunst, zum Kunsthandwerk und zur Kulinarik, hat die zeitgenössische Ästhetik deutlich geprägt. Prinzipien wie Zurückhaltung und das wertschätzende Bewusstsein für die Jahreszeiten sowie Konzepte wie wabi-sabi finden weltweit Anklang. Doch so populär und weit verbreitet diese Vorstellungen in vielen Bereichen der Gesellschaft auch sein mögen, verbleiben sie uns in Wahrheit vage. Die Ausstellung beleuchtet die Prinzipien und Formen dieser Ästhetik, indem sie diese zu ihren modernen Wurzeln zurückverfolgt.
Dazu präsentiert sie anhand historischer Meisterwerke von herausragender Bedeutung, die hauptsächlich aus Privatsammlungen stammen und selten außerhalb Japans zu sehen sind, detailliert die ästhetischen Prinzipien, die von Sen no Rikyū (1522–1591) entwickelt wurden, welcher die Prinzipien des cha no yu („Weg des Tees“ oder „Teezeremonie“) kodifizierte.
Durch eine originelle Szenografie zeigt diese Ausstellung die historische Entwicklung dieser Ästhetik nach Sen no Rikyū, ihre Verbindungen zum modernistischen Design des Westens, sowie ihren Nachhall in der zeitgenössischen Kunst und im Kunsthandwerk Japans. Die Besucher werden auf einem kurzen Weg vom Eingang eines imaginären Gartens zu einem Teepavillon eingeladen. Dieser Weg wird von Werken begleitet, die symbolisch jeden Schritt zum Teepavillon markieren und unsere Sinne darauf vorbereiten, diese Ästhetik angemessen wahrzunehmen. Speziell für die Ausstellung wird eine Nachbildung in Originalgröße des legendären, eineinhalb-Matten-großen Teepavillons nach dem Entwurf von Rikyū errichtet. Anschließend werden die Besuchenden mit den von Rikyū festgelegten ästhetischen Paradigmen und der Formensprache der Teeutensilien vertraut gemacht, bevor ihnen Teeschalen (chawan) präsentiert werden, einem Grundpfeiler dieses Universums, der für westliche Betrachter besonders schwer zu verstehen ist. Anhand von Meisterwerken aus China, Korea und Japan wird die ästhetische Entwicklung der Keramik aufgezeigt, die unter Rikyūs Leitung zur Entstehung der Raku-Schale führte. Neben den Teeschalen präsentiert die Ausstellung eine Typologie der chashaku, oder Teelöffel. Durch ein Objekt, das so bescheiden und unbedeutend erscheint wie ein zum Servieren von Tee geschnitztes Stück Bambus, kommen sowohl die Persönlichkeit seines Schöpfers als auch die von ihm geschätzten ästhetischen Prinzipien zum Ausdruck. Da Teegeschirr in der Regel nicht einzeln verwendet oder ausgestellt, sondern in einem für jeden Anlass neu zusammengestellten und gestalteten Ensemble präsentiert wird, werden die Grundprinzipien dieses Ensembles, toriawase, vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist die Auswahl eines Kunstwerks, das in der tokonoma, einer Nische im Teepavillon, die genau diesem Zweck dient, ausgestellt wird. Anhand einer Auswahl von Hängerollen, Vasen und anderen Utensilien wird die ästhetische Wirkung der tokonoma demonstriert.
Auf diese Einführung in die ästhetischen Prinzipien der Teezeremonie folgt eine dokumentarische Analyse des Einflusses, den Rikyūs Ästhetik auf die westlichen Gestaltungsprinzipien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausübte: Bruno Taut, Charlotte Perriand und das Bauhaus integrierten die minimalistischen Formen und Prinzipien Japans auf vielfältige Weise, um ihre eigene Interpretation der internationalen Moderne zu entwickeln. Dies wird durch Reflexionen zeitgenössischer japanischer Designer über die Moderne und ihre eigene minimalistische Praxis weiter vertieft. Diese Entwicklungen im Bereich des Designs führen die Besucher zurück in die Gegenwart, in einen Teeraum, in dem Rikyūs Ästhetik nach zeitgenössischen Gestaltungsprinzipien umgesetzt wird – durch eine harmonische und nahtlose Verschmelzung traditioneller und zeitgenössischer Teeutensilien und Kunstwerke, die zeigt, wie eine vor vier Jahrhunderten entwickelte Ästhetik mit nur minimalen Veränderungen bis heute fortlebt. Die Ausstellung wird durch Kunstwerke japanischer Künstler*innen ergänzt, die diese minimalistische Ästhetik auf unerwartete und poetische Weise zeitgemäß interpretieren.
Durch dieses szenografische Panorama präsentiert die Ausstellung auf ambitionierte Weise die Prinzipien und die historischen Ursprünge der japanischen Ästhetik in ihrer Beziehung zu natürlichen Materialien, aber auch zu natürlichen, philosophischen und historischen Zyklen sowie in ihrer Formbarkeit im Kontakt mit fremden Kulturen.
Der japanische Begriff suki 数寄 bezieht sich auf eine ästhetische Vorliebe für Schönheit und Eleganz in der Einfachheit, beispielsweise in der Dichtung und in der Teezeremonie, für welche es schließlich zum Synonym wurde. Es ist etymologisch auch mit einem Gefühl der Vorliebe für Raffinesse und Eleganz und des Minimalismus verbunden – das Verb suku (reduzieren) ist homophon. Der Teepavillon ebnete den Weg für die sukiya-Architektur und große Teemeister sowie Liebhabende werden als sukisha bezeichnet. Dieses komplexe und unübersetzbare Wort verkörpert somit die Raffinesse, die Liebe zur Natur und zur Unvollkommenheit sowie die Exzentrik, aus der diese zeitlose Ästhetik hervorgegangen ist.
Kurator: Kei Osawa
Szenografie: Shin’ichiro Ogata – Simplicity
Kooperationspartner: The Art of Tea Foundation
Ausstellungsleitung: Henriette Pleiger
28. Bundespreis für Kunststudierende
29. Oktober 2027 bis 9. Januar 2028
Der Bundepreis für Kunststudierende ist einer der bedeutendsten Wettbewerbe für den künstlerischen Nachwuchs in Deutschland. Alle zwei Jahre zeigt er in einer Preisträger*innen-Ausstellung in der Bundeskunsthalle, was aktuell an den deutschen Kunsthochschulen entsteht.
Gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist der Preis mit 30.000 Euro dotiert. Hinzu kommt ein Produktionsstipendium von insgesamt 18.000 Euro, das die Ausgezeichneten dabei unterstützt, neue Werke gezielt für die Ausstellung zu entwickeln.
Alle 25 in der Kunsthochschulenkonferenz (KHK) vertretenen Akademien, Hochschulen und Universitäten nehmen an dem Wettbewerb teil und nominieren je zwei Studierende oder Studierenden-Teams. Aus den 50 Nominierten wählt eine unabhängige Fachjury anhand von Portfolios bis zu acht Preistragende aus.
Drei Institutionen tragen den Wettbewerb gemeinsam: Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert ihn finanziell, die KHK organisiert und koordiniert ihn, und de Bundeskunsthalle zeigt die Ausstellung der Preistragenden.
Der Wettbewerb hat eine lange Geschichte: Seit 1983 werden auf diese Weise herausragende Kunststudierende ausgezeichnet. Bis zur 27. Ausgabe wurde er vom Deutschen Studierendenwerk organisiert – seit 2026 liegt die Trägerschaft bei der KHK.
Aktuell befindet sich der Bundeswettbewerb Bundespreis für Kunststudierende in seiner 28. Ausgabe. Alle 25 in der KHK vereinten Kunsthochschulen haben je zwei Studierende oder Teams nominiert und warten auf die Auswahl der Jury, deren Aufgabe es Anfang 2027 sein wird, fünf bis maximal acht Preistragende zu bestimmen. Die Preistragenden haben dann bis zum Sommer Zeit, ihr Konzept für die Ausstellung vorzubereiten.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog sowie eine eigens für diesen Jahrgang erstellte Website, gestaltet von Studierenden des Fachbereichs Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule Kiel.
Schön/Sein
Vom Ideal zur Inszenierung
26. November 2027 bis 5. Juni 2028
‚Schönheit‘ bezeichnet ein sich stets wandelndes Ideal, das weder als Eigenschaft eines Objekts noch als eine Empfindung eines Subjekts verbindlich definierbar ist, aber immer wieder inszeniert wird. Unsere Vorstellungen von Schönheit sind einerseits durch die kultur- und zeitübergreifende Evolutionstheorie geprägt; Reaktionen auf sinnliche Reize sind in unserer DNA verankert. Aber Schönheit markiert nicht nur ein Werturteil persönlichen Wohlgefallens, sondern bezeichnet vielmehr ein zeitlich und epochal gebundenes Ideal, das in unserem Fall auch durch kapitalistische, patriarchal-koloniale Sozialisation und Normen geprägt ist.
Während die Antike und später die Renaissance versuchten, Schönheit in Proportionalität, Symmetrie und Harmonie anhand objektiver Kriterien wie Ordnung und Maß zu finden, konstatierten Philosophen seit dem 17. Jahrhundert, dass sich Schönheit nicht in Gesetze und Regeln fassen lasse. Man war überzeugt, dass Schönheit (und Hässlichkeit) vor allem in Empfindung und Gefühl, im subjektiven Geschmacksurteil bestehe. Unsere Gegenwart erkennt längst eine gewisse Berechtigung beider Konzeptionen an und sieht die Lösung in der Relationalität zwischen Objekt und Subjekt. Das heute relevante Gegenstück zur Schönheit ist nicht mehr Hässlichkeit, sondern eher die Freiheit, sich dem Schönheits-gebot zu entziehen.
Wenn etwas aus den vielen Debatten klar hervorgeht, dann, dass die Beschäftigung mit der Schönheit kein leichtfertiges Unterfangen ist: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“ notierte Rilke in den Duineser Elegien. Die Ausstellung nähert sich diesem komplexen Phänomen, indem sie die vielschichtigen Rollen besonders der menschlichen Schönheit in der Gesellschaft untersucht. Mit verschiedenen Betrachtungs-weisen geht sie den ästhetischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen Erklärungs-ansätzen der Schönheit nach und fragt, ob sich universelle und objektive Werte zeigen und inwieweit kulturelle, historische und ethnische Wertvorstellungen wirksam sind.
Heute ist Schönheit vor allem mit körperlicher Schönheit konnotiert. Obwohl klassische Schönheitsideale (scheinbar) keine Rolle mehr spielen, ist der Kult um den schönen Körper ausgeprägter denn je. Körper können dank zahlreicher Technologien schön gemacht werden: Mode, Kosmetikindustrie, Social Media bedienen und befeuern die Selbstoptimierung und tragen zu einer Kreation der individuellen Schönheit bei. Aber wie wird der ästhetische und künstlerische Gestaltungswille geformt? Wann wird Schönheit zu einer politischen Handlung und Haltung und zu einer Möglichkeit der menschlichen Selbstbestimmung? Kann sie zu einer Form des Widerstands gegen die Reduktion des Menschen auf eine Rolle, einen Nutzen oder eine Norm sein?
Kann Schönheit also eine Gesellschaft verändern? Unsere Ausstellung macht jedenfalls erfahrbar, dass sie kein dekorativer Luxus, keine kulturelle Geschmackszutat, sondern aus dem Leben nicht mehr wegzudenken und als Essentielles zu gestalten ist. Denn Schönheit ist sogar – so die neueste wissenschaftliche Erkenntnis – eine gesundheits-fördernde Ressource. Wie schon Stendhal vor über 200 Jahren in einer Fußnote notierte: „Schönheit ist das Versprechen von Glück.“
Kuratorisches Team: Katharina Chrubasik, Alexander Meier-Dörzenbach
Rückschau
Ausstellungsarchiv (1992 – Heute)
Sie blicken gern zurück und interessieren sich für die zurückliegenden Ausstellungen der Bundeskunsthalle? In unserem Archiv finden Sie hierzu eine nach Jahrgängen sortierte Liste. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern!